911 BB Turbo Targa „Polaroid-Porsche“

Anfang des Regenbogens

Ende der 70er Jahre durften auch solvente Porsche-Fahrer mal wieder ins Träumen geraten: Der 911 bb Turbo Targa verband Offenfahrten mit Aufladung, als in Zuffenhausen nur Coupés gebaut wurden. Dank bunter Optik und heißer Technik wurde der Polaroid-Porsche zum Blickfang der Titelseiten, Filmheld und Star einer ganz und gar neuen, unbescheidenen Zeit. Tusch! Nach langem Ruhestand ist das Original zurück im Rampenlicht.
Polaroid-Porsche
© Stephan Lindloff / Andreas Beyer

Ja, das muss sie sein, die heißeste Porsche-Erinnerung der Jugendzeit, geformt aus Zeitungsberichten und Filmaufnahmen. Breit, Regenbogenstreifen ringsum und ein Innenraum, der vor einstmals unerhört modernen und heute rührend altmodischen Extras nur so strotzt: Telefon mit Schnur, dreiteilige Stereoanlage, Kassettenfächer! Und dann dieser halbseidene Samtstoff auf Sitzen und Türen. Das ist er, der einzig wahre echte Porsche 911 bb Turbo Targa.

Polaroid-Porsche
© Stephan Lindloff / Andreas Beyer
Wer den wohl bekanntesten Tuning-Porsche der siebziger Jahre in Aktion sehen wollte, musste bislang hart im Nehmen sein. Ein enorm tiefgelegter Plot, dilettierende Mimen, unterirdische Dialoge und schräge Synthesizer-Musik machten den 1979 gedrehten Streifen „Car Napping – bestellt, geklaut, geliefert“ zu einem typischen C-Movie seiner Zeit – wären da nicht jene Szenen gewesen, in denen die Autos die Handlung übernahmen. In der Hauptrolle der 911 bb Turbo Targa mit dem Kennzeichen F – TT 1 und der berühmte weißen Mittelmotor-Flügeltürer CW311. Jene vom Ingenieur in der Styling-Abteilung von Porsche, und Marketing-Fachmann Rainer Buchmann auf die Räder gestellte, freie Neuinterpretation des legendären Mercedes-Benz 300SL. Ein kompletter Spielfilm als Werbebotschaft eines kleinen Auto-Veredlers aus Frankfurt am Main. Wie konnte es nur soweit kommen?

Die Geschichte begann nur ein paar Jahre zuvor. 1973 hatte sich Wirtschaftsingenieur Rainer Buchmann mit seinem Betrieb „bb Auto Exclusiv Service KG“ (das zweite „b“ im Firmennamen stand zuerst für den Partner Beller, dann für den Bruder Dieter Buchmann) in einer Pleite gegangene BMW-Werkstatt im Frankfurter Nordend selbstständig gemacht. Auf dem Hinterhof einer Shell-Tankstelle brachte der damals 28-jährige mit einem Mechaniker und einem Karosseriebauer Porsche-Fahrzeuge in Form. 911 Carrera 3.0 RS-Look, breite Kotflügel, mit Samt bezogene Recaro-Sitze und so viel Elektronik wie möglich, lautete das Standard-Repertoire bei bb.

© Stephan Lindloff / Andreas Beyer
Sonderwünschen der Kundschaft waren kaum Grenzen gesetzt, Individualisierung um jeden Preis, auch jenseits der Grenzen des guten Geschmacks, ließen die Kassen klingeln. Was die Hersteller nicht leisten konnten, bescherte kreativen Tunern wie bb volle Auftragsbücher. Richtig ins Blitzlicht-Gewitter geriet Buchmann allerdings erst 1976 mit einem Elfer in auffälligen Polaroid-Farben, ausgerüstet mit dem Dreiliter-Turbo-Motor und den Verbreiterungen des aktuellen Spitzenmodells aus Zuffenhausener Produktion.

130.000 Mark kostete der Polaroid-Porsche als Messe-Blickfang"

Ein 911 Turbo als Targa-Variante das entfachte Wünsche. Bei Porsche lief das 1974 präsentierte Topmodell, mit 260 PS und einer Spitze von 250 km/h bis dato stärkster und schnellster Porsche mit Straßenzulassung, alternativlos als Coupé vom Band. Erst 1987 stellte Porsche den 930 Coupé endlich eine Targa- und eine Cabrio-Version zur Seite – 13 Jahre nach dem Debüt und zehn Jahre nach dem 911 Turbo Targa der Frankfurter Firma bb.

© Stephan Lindloff / Andreas Beyer
Dabei war der grandiose PR-Coup eher aus Zufall entstanden. „1976 stand ein Freund vor der Tür, der war Pressechef bei Polaroid, wo ein Eyecatcher für die Photokina in Köln gesucht wurde. Da haben wir einen 911 Targa mit Turbomotor und Turbooptik gebaut, alles installiert was damals gut und furchtbar teuer war und den Wagen die typischen Polaroid-Regenbogenfarben verpasst.“, sagt Rainer Buchmann (67) heute. Als Basis des tiefgreifenden Umbaus diente ein 1974er 911 Targa mit 150 PS. Um die Grundstruktur an die gewachsene Leistung anzupassen, wurden 60 Kilogramm an Verstärkungen an Bodengruppe und Türausschnitten verbaut, anschließend die ursprünglich schmale Karosserie durch originale Kotflügelverbreiterungen – Kunststoffersatz fand bei bb keine Gnade – sowie Front- und Heckspoiler der Turbooptik angepasst. Ein Vorgriff auf den später offiziell bei Porsche angebotenen Werksturbolook (WTL), nur dass im Falle des Buchmann-Elfers tatsächlich ein serienmäßiger Turbo-Motor das Sauger-Triebwerk ersetzte.

Die Idee von Aufladung und Offenfahrten elektrisierte Laien wie Fachleute. Neben der publikumswirksamen Lackierung mit den umlaufenden Regenbogenfarben des Kameraherstellers Polaroid sorgte aber vor allem das massive Angebot von Luxus-Features sowie modernste Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik für Aufsehen. Für den PR-Rummel griff Polaroid in die Vollen, um die 130 000 Mark kostete der komplette und umfangreiche Messebau. Rainer Buchmann: „Als sich Bundespräsident Walter Scheel auch noch während der Photokina vor versammelter Presse ins Auto setzte, ging’s natürlich richtig los.“ Nur die Porsche-Hauszeitschrift Christophorus, wo ebenfalls ein Foto des Bundespräsidenten gezeigt wurde, verschwieg wenig fein den Erbauer des Fahrzeugs.

Bundespräsident Scheel sorgte für Extra-Schub

© Stephan Lindloff / Andreas Beyer
Auch die Frankfurter Zulassungsstelle gab dem Sonderfahrzeug grünes Licht, in Folge entstanden zwei weitere 911 Targa mit Turbo-Technologie. Einer in Blau-Metallic mit schwarzen Sportsitzen und ein Modell im modischen Braun-Metallic, mit farblich abgestimmter Innenausstattung und Zusatzscheinwerfern auf der Haube. Am blauen Modell hatten die Tuner Verzicht geübt und auf den Preis geachtet: Sowohl Fahrwerk wie Getriebe des 911 Carrera wurden an Ort und Stelle belassen und nur der Motor getauscht, was in Vebrindung mit dem serienmäßigen Fünfganggetriebe, bei umsichtiger Dosierung des Ladedrucks, eine vollends harmonische Kombination ergab.

Selbstverständlich waren die Ausstattungsdetails des Messe-Stücks auch für Privatkunden zu haben, die mussten allerdings zahlungskräftig sein. Allein das unerhört exotische Autotelefon schlug mit 18.000 DM zu Buche, der neue 911 Turbo-Motor kostete nur 8000 Mark mehr. 5000 Mark verschlang die HiFi-Anlage mit Blaupunkt- und Uhergeräten sowie Pionier-Boxen, 1000 Mark kosteten die Scheel-Sportsitze und weitere 3700 DM waren für die Polsterung von Sitzen und Türverkleidungen mit exklusiven Mohair-Samt (in „Fernsehsessel-Qualität“) fällig. Rund 40.000 Mark waren für den Umbau von Fahrwerk, Getriebe, Elektrik, Karosserie- und Lackierarbeiten fällig.

© Stephan Lindloff / Andreas Beyer
Es ging aber auch billiger: 1800 Mark kosteten die nachträglich installierten, weil für Targa-Modelle serienmäßig nicht erhältlichen, elektrischen Fensterheber, mit 975 Mark war die Ladedruckanzeige der günstigste Posten in der Aufpreis-Liste. Über 100 Kilogramm Mehrgewicht konnten die Modifikation an Technik, Blech und Innenraum am Ende wiegen. Für Polaroid und Buchmann zahlte sich der Aufwand aus. 1977 war die Firma bb das erste Mal auf den Titelseiten der Fachpresse, weitere Angestellte und nicht minder dramatische Auftritte – wie die Präsentation des Einzelstücks CW 311 im Herbst 1978 – kamen hinzu. Der von Eberhard Schulz, Inhaber und Gründer der Firma Isdera, erdachte, entwickelte und von Rainer Buchmann promotete CW 311 blieb ein Einzelstück – Daimler-Benz duldete den Imageträger und gratulierte den Machern zur gelungenen Umsetzung des 300 SL-Gedankens, drohte aber im Falle einer Vervielfältigung mit der Rechtsabteilung.

In Frankfurt widmete sich bb mit neuen Angeboten der Porsche-Kundschaft. Zur IAA 1977 präsentierte bb einen 924 in überarbeiteter Form und Technik mit einem 135 PS starken Motor, Kotflügelverbreiterungen, tiefer gelegtem Fahrwerk und breiten Rädern, Regenbogen-Streifen, Stereo-Technik, Telefon und neongrüner Innenausstattung. Schrilles, wenig innovatives Tuning. Außergewöhnlich war nur der Preis: 75.000 D-Mark. Auch Elfer mit Flachschnauze im Look des 935 führte bb im Angebot, darüber hinaus unvermeidliche Tuning-Attribute wie mehrteilige BBS-Räder in Bicolor-Optik, Sportsitze, HiFi-Technologie und, und, und.

911 mit integriertem Weinfach: Der Polaroid-Porsche

Mehr Diskussionsstoff lieferte das Ausstellungsstück der IAA 1979: ein Neuentwurf des großen Porsche 928. Buchmann, der Ehrgeizige, das PR-Genie, hatte Erfolg und trotzdem ein Problem. „Da haben mich alle für einen tollen Frisierer gehalten, der Porsches und Dächer aufsägt. Eberhard Schulz und ich haben sogar dem 928 ein neues Aussehen gegeben, indem wir ein T-Roof mit feststehendem Mittelholm, in das die komplette Clarion-Anlage eingebaut war, kontruierten und dem 928 ein Stufenheck verpassten. Das wollte ich aber eigentlich gar nicht. Ich wollte nie Tuner sein. Mein Ding waren neue Entwicklungen, kreativ und innovativ.“, sagt Rainer Buchmann. Nur zwei Jahre hielt die kollegiale Verbindung Buchmann-Schulz, man trennte sich tief zerstritten.

Polaroid-Porsche
© Stephan Lindloff / Andreas Beyer

Der 911 bb Turbo Targa von 1976 spielte, immer wieder mit neuen Details ergänzt und modernisiert, die Rolle des Aushängeschildes und Hinguckers. Drei verschiedene Dächer standen zeitweilig zur Verfügung: ein Faltdach, ein schwarzes Festdach und ein festes Dach aus transparentem Plexiglas. Für die Teilnahme an einer Lust- und Genuss-betonten „Beaujolais-Rallye“ wurde anstelle des Notsitzes auf der Fahrerseite ein maßgeschneidertes Wein- und Gläserfach installiert. Als er 1980 an seinen heutigen Besitzer verkauft wurde, hatte er seinen großen Filmauftritt gerade hinter sich.


Lesen Sie diesen Artikel mit noch mehr Fotos in Ausgabe 2-2012.
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