Porsche 911 Carrera Cabrio 992

Eitel Sonnenschein

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Mit Heckantrieb und 385 Biturbo-PS beginnt der Einstieg ins Elfer-Fahren unter freiem Himmel. Wohin schlägt das Pendel – ist das Carrera Cabrio ein Elfer für ein paar schöne Stunden oder einer für immer?
© Jan Weiden

Basis klingt nach wenig, nach Verzicht und spröder Einfachheit. Das 992 Cabrio mit seinem Dreiliter-Biturbo-Boxer, dem elektrischen Verdeck und dem serienmäßigen Achtgang-PDK als Basisversion zu bezeichnen, verfehlt daher das Thema. Tatsächlich ist es mit einem Preis von rund 117.000 Euro aber die günstigste Variante unter den offenen Elfern, ein Einstiegsmodell auf hohem Niveau.

Das liegt auch daran, dass Porsche dem Cabrio im Gegensatz zum frisch gebügelten Targa die Möglichkeit einräumt, ganz puristisch mit Heckantrieb unterwegs zu sein. Allradantrieb ist beim Bügel-Elfer hingegen Pflicht und treibt den Preis: Mehr als 125.000 Euro teuer ist der Targa 4, die 4S-Version kostet mit 140.327 Euro exakt so viel wie das 911 4S Cabrio.
Aber warum müssen es eigentlich immer Allrad und S-Triebwerk sein? Schon die Basisversion, da ist das Wort wieder, bietet mehr als genug!
385 PS, 450 Nm bei knapp 2000/min, der Sprint von 0 auf 100 km/h in 4,4 Sekunden und 291 km/h Höchstgeschwindigkeit – es gab mal Zeiten im Elfer-Kosmos, in denen brauchte es für solche Werte Topversionen à la GT3 oder Turbo.

© Jan Weiden

Um die Bestzeiten auszuloten, bleibt das Dach geschlossen. Am Prinzip der vor über 20 Jahren eingeführten Z-Faltung hat sich nichts geändert, allerdings hat der Geräuschpegel bei schneller Fahrt einen neuen Tiefstand erreicht. Auf der Autobahn, bei schneller Fahrt, sind die Windgeräusche gering, machen das gut sitzende Verdeck und die optimierte Aerodynamik das Cabrio zum ernsthaften Sportwagen, dessen Fahrleistungen und Handling über jeden Zweifel erhaben sind. Die S-Motorisierung mit 450 PS vermissen wir kein bisschen, schon gar nicht unter freiem Himmel.

Wird das Dach geöffnet, kommt der Komfort-Charakter des 992 wie von selbst zum Tragen. Der Gasfuß hebt sich, die hereinwehende Luft auf kurvigen Landstraßen beflügelt die Stimmung. Zwölf Sekunden braucht es, bis das Verdeck hinter den Sitzen verschwunden ist. Auch das ist eine gute Zeit.

© Steffen Wagner

Mit dem Dach legt der 992 auch eine gewisse Schwere in der Bedienung ab. Ist das Verdeck zu, sitzt es sich weit unten im Dunkeln. Die fehlenden Fensterflächen, über die Coupé und Targa verfügen, sorgen bei der Cabrio-Version für eine traditionell schlechte Übersicht nach hinten. Rückwärts fahren oder einparken gelingt am besten mit geöffnetem Dach, die Kamera am Heck hat das groß und breit gewordene 911 Cabrio bitternötig. Hell und übersichtlich wird es erst unter freiem Himmel. Bei Handlichkeit und alltagsfreundlicher Bedienung hat der kompaktere 718 Boxster dem großen Bruder 911 Cabrio eine Menge voraus.

Hinzu kommen bekannte 992-Schwächen wie teilweise vom Lenkrad verdeckte Instrumente, eine in vielen Untermenüs verborgene Bedienung oder die schnell als Spielerei empfundenen elektrisch ausfahrbaren Türgriffe. Wie viele Male hält der Mechanismus das aus und fahren sie auch wirklich wieder ein? Echt jetzt, braucht es das wirklich?! Der filigrane Wählhebel des feinnervig agierenden PDK ist Geschmackssache, taugt aber nicht zum Ablegen der rechten Hand wie bisher. Dennoch stellt sich die Frage, ob ein ähnlich kompakter Hebel an der Lenksäule nicht konsequenter wäre und weiteren Platz auf der Mittelkonsole schaffen würde.

© Jan Weiden

Zurück zur Basis. Einfach ist das racinggelbe 992 Carrera Cabrio der Testwagen-Abteilung natürlich nicht. Die Liste der Extras umfasst 25 Optionen im Wert von 34.000 Euro, von den farblich passenden Sicherheitsgurten zu 429 Euro bis zu der 8700 Euro teuren PCCB-Bremsanlage mit gelben Bremssätteln. Auch hier gilt, dass es durchaus mit weniger ginge.

Die Carrera Classic Räder zum Preis von 2157 Euro stehen dem Elfer hervorragend, belüftete Sitze für 1000 Euro machen bei hoch stehender Sonne Sinn und der optionale 90-Liter-Tank, der tatsächlich nur 185 Euro Aufpreis kostet, ist auf jeden Fall eine vernünftige Wahl und sollte in jedem 992 Standard sein. Bei einem Verbrauch von mehr als 10 Litern auf 100 Kilometern engt der serienmäßige Tankinhalt von nur 64 Litern den Radius unnötig ein. Hier stimmt es dann doch: Manchmal darf es etwas mehr sein.

Unser Fazit zum 911 Carrera Cabrio 992

Ein Schönwetter-Elfer bleibt Geschmackssache. Die Puristen greifen bevorzugt zum geschlossenen 911, die meisten offenen dürften Zweit-, Dritt- oder Viertfahrzeuge für sonnige Tage zwischendurch sein. Gerade dann macht die Basisversion alles richtig: 385 PS und klassischer Heckantrieb sind ideale Begleiter, zum Genießen braucht es nicht mehr. Schnell geht auch. Wer wollte bei einer Spitze jenseits der 290-km/h-Marke schon meckern? Weil der Aufpreis von rund 14.000 Euro im Vergleich zum Coupé noch moderat ausfällt, ist das 992 Cabrio eine Überlegung wert.


Diesen und weitere Berichte finden Sie in Ausgabe 1-2021.

© Roman Rätzke

Text: Jan-Henrik Muche
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