Erich Strenger

Bilder im Kopf

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Erich Strenger war der Mann, der Porsche in Szene setzte. Fast 40 Jahre lang prägte der Grafiker die Darstellung der Marke in der Öffentlichkeit. Prospekte, Plakate, Werbung und Hauszeitschrift: Er brachte sie in Form und gab ihnen Farbe.
Erich Strenger
© Delius Klasing Verlag

Beim Nachstellen des Motivs der Titelstory unserer Ausgabe 2-2020 mit den beiden 911 Turbo haben wir uns an Erich Strenger orientiert. Er lieferte die Vorlage, das Original, das er 1975 in Weissach fotografierte, wir machten es ihm in Zuffenhausen nach. So wie wir auf das Bild mit den beiden Elfern blickten, schauten Abertausende von Menschen auf sein Werk.

© Delius Klasing Verlag

Bis heute sind seine Motive auf der ganzen Welt zu Hause. Erich Strengers stilbildende Rennplakate dienen als Vorlage für T-Shirts und Porsche-Devotionalien, frühe Ausgaben des Christophorus sind teure Sammlerstücke, Porsche druckt alte Betriebsanleitungen nach und „Rot HSK 17“ ist noch immer die offizielle Farbe des Hauses.
Der markante, breite und lange Porsche-Schriftzug aus seiner Feder, nur ein einziges Mal in den neunziger Jahren durch Kurt Weidemann überarbeitet, gehört zur Identität der Marke wie der 911.

Ist es also vermessen, zu behaupten, dass Erich Strenger in den fast vier Jahrzehnten, die er freischaffend für Porsche tätig war, mehr Spuren hinterlassen hat als so mancher Entwickler oder Designer? Für Georg Ledert, über 30 Jahre lang Werbeleiter bei Porsche, steht fest: „Niemand hat das Bild von Porsche in der Öffentlichkeit so sehr beeinflusst wie Erich Strenger.“

Gutbürgerlich und sorgenfrei wächst der am 1. Dezember 1922 in Bad Anstatt geborene Erich Strenger jun. auf. Nach der Schule macht er eine dreijährige Ausbildung zum Reprofotografen. Statt das Studium der Bildenden Künste in Stuttgart abzuschließen oder, wie vorgesehen, 1940 für Deutschland bei olympischen Ruderwettkämpfen zu starten, geht er an die Front und anschließend in russische Kriegsgefangenschaft.

FüR FREUNDE DES HAUSES

Sein erstes Geld verdient der Heimkehrer mit Jazzmusik in den Kneipen der US-Armee. 1951 gründet er das Studio Strenger – nachdem er in einem Stuttgarter Kino bei der Wahl der „Miss Covergirl“ den Porsche-Verkaufsleiter und Rennfahrer Richard von Frankenberg kennengelernt hat.
Noch 1951 legt Strenger seinen Entwurf eines PORSCHE-Schriftzugs vor, dessen Form 40 Jahre lang Bestand haben wird. Gemeinsam heben von Frankenberg und er im Jahr darauf die Zeitschrift Christophorus aus der Taufe, benannt nach dem Schutzheiligen der Reisenden. Es ist das erste Kundenmagazin eines deutschen Autoherstellers („Für die Freunde des Hauses Porsche“) und zukünftige Zentralorgan der weltweiten Porsche-Gemeinde.

Diese Partnerschaft ist der Auftakt für eine laaange Zusammenarbeit und für alle ein Glücksgriff. Strenger beherrscht das grafische Handwerk, Richard von Frankenberg liefert Texte und Inhalte. Und der Nischenhersteller Porsche erhält mediale Aufmerksamkeit. Wo andere noch illustrieren und vor allem idealisieren, setzt Porsche bei der Gestaltung der Zeitschrift von Beginn an auf das Medium Fotografie. Das passt zum nüchternen, technischen Anspruch eines Fahrzeugs für Sportfahrer und ist moderne Unternehmenskommunikation - auch wenn das Wort noch gar nicht existiert.

© Delius Klasing Verlag

Wenn Erich Strenger doch mal zu Stift und Pinsel greift, bleibt er der klaren Linie treu: Sein Entwurf des ersten 356-Handbuchs wirkt fast holzschnittartig. Der Zufall beschert dem Unternehmen eine „Hausfarbe“. Bei einer Druckerei im Stuttgarter Umland stößt Strenger auf den Farbton HSK 17, kauft Restbestände auf und lässt Briefbögen, Hüllen und die Betriebsanleitung in diesem Bordeauxrot drucken. Das „Porsche-Rot“ wird ein wichtiger Teil des Markenbilds und liegt in Form der Betriebsanleitungsmappe jedem Auto bei.

In den ersten Jahren der jungen Marke Porsche wird Strenger dort zur gestalterischen Allzweckwaffe. Das Atelier Strenger, wie es jetzt heißt, liefert zur Gestaltung auch gleich Layout- und Satzarbeiten mit. Der erste ‒ noch altmodisch, weil überhöht gezeichnete ‒ Verkaufsprospekt aus seiner Feder stammt von 1952.
Das Prospekt-Titelblatt für den schnellen, harten 356 A Carrera von 1957 malt er in lauten, vom imaginären Tempo verwischten Farben, innen dominiert Technik im Detail. Der Prospekt für den 356 B ist bunter, luftiger und vornehmer, der für den 904 GTS kühl und technisch. Der süßliche Glanz des Wirtschaftswunders findet sich bei Porsche nirgendwo.

Wenn Porsche Gefahr läuft, altmodisch zu wirken, grätscht Erich Strenger dazwischen. 1960 ersetzt er den alten, von Hand gemalten Christophorus-Schriftzug durch eine moderne Type, um zwei Jahre später bei Ausgabe Nr. 45 zur Schrift Helvetica und der Schreibweise „chri-sto-pho-rus“ zu wechseln. So halten sie es bis heute.

Auch Erich Strenger selbst verändert sich. 1959 lässt er sich von seiner ersten Frau scheiden und heiratet 1964 in Zürich die Schauspielerin Ursula Oberst, die in den nächsten 25 Jahren als ordnende Kraft und Model eine zentrale Rolle in der Werbeagentur spielen wird. Beruflich läuft es längst so gut, dass Strenger selbst ganz oben in der Porsche-Palette einsteigt und im ebenso starken wie komfortarmen und sündhaft teuren 356 A Carrera vorfährt. Es ist die Zeit, in der er de facto zum Werksangehörigen ohne Mitarbeiterausweis wird.

Er lebt, was er tut. Kommen PS und Geschwindigkeit ins Spiel, verschwimmen im Schaffen Erich Strengers schnell die Grenzen zwischen Gebrauchsgrafik und Kunst. Auf keinem anderen Feld ist er so kontinuierlich aktiv, vom Anfang bis zum Ende seiner Karriere bei Porsche, wie bei der Gestaltung von Rennplakaten, die vor allem in den ersten Jahren eine Mischung aus öffentlichem Aushang und Reklame darstellen.
Finden die Rennen außerhalb Deutschlands, vielleicht sogar auf einem anderen Kontinent statt oder fehlen Fotos, sind Zeichnung oder Malerei die einzige Möglichkeit, den Triumph zeitnah darzustellen.
Wie damals üblich, zeigen die Plakate der fünfziger Jahre noch die Signatur des ausführenden Künstlers, im Jahrzehnt darauf fügt das Atelier Strenger immer häufiger Fotos und Ausschnitte von Bildern ein oder arbeitet nur mit Schrift. Ungewöhnliche Perspektiven, extreme Typografie und kontrastreiche Farben machen die Porsche-Plakate der sechziger und siebziger Jahre unverwechselbar, der Stil der jeweiligen Zeit fährt immer mit.

Nebenbei beschäftigt sich Strenger in freien Arbeiten, Grafik und Siebdrucken mit abstrakten Formenmustern und optischen Effekten. Obwohl es sich um Kunst abseits von Werbung und Tagesgeschäft handelt, wird einer dieser Siebdrucke zum wohl berühmtesten und zugleich in seinem Ursprung unbekanntesten Entwurf Strengers für Porsche. Der zweifarbige Druck mit seinen unterschiedlich großen Rechtecken ist in verschiedenen Farbkombinationen als Op-Art-Sitzbezugsstoff mit dem schönen Namen „Pascha“ ab 1977 erhältlich.

Seit 1974 firmiert das Atelier als Werbeagentur Strenger, die Mitarbeiterzahl ist inzwischen zweistellig. Prospekte, Plakate, Anzeigen ‒ wie 20 Jahre zuvor ist Erich Strenger als kreative verlängerte Werkbank der Firma Porsche für die ganze Bandbreite der Unternehmenskommunikation zuständig. Im Januar 1975 erhält die Agentur den Zuschlag für die Werbekampagne des neuen 924. Die örtliche Nähe spart Kosten, Laufwege und Telefonate, die kurzen Wege vereinfachen das Arbeiten. Große Teile der Produktion übernimmt er in Eigenregie, nicht selten unter Zuhilfenahme der Werbeabteilung.

ENDE DER ZUSAMMENARBEIT von Porsche und Erich Strenger

Erich Strenger
© Delius Klasing Verlag

„Bei den Menschen auf den Fotos handelt es sich oft um Mitarbeiter der Agentur. Auch Strengers Ehefrau diente oft als Model, und bei einer Aufnahme sitze ich mit am Lagerfeuer“, verrät Ex-Werbeleiter Georg Ledert. „Das sparte Geld. Und alle Beteiligten durften mit dem Porsche am Wochenende mal nach Frankreich fahren - so einfach war das damals manchmal.“ Ein anderes Mal muss ein noch nicht eröffnetes Autobahn-Teilstück als Foto-Location für den 924 herhalten – ein Hubschraubereinsatz der Polizei stoppt die Aufnahmen.

Arbeit gibt es folglich genug, doch in den achtziger Jahren zieht sich Erich Strenger langsam aus der alltäglichen Agenturarbeit zurück, überträgt die Geschäfte seinem Sohn Rolf und zeichnet wieder. Acht bedeutende Porsche, vom 356 Nr. 1 bis zum Rennwagen 956, fasst er in der Serie „Manifestation des Außergewöhnlichen“ zusammen.
Als man 1988 bei Porsche im neu formierten Marketingteam an seinem neuen Kalender herumnörgelt, dem wer-weiß-wievielten, den er für Porsche entworfen hatte, zitiert er Götz von Berlichingen und quittiert den Dienst von jetzt auf gleich: Leckt mich doch! Nach 37 Jahren verschwindet Strenger so plötzlich, wie er einst gekommen war. Mit Ehefrau Ursula übersiedelt er nach Mallorca, wo er jeden Tag segeln kann.

1993 stirbt Erich Strenger mit 70 Jahren. Seine Bilder von Porsche bekommen wir bis heute nicht aus dem Kopf.


Diesen Artikel mit allen Fotos finden Sie in Ausgabe 2-2020.
Buchtipp: „Erich Strenger und Porsche.
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