Bangkok ist kein Ort, von dem aus man mal eben nach Stuttgart fährt. Bangkok ist tropische Hitze, dichter Verkehr, Stromleitungen über den Straßen, Garküchen am Rand der Fahrbahn, Mopeds in jeder Lücke. Zuffenhausen dagegen: Museum, Werk, Mythos. Der Ort, an dem ein Porsche auf gewisse Weise immer beginnt, selbst wenn er am anderen Ende der Welt zugelassen ist.
Zwischen diesen beiden Städten liegen 17 Länder und 22.000 Kilometer – oder, wenn man weniger kartografisch denkt: Dschungelstraßen in Laos, endlose chinesische Fernstraßen, die Weite Kasachstans, Georgien, die Türkei, der Balkan und die Alpen. Eine Strecke, die man in zwölf Stunden mit dem Flugzeug zurücklegen könnte, wenn es nur ums Ankommen ginge. Aber darum ging es eben nicht.
Die Renndrive Crew – eine Gruppe von Autoenthusiasten aus Bangkok, die für ihre Porsche-Leidenschaft und gemeinsamen Roadtrips bekannt ist – wollte nicht ankommen, sondern fahren. Als große Bewegung von Ost nach West, als 15-köpfige Porsche-Pilgerfahrt von Bangkok in die Heimat des 911. Als einziger Europäer dabei war Stefan Bogner. Der Münchner Fotograf und Macher des Magazins „Curves – Soulful Driving“ dokumentierte die Reise, fuhr mit, stieg aus, fotografierte und gestaltete später aus 75.000 Bildern ein Buch: „Expedition Porsche“.
Bogner kannte die Renndrive Crew zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren. Bei dem Porsche-Fest „Das Treffen” in Bangkok hatte er sie zum ersten Mal gesehen. Aus Bekanntschaften wurden Freundschaften, aus gemeinsamen Ausfahrten eine Gemeinschaft – und aus einer losen Idee schließlich eine fahrbare Linie. Irgendwann meinte Suthi, ein Mitglied der Crew, er würde gerne mal wieder ins Museum fahren. Bogner antwortete: „Dann sag Bescheid, wann du kommst, wir holen dich in München ab.” Die Antwort des Thailänders: „Nein, nein – lass uns fahren.” So nahm die Geschichte ihren Lauf.
Dass diese Gruppe ihre Porsche irgendwann bis nach Europa fahren würde, ist bei näherem Hinsehen fast logisch. Wer die Hausstrecken im Norden Thailands kennt, wo die Straßen Richtung Doi-Phu-Kha-Nationalpark leerer werden, schaut irgendwann auf die Karte und fragt sich: Was wäre, wenn man einfach nicht umdreht?
Wenn man weiterfährt bis zur Grenze nach Laos am Mekong, weiter durchs grüne Nachbarland im Norden, bis man die Grenze nach China erreicht?
Rückblickend nennt Bogner den Trip ein „gepflegtes Abenteuer”. Nicht, weil es klein gewesen wäre, sondern weil die Welt heute anders funktioniert als zu Zeiten Marco Polos. Fahrzeugpapiere, Hotels, Grenzformalitäten, Navigation: Alles planbar, wenn jemand mit Akribie die Route vorbereitet – und auf die richtigen Fahrzeuge setzt.
Da wäre zunächst ein 911 Safari, Baujahr 1986, luftgekühlt, hochbeinig, gelb lackiert – eine echte Rallyekiste. Schon an Tag zwei rutschte die Kupplung, Staubeintrag. Für den Besitzer Chayanin ein Problem, für den Fotografen ein Glücksfall. „Für mich war es ein Geschenk, weil ich genau dieses Bild des Abenteuers brauchte“, sagt Bogner. „Wir hatten eine kleine Werkstatttruppe mit einem Land Cruiser dabei, zwei Mechaniker aus Thailand. Rechts an den Straßenrand, Auto aufgebockt, Street Food geholt, Karre komplett zerlegt – und nach zwei Stunden lief er wieder, bis Stuttgart dann durch.“
Außerdem: ein Cayenne S E-Hybrid mit Dachträger, ein leicht hochgelegter 987 Cayman S im Offroad-Look, ein vipergrüner 992 GTS der limitierten Thailand Edition auf Straßenreifen und ein 992 Dakar, der für diese Reise fast zu passend wirkte. „Am 992 brach in Ungarn eine Felge an“, erinnert sich Bogner. „Kurzer Hilferuf auf Instagram, fünf Minuten später stand jemand daneben: ‚Ich mache nichts anderes als Felgen.‘ Zehn Minuten später waren wir in einer echten Felgen-Matrix-Werkstatt, die Felge war geschweißt und wieder drauf.“
Begleitet wurde das Fünfergespann von einem Mercedes G-Modell und einem Toyota Landcruiser als Support-Fahrzeug, dessen Laufleistung man vermutlich nicht mehr am Kilometerzähler abliest. „Eine Kolonne, die man gesehen haben müsste”, so Bogner. Kein klinisch kuratierter Tross, sondern eine fahrende Gemeinschaft aus Sportwagen, Geländewagen, Ersatzteilen, Kameras und Geschichten – mit dem Ziel, einfach unterwegs zu sein.
Irgendwo zwischen Jiuquan und Ürümqui stellte sich der Seidenstraßen-Flow ein. Die Landschaft zieht nicht mehr vorbei, sie wird zum Zustand. Aus Entfernung wird Gegenwart. „Es gibt diesen Moment – vielleicht kennt man ihn auch vom Joggen oder Meditieren –, wo man sich fragt, was eigentlich heute für ein Tag oder welches Datum ist. Und es ist einem völlig gleichgültig“, beschreibt Bogner das Gefühl. Nach etwa zwei Wochen sei es bei ihm so weit gewesen: “Wir alle haben nebenbei noch gearbeitet und E-Mails gecheckt, aber irgendwann wird auch das gleichgültig. Dann macht es klick – und man hat diesen Moment wieder, wo alles egal ist.”
Aus der Distanz wirkt China groß, anonym, schwer zugänglich. Auf der Straße wird es schnell persönlich. Die chinesische Einreise lief schneller als am Münchner Flughafen. Pass hinlegen, Computer spricht Deutsch, Stempel, „Welcome to China", weiter. Kunming, Qujing, Xi'an, Lanzhou – Namen, die vorher abstrakt waren, werden zu Orten mit Lichtern, Kreuzungen, Restaurants und Menschen.
„An jeder Ampel, bei jedem Kaffee, morgens und abends gab es Gespräche”, erinnert sich Bogner. „Die Leute fuhren in Kolonnen hinter uns her, steckten uns Fähnchen mit Saugnäpfen aufs Auto, empfahlen Restaurants. Die Grenzkontrollen, die Polizei, sogar die Armee wollte einsteigen und eine Runde drehen.“ Der Porsche, dieses vermeintliche Statussymbol, wird unterwegs zum Kontaktmittel. Bogner nennt ihn ein perfektes Interface. Nicht weil jeder Porsche fahren will, sondern weil ein Porsche, der aus Bangkok kommt und nach Stuttgart fährt, eine Frage auf Rädern ist. Woher? Wohin? Warum? Und wer beginnt zu erklären, beginnt meist auch zu erzählen.
Zwei Monate gemeinsam unterwegs zu sein ist ein Test – für Autos, klar, aber vor allem für Menschen. Jeder hat irgendwann einen schlechten Tag. Jeder sitzt zu lange, schläft zu kurz, wartet an Grenzen, sucht Kaffee, WLAN oder Ruhe. Umso bemerkenswerter war die Harmonie in der Truppe: „Mit Thailändern unterwegs zu sein ist eine ganz andere Erfahrung”, berichtet Bogner. „Alles ist sehr weich, sehr rücksichtsvoll – man achtet automatisch aufeinander, ohne dass Ego eine Rolle spielt.“ Statt im Morgengrauen loszufahren, startete die Crew erst um acht oder neun Uhr, ausgeschlafen, mit landschaftlichem oder kulturellem Programm am Wegesrand. „Man kommt einfach nicht zum Streiten, wenn man jeden Tag neue Dinge sieht, die man noch nie gesehen hat. Man ist jeden Tag geflasht, wie schön dieser Planet ist“, so Bogner.
Nach der Weite Asiens verändert sich hinter dem Schwarzen Meer der Ton. Georgien ist rau, massiv, genau das richtige Gelände für Offroad-Cayman, Safari und Dakar. In der Türkei überlagern sich Kappadokien, Ephesos und die alten Geschichten. In Bulgarien steht das Buzludscha-Monument auf dem Programm – ein verlassenes UFO des sozialistischen Brutalismus. In Rumänien wartet der Transfagarasan, eine jener Straßen, die aussehen, als hätte sie jemand für Porsche-Fahrer in die Berge gezeichnet.
Dann Österreich: Großglockner, Porsche Club Pinzgau, Zell am See, Porsche Design Studio, Hans-Peter-Porsche-Museum, Salzburgring. Nach all der Weite wird die Welt plötzlich dichter, porschiger, vertrauter. Wer von Bangkok kommt, fährt in Österreich und Süddeutschland nicht einfach die letzten Kilometer. Er nähert sich dem Zentrum eines Mythos, der in Südostasien längst angekommen ist.
Am Ende schließlich Stuttgart, nach 60 Tagen, 17 Ländern und 22.000 Kilometern. Porsche Museum, Brand Store, Willkommensmomente. Auf die Frage, was bleibt, sagt Bogner: „Keine Tränen, keine Erleichterung, kein Triumph – einfach Glück. Man nimmt sich in den Arm, sagt Servus, und dann ist es das. Es passt dann so.”
75.000 Aufnahmen entstanden unterwegs. Man muss diese Zahl kurz stehen lassen: 75.000 Versuche, etwas festzuhalten, während man immer weiterfährt. Autos im Staub, Tempel, Tankstellen, Menschen am Straßenrand, Ballons über Kappadokien, der Transfagarasan wie eine Carrera-Bahn im Maßstab 1:1, das Buzludscha-Monument als Beton-UFO in Bulgarien. Die Kamera sei für ihn wie ein Tagebuch, sagt Bogner. „Früher hat Humboldt die Welt vermessen, andere haben gezeichnet oder geschrieben. Ich habe das Glück, leistungsstarke Kameras und einen Laptop dabei zu haben und daraus direkt ein Buch machen zu können.”
Von Anfang an geplant war das Buch nicht. Der Verlag hielt es zunächst für zu nischig. Bogner finanzierte es teilweise mit, die Freunde aus Thailand gaben ebenfalls etwas dazu. „Weil man es einfach machen muss. Weil man solche Dinge teilen muss”, so der Münchner. “Expedition Porsche” ist der Beleg dafür, dass diese Reise wirklich stattgefunden hat. Und ein Versuch, das Erlebte für andere zugänglich zu machen. Wenn man fotografiert, macht man eine Reise zweimal, erklärt Bogner: einmal physisch, dann noch einmal beim Sichten und Layouten der Bilder. „Das nimmt einen schon mit, wenn man einen Monat später diese fünfundsiebzigtausend Bilder durchgeht und denkt: Krass, was du alles erlebt hast.”
Natürlich spielt die Marke Porsche in diesem Abenteuer eine besondere Rolle. Ohne Porsche hätte sich diese Gruppe so nicht gefunden. Ohne Porsche gäbe es „Das Treffen” nicht, nicht diese Freundschaften, nicht diese Reise, nicht dieses Buch. „Porsche ist schon so etwas wie eine Religion”, sagt Bogner. „Die Familie kennt sich untereinander, die Marke bringt die unterschiedlichsten Menschen zusammen – aus verschiedenen Epochen, verschiedenen Kulturen. Welche andere Marke tut das?” Auch die Reise ist keine Leistungsschau, kein Härtetest, keine Abenteuerrhetorik von Männern gegen die Natur. Sie erzählt von Freundschaft, Gastfreundschaft, Neugier, Essen, Reparaturen, Müdigkeit, Schönheit – und davon, dass ein Auto weit mehr sein kann als ein Fortbewegungsmittel.
Was bleibt von 22.000 Kilometern? Nicht die Zahl. Nicht die Etappenliste. Nicht einmal das Ziel. Was bleibt, ist das Wissen, dass die Welt verbindbarer ist, als sie aus der Ferne wirkt. Man muss nur losfahren. Und wenn man, wie Stefan Bogner, die Kamera nicht weglegen kann, entsteht daraus später ein Buch, das genau davon erzählt: dass Reisen Geschichten sind – und ein Porsche manchmal nur der schönste Grund ist, sie anzufangen.
Stefan Bogner schaut nicht nur auf Autos, sondern auf das, was man unterwegs mit ihnen erlebt: auf Licht, Landschaft, Begegnungen, Zufälle und jene Momente, in denen aus Kilometern Erinnerungen werden. „Expedition Porsche“ ist weniger klassischer Autobildband als visuelles Reisetagebuch – großzügig gestaltet, atmosphärisch erzählt und gemacht für alle, die Fernweh am liebsten auf vier Rädern verstehen. Erschienen bei Delius Klasing, 49,90 Euro.
Erschienen in Ausgabe 5-2026