911 TURBO 3.3 TYP 964

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Als es den neuen Turbo noch gar nicht gab, pfiff der aufgeladene 964 mit dem Kennzeichen BB - PW 943 schon um die Ecken. 30 Jahre nach dem ersten offiziellen Auftritt in Südfrankreich haben wir ein Rendezvous mit dem 964 Turbo 3.3 der Vorserie.
Porsche 964 TURBO sternrubin Seite
© Roman Rätzke

Wer die letzten Jahre oder sogar Jahrzehnte mit dem 964 haderte, weil er als neuzeitlicher Nachfolger des ursprünglichen 911 und der tradierten G-Serie mit seinen geglätteten Formen und dem Schraubenfeder-Fahrwerk zu modern, kompromissbehaftet, vielleicht sogar zu komfortabel und verweichlicht erschien, kann aufatmen: Jetzt tragen sogar die ersten Turbo ein H-Kennzeichen! Der 964 in seiner verschärften Ausführung ist nun offiziell alt.
So richtig tagesaktuell war der 964 Turbo natürlich nie. In ihm steckte viel vom Vorgänger, wie etwa der 3,3-Liter-Motor oder der alternativlose Heckantrieb. Auch die Schlüsselreize des Modells, ausgestellte Kotflügel und feststehender Heckspoiler, waren wieder dabei. Jetzt ist er ein Oldtimer, ein Klassiker war er schon längst.
BB - PW 943, der angloamerikanischen Form der Zuneigung, ein wertvolles oder geschätztes Auto nach seinem ersten Kennzei- chen zu benennen, folgend, ist noch älter als die ersten Autos, die zu Beginn des Jahres 1991 in den Handel kommen.

KENNZEICHEN AUS WEISSACH

Zugelassen am 6. August 1990, ist BB - PW 943 einer der frühesten 964 Turbo überhaupt. Das Kennzeichen, das auf eine Zulassung auf das Entwicklungszentrum Weissach verweist, zeigt an, dass er noch nicht einmal zur Stutt- garter Großserie gehört und sogar noch ein Stück weit Versuchsträger und exklusives Einzelstück ist.
Es gibt sogar einen Film, in dem der 964 Turbo in der hochaktuellen Schreifarbe Sternrubin eine tragende Rolle spielt. Die Geschichte spielt in Südfrankreich, dem Ort der Presse-Vorstellung, wo Motor Week einen Beitrag zum neuen 911 Turbo dreht, der sich mit modernster Katalysator-Technik nun auch endlich für den wichtigen US-Markt empfiehlt.

Durch den Road Test führt Moderator John Davis, ein untersetzter Typ mit Tennis- socken, Wildlederslippern und blauer Wolljacke. Während nach einem Intro im Look der frühen Achtziger und mit schriller Synthesizer-Melodie Davis’ Stimme sonor aus dem Off rauscht, gleitet die Kamera am bunten Strauß der auf geharktem Kies parkenden Testwagen vorbei. Dann fährt ein indischroter 964 Turbo mit dem Kennzeichen S - KP 8370, ein Auto, das noch in vielen gedruckten Berichten wie etwa dem Christophorus zu sehen sein wird, durchs Bild. Kurz taucht das Schwesterauto BB - PW 942 im Bild auf, dann erlebt BB - PW 943 seinen großen Auftritt in bewegten Bildern.
Der 964 Turbo 3.3 (siehe PORSCHE FAHRER 4-2014), den Porsche rund ein halbes Jahr nach dem Debüt auf dem Genfer Salon 1990 im herbstlich vernebelten Saint-Paul-de-Vence vorstellt, hat keinen glatten Werdegang hinter sich. Eigentlich sollte der Nachfolger des Ur-Turbo 930 ein reduzierter Supersportwagen werden, ein 959-Light, aber dann scheiterte das Projekt 965 (siehe Seite 30) 1988 an der Technik. Ausgerechnet.

Ein Machtvakuum entstand. Der 930 lief aus, doch ein Nachfolger war nicht in Sicht. Die Sorge, dass es vielleicht keinen 911 Turbo mehr geben würde, sorgte für eine Kursrallye am Turbo-Markt, Panikkäufe und Spekulationen. Kaufverträge wurden mit fünfstelligen Aufschlägen weitergemakelt. Die beunruhigende Sedisvakanz dauerte fast eineinhalb Jahre: 1990 gab es tatsächlich keinen 911 Turbo zu kaufen.

BB-PW 943
© Roman Rätzke

1990, DAS JAHR OHNE TURBO

Was die Entwicklung des 964 Turbo rettete, war eine Mischung aus Pragmatismus und Ratlosigkeit. Nach all den Gedankenspielen und Versuchen mit neuen, anderen Motorisierungen war der alte Turbo-Boxer die einzig gangbare Lösung.
Der im 964 zum Einsatz kommende M30/69 erwies sich als sichere Bank und sorgsam optimierte Evolutionsstufe des bekannten Monoturbo-Triebwerks, ausgerüstet mit K-Jetronic, verbessertem Ansaugsystem, einem um ein Drittel größeren Ladeluftkühler und quer hinter dem Motor sitzenden Katalysator.

Bei 0,75 bar Ladedruck holte der Sechszylinder aus 3,3 Litern Hubraum 320 PS bei 5750/min, was ein Plus von 20 PS zum Vorgänger, aber ein Minus von 10 PS im Vergleich zur alten 930-Sportkit-Variante bedeutete. Selbst die strengen Geräuschnormen der Schweiz meisterte der neue Turbo, der sanfter als das fordernde Original geraten war.
Viele Hardcore-Fans freuten sich, dass der 911 Turbo eine zweite Chance bekommen hatte, andere warfen ihm vor, dass er zu wenig neue Technik bot, wie es von einem Topmodell erwartet wurde. 70 PS und 15 km/h mehr in der Spitze kosteten in Relation zum 964 Carrera 2 rund 70.000 Mark Aufpreis. Airbags, elektrische Sitze, Servolenkung und Klimaanlage waren gemäß der Philosophie, dass Turbo auch immer Luxus meint, serienmäßig, sogar gegossene 17-Zoll-Räder gehörten erstmals zum Serienumfang. Aber mit einem Preis von 178.500 Mark kostete der 964 Turbo fast 40.000 Mark mehr als der 930 des letzten Baujahres 1989!
Wirklich moderne Zutaten wie der neu entwickelte Allradantrieb (was Porsche-intern 1989 noch denkbar schien) oder Tiptronic waren für den 964 Turbo schon gar nicht zu bekommen. Porsche schob den Wunsch der Kundschaft nach einer Fahrmaschine vor, doch der Allradantrieb hätte weitere 100 Kilogramm Mehrgewicht verursacht – und der Turbo wog schon 120 kg mehr als der Basis-964.

Porsche 964 sternrubin
© Roman Rätzke

TIPTRONIC UND ALLRADANTRIEB NICHT VERFÜGBAR

Zeitgenössische Tester sahen das Topmodell durchaus kritisch. Das Leistungsgewicht von 4,6 Kilo/PS lag über dem des Ur-Turbo mit 4,5 Kilo/PS, die ermittelten Beschleunigungswerte von 0 auf 200 km/h waren identisch, aber der 930 der Urzeit hatte dafür nur 260 PS benötigt. Bei niedrigen Drehzahlen gab sich der Motor nach wie vor zäh, und der Durchschnittsverbrauch von 22,8 Litern wurde als absurd hoch getadelt.
In direkter Gegenüberstellung von 964 Carrera 2 und Turbo im Vergleich der auto, motor + sport belegte der 964 Turbo klar den zweiten Platz. Der absolut Schnellste im Portfolio war der 964 Turbo auch nicht, diese Position behauptete der 928 GT mit einer Höchstgeschwindigkeit von 275 km/h.
Wie groß die Popularität des 911 Turbo ist, wird klar, als bei der Präsentation in Saint- Paul-de-Vence ein halbes Dutzend Testwagen aus der Garage des Hotels Le Mas gestohlen wird. Zwei Autos tauchen schnell wieder auf, geschrottet an Hindernissen am Straßenrand. Von den anderen fehlt bis heute jede Spur.
Ob die beiden Entwicklungsfahrzeuge aus Weissach in Südfrankreich als Ersatz einspringen müssen, bleibt Spekulation. Immerhin hat Porsche 270 Motorjournalisten aus der ganzen Welt geladen.
BB - PW 942 ist Presse-Einsätze gewohnt: In einer Porsche-Spezialausgabe der Motor-Presse Stuttgart vom Herbst 1990 findet sich der Vorserienwagen auf einem Gruppenbild mit 964, 944 und 928 wieder, im Heft dienen Stand- und Fahraufnahmen zur Bebilderung des 964-Turbo-Artikels. Fotos des Innenraums, des Motors gibt es nicht zu sehen.
In einem Detail unterscheidet sich der 964 Turbo, der später noch einmal in einem Test der Auto Zeitung auftauchen wird, von seinem Pendant BB - PW 943: Im Gegensatz zu diesem trägt er einen schwarzen Lufteinlass im Heckflügel, der von 943 ist in der Wagenfarbe Sternrubin lackiert.

964 TURBO 2 Heckflügel Sternrubin
© Roman Rätzke

STERNRUBIN UNTER GRAUER FOLIE

Als Hans D. aus Krefeld im Sommer 2016 den 964 Turbo kauft, weiß er vom farbenfrohen Auftreten des Autos nichts. Tatsächlich hat einer der Vorbesitzer den Elfer in der für seine Baureihe so typischen Modefarbe Grau foliert und damit das optische Erscheinungsbild ins Gegenteil verkehrt. Den Umbau auf das Bugteil des 964 RS übernahm Hans D. ebenso wie die später beim Turbo als Extra gehandelten Speedline-Räder. „Das Video von Motor Week, in dem mein Auto mitspielt, habe ich durch Zufall entdeckt“, erzählt Hans D., die alten Kennzeichen hat er sich für Ausstellungszwecke nachprägen lassen. „Und den hohen Benzinverbrauch kann ich auch bestätigen. Leider.“
Der 964 Turbo mit der Fahrgestellnummer 76 gehört zu den frühesten bekannten Vertretern seiner Art. Am 19. Juli 1990 geht die interne Bestellung des Wagens raus, am 6. August erfolgt die Zulassung auf Porsche. Die ersten Kundenautos werden nicht wie geplant im November 1990, sondern erst im Januar 1991 ausgeliefert. Immerhin ist die Produktion des neuen 911 Turbo trotz aller Kompromisse aus dem Stand bis Herbst 1992 komplett ausverkauft.
Auch BB - PW 943 wird später außer Haus veräußert, doch es existieren Lücken in der Vita. Was passiert nach der Fahrveranstaltung in Frankreich, warum taucht der Wagen nicht in anderen Publikationen auf? Das classic-graue Interieur mit reichlich Leder ist typisch für viele 964, die außen auffällige Farben tragen, aber wann gingen dem Vorserien-Turbo die Vordersitze mit den ungewöhnlichen individuell konfigurierten Stoffmittelbahnen verloren, die im Film zu sehen sind? Und was passierte mit BB - PW 942? Zum Kennzeichen mit H wie „Historisch“ gehört es auch, die Historie zu erzählen.


Dieser Artikel erschien in Ausgabe 6-2021 mit vielen weiteren Fotos.

Porsche 911 Turbo sternrubin
© Roman Rätzke

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