Im Porsche 917-037 durch Monaco

Freiwillig Tempo 300

Claudio Roddaro fährt Porsche 917, gern auch einfach mal so in der Stadt. In Monaco. Natürlich mit historisch korrekter Lackierung und Straßenzulassung. Warum nicht? Immer aufs nächste Rennen warten zu müssen, ist doch lästig.

Porsche 917 in Monacos Straßen
© Sasa Juric
Einen Porsche 917 überhaupt zu Gesicht zu bekommen, ist schon äußerst selten, aber einen im öffentlichen Verkehr mitten in Monaco? Als Claudio Roddaro mit seinem 917 Nr. 037 am Café bei der Start-und-Ziel-Linie der GP-Strecke in Monaco vorfährt, denke ich zuerst, dass er einen Witz macht und mit einer Replika erscheint. Der Gedanke, dass hier eines der originalen Martini-&-Rossi-Autos vom Rennen in Le Mans 1970 gerade an der Bushaltestelle vorbeikommt, ist einfach zu abwegig und surreal.
Porsche 917 in Monacos Straßen
© Sasa Juric
Zwölf Zylinder, rund 600 PS und 4,9 Liter Hubraum. Der riesige Motor mit horizontalem Lüfterrad liegt längs hinterm Fahrer.
Aber es ist Realität. Claudio gehört diese Legende auf vier Rädern, die sich von allen noch überlebenden 917 am ehesten im Originalzustand befindet. Für ein Interview hat er den Wagen aus einer Garage in der Nähe von Nizza geholt und ist auf eigener Achse in den Hafen von Monaco gefahren, Mautstellen und Fahrbahnschwellen inbegriffen.
Er hat wirklich eine Straßenzulassung, und der Sound des Zwölfzylinders, von den Schiffsrümpfen der noblen Jachten im Hafen zusätzlich verstärkt, sorgt schon beim leichtesten Gasgeben für Ehrfurcht und Gänsehaut. Erstmals bin ich zu Beginn eines Interviews sprachlos!

Eigentlich ist Claudio Ferrari-Fan. Im Jahr 2000 fuhr er mit dem Zug von Monaco nach Venedig, um dort einen Dino zu kaufen. Aber als er dort ankam, war der Wagen bereits weg. Jetzt wollte er für die Heimreise nicht wieder den Zug nehmen und fragte den Händler, ob er nicht ein anderes Auto zu verkaufen hätte, mit dem er zurückfahren könne. Ein Leichtbau-Porsche 911 RS von 1973 war das einzige Fahrzeug, das noch vorhanden war.
"Porsche hatten mich vorher nicht interessiert, ich war immer ein Ferrari-Enthusiast, weil diese Autos schon durch ihr Aussehen einfach begeistern. Aber auf der 500 Kilometer langen Heimfahrt begann ich die Eigenschaften des unaufdringlichen Porsche zu mögen. Ich hatte auch immer mal wieder 240 km/h auf dem Tacho!"

911 statt Ferrari Dino

Statt den Wagen wie ursprünglich geplant am nächsten Tag gleich wieder zu verkaufen, behielt er ihn drei Jahre lang, bis ihn der ehemalige Formel-1-Fahrer Jean-Pierre Jarrier auf der Straße anhielt und ihm einen Preis bot, den er nicht ablehnen konnte.
"Aber jetzt hatte ich keinen Porsche mehr und begann zu suchen, was besser, schneller und leistungsstärker als der RS war." Er fand schließlich einen 911 T von 1973. Der war zwar bedeutend einfacher zu fahren, aber hinsichtlich des Leistungspotenzials schon ein deutlicher Schritt rückwärts. Doch nach und nach trug er über die Jahre viele andere 911-Modelle zusammen. Mittlerweile hat er 30 Stück, vom 3.0 RSR bis zum R und von diversen Prototypen bis hin zum 917. Aber der Porsche 917 ist besonders.
Niemand legt sich aus einer Laune heraus einen originalen 917 zu. 2014 kaufte Claudio von Gérard Larrousse einen 908, um damit an klassischen Rennen teilzunehmen. Das machte ihm viel Spaß, und nachdem er den Wagen ein paar Jahre lang am Limit bewegt hatte, fragte er sich, was denn nach dem 908 käme.
"Dann kommt nur noch der 917. Er ist einfach der ultimative Porsche", so seine Meinung. Über das 917-Projekt und seine Geschichte ist bereits viel geschrieben worden. Deshalb soll hier lediglich erwähnt werden, dass nur 37 Stück gebaut wurden und sechs Exemplare Eigentum von Porsche blieben. [Mehr zur Historie und zu 50 Jahren 917 erfahren Sie hier.] Diese Wagen sind so selten und gesucht, dass sie nicht öffentlich zum Verkauf angeboten werden. Für den Erwerb eines solchen Autos braucht man daher nicht nur eine gut gefüllte Geldschatulle, sondern muss auch die richtigen Leute kennen.
Claudio machte die Sache für sich noch etwas komplizierter, weil er nicht irgendeinen 917 wollte. "Die Authentizität und Geschichte sind für mich wichtig, und so wollte ich einen Wagen mit originalem Fahrgestell haben." Die Suche gestaltete sich schwierig, aber einen Tag vor Weihnachten im vorletzten Jahr erhielt Claudio einen Telefonanruf von Porsche-Urgestein Jürgen Barth. Der erklärte ihm, dass er den Wagen gefunden hätte, den er suchte.
Claudio kaufte ihn am Weihnachtstag. Über den Preis wird Stillschweigen bewahrt, aber es gibt Andeutungen, dass man dafür eine schöne Wohnung in Monaco bekommen hätte. Und in Monaco gibt es die teuersten Wohnungen auf diesem Planeten.

Porsche 917 in Monacos Straßen
© Sasa Juric
Nummer 037 diente dem Martini-Team 1970 in Le Mans als Ersatzwagen für den Fall, dass den anderen Fahrzeugen etwas passieren sollte, wurde letztendlich aber nicht eingesetzt. Nach dem Rennen wurde das blanke Fahrgestell viele Jahre lang als Anschauungsobjekt für Studenten verwendet, um den Verlauf des Ölflusses in den Rahmenrohren vom Motor zu den vorn liegenden Kühlern und wieder zurück zu zeigen.
1978 gelangte das Chassis in den Besitz von Baur, dem Karosseriebau-Unternehmen, das alle Porsche 959 fertigte. Dort stand es, bis 2003 Carl Thompson es kaufte und in die Vereinigten Staaten brachte. Thompson ist kein gewöhnlicher Porsche-Enthusiast, er hatte alle 917-Ersatzteile von Vasek Polak, Amerikas erstem Porsche-Händler, übernommen. Dieser hatte die Teile einst zum Schrottpreis gekauft, als das 917-Projekt eingestellt wurde. 30 Jahre später war dieser Bestand für den Wiederaufbau von unschätzbarem Wert.

Chassis als Demostück

Porsche 917 in Monacos Straßen
© Sasa Juric
Tempo ist marginal, Drehzahl ist wichtig. Bei 7000 Touren beginnt der rote Bereich, bis 8000/min darf der Zwölfzylinder drehen.
Die Porsche-Experten von Gunnar Racing wurden damit beauftragt, diesen besonderen Rennwagen wiederaufzubauen, und der Blechkünstler Kevin Jeanet stellte nach Vorlagen und Zeichnungen die passenden leichten Karosserieteile her. Zum Schluss wurde der Wagen weiß lackiert und erhielt vorn und seitlich die Startnummer 37. So kaufte ihn Freisinger Motorsport und setzte ihn 2006 bei der Le Mans Classic ein. Am Steuer saß der frühere 24-Stunden-Sieger Stephane Ortelli.
Über 25 Jahre, nachdem der Porsche 917-037 zum ersten Mal in Le Mans war, drehte der Wagen dort endlich seine ersten Rennrunden.

Später kaufte ihn Greg Galdi und brachte ihn wieder nach Amerika. Er besaß ihn zehn Jahre lang und nahm mit ihm an einigen Klassik-Veranstaltungen teil. Allerdings waren das in erster Linie Schauläufe, und der Wagen wurde dabei nicht übermäßig beansprucht. Galdi veranlasste auch die Umlackierung in die legendäre Martini-Farbgebung, mit der Vic Elford/Gijs van Lennep 1971 an den 24 Stunden von Daytona teilnahmen.
Als Claudio den Wagen kaufte, war er von Gunnar Racing perfekt vorbereitet und konnte direkt gefahren werden ‒ zumindest auf Rennstrecken. Für den Einsatz im öffentlichen Straßenverkehr mussten noch ein paar Kleinigkeiten geändert werden.
Wie um alles in der Welt kann ein solcher Wagen legal im Straßenverkehr bewegt werden? Das ist einfacher, als man glaubt, denn Count Rossi bekam für Nummer 030 in den siebziger Jahren eine Straßenzulassung und schuf damit einen Präzedenzfall ‒ wenn ein Porsche 917 eine Zulassung erhält, ist sie für alle anderen Wagen ebenfalls gültig. Rossi hatte im Gesetzeswerk ein Schlupfloch entdeckt: Er erhielt die Zulassungspapiere für seinen Wagen in den USA unter der Bedingung, dass er ihn dort nicht fuhr. Übrigens ist der Porsche nicht das einzige außergewöhnliche Kraftfahrzeug auf Monacos Straßen: Ein Freund von Claudio hat es sogar geschafft, einen Formel-1-Rennwagen aus den Neunzigern für den Straßenverkehr zuzulassen!

Porsche 917 in Monacos Straßen
© Sasa Juric
Für den Betrieb im Straßenverkehr waren Bremsleuchten und Blinker erforderlich, aufgrund der Le-Mans-Bestimmungen aber bereits vorhanden. Eine Aluminiumplatte mit der Fahrzeugidentifizierungsnummer wurde auf den Rahmen genietet, und die einzige Forderung der Fahrzeugprüfer war, dass er ein Ersatzrad mitführen musste. "In Le Mans gab es die besondere Regel, dass die Wagen ein Ersatzrad dabeihaben mussten. Daher ist in der Rahmenstruktur bereits Platz für einen Stauraum vorgesehen, wo es aufbewahrt werden kann. Das passende Ersatzrad fanden wir in Deutschland, damit war alles gut", schildert Claudio. Leider ist das ideale Kennzeichen mit der Kombination X917 momentan an eine Citroën DS vergeben, und der Besitzer will sie partout nicht hergeben ...

Im Porsche 917 muss ein Ersatzrad mit

Aber ja, natürlich ... Eigentlich ist der 917 zum Rennen gebaut. "Ich habe mich dieses Jahr zur FIA Masters Historic Sports Car Championship angemeldet und fuhr in Monza gegen Gary Pearson in seinem Ferrari 512S ein tolles Rennen. Wir lagen während des ganzen Rennens vorn und wechselten uns mit dem ersten und zweiten Platz ab, bis mir in den letzten Minuten der Sprit ausging."
Der Ferrari war im Vorteil, weil im 917 ein Getriebe mit einem kurz übersetzten 5. Gang verbaut war. Jetzt hat Claudio ein speziell für Le Mans übersetztes Getriebe eingebaut, das ihm auf den langen Geraden eine um 40 km/h höhere Geschwindigkeit erlaubt. Das wären dann 380 km/h ...
Vier Rennen fuhr Claudio mit dem Porsche 2017, und nach jedem Rennen musste der Wagen lediglich gereinigt werden. Ansonsten waren keine weiteren Arbeiten erforderlich. „Das Auto wurde für ein 24-h-Rennen konzipiert, und ich fahre immer nur einstündige Rennen. Also kann ich davon 24 Rennen fahren, bis wieder eine Überholung erforderlich ist. So habe ich noch einige vor mir ..." Selbst dann, wenn noch einige Kilometer im Straßenverkehr dazukommen.


Diesen Artikel finden Sie in Ausgabe 4-2018.

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