UnterwegsCool Runnings

Porsche Klassik

 · 02.03.2024

Unterwegs: Cool RunningsFoto: Marcus Leser/Porsche
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Foto: Marcus Leser/Porsche

Man muss sich einfach daran gewöhnen. Denn wer eiskalte frische Luft erwartet hier oben im nördlichsten Landstrich des winterlichen Norwegens, der wird enttäuscht: Die Rezeptoren einer mitteleuropäischen Nase erschnuppern trotz aller Kälte vielmehr ein bisschen Fischgammel. Um es deutlich zu sagen: Es stinkt. Norweger allerdings sind entzückt und verzehren den Grund der Luftverpestung sogar pur: Stockfisch. Überall trocknen auf riesigen Gerüsten an zusammengebundenen Schwanzflossen die ausgenommenen Leiber von meistens Kabeljau – eine Delikatesse im Land der Wikinger.

Wir sind im malerischen Fischerdorf Honningsvåg auf der Insel Magerøya, etwa 35 Kilometer südlich vom Nordkap. Es wird tagsüber nicht wirklich hell, und auf den Straßen ist kein Mensch zu sehen. Es ist der ideale Startort für eine Winterreise mit dem »Weltenbummler«-944 und einem aktuellen Porsche 718 Cayman S. Die Grundidee der Tour: Treffen sich zwei 2,5-Liter-Vierzylinder-Turbos im Altersabstand von etwa 30 Jahren und versuchen, eine der unwirtlichsten Gegenden Nordeuropas bei Eiseskälte zu bezwingen – vom Norkap bis zum Pirelli-Testgelände in Schweden.

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Zwar ist es mit etwa minus drei Grad nicht sehr kalt, der schneidende Wind allerdings und der ewige Niederschlag in Form von feinstem Schnee machen die Bedingungen fürs Misslingen der Mission eigentlich perfekt. Aber mit an Bord ist Dieter Röscheisen – der Mann hat Erfahrung. Der Porsche-Reifenspezialist war der Erste, der einen Porsche zum Testen durch Norwegens Norden im Winter prügelte. Besser gesagt zwei: Die Objekte waren zwei 959 mit je 450 PS und Allradantrieb. Röscheisen: »Es ging vom schwedischen Arjeplog zum Nordkap und über Finnland zurück – 2.300 Kilometer durchs weiße Nichts. Ziel: Schauen, ob die ABS-Elektronik Extrembedingungen aushält, denn der 959 war der erste Allradler mit der elektronischen Stotterbremse. Außerdem fuhren die Wagen auf den ersten 17 Zoll großen Niederquerschnitts-Winterreifen.«

Ganz so groß sind die »Füße« des »Weltenbummler«-944 nicht. Es soll ja Menschen geben, die das Auto, das seine Heimat im Porsche Museum in Stuttgart hat, noch nicht kennen. Da hilft ein kleiner Exkurs: Porsche präsentierte 1985 den 944 Turbo, der mit satten 57 Mehr-PS im Vergleich zum normalen 944 auf die Hatz gehen sollte. Der Transaxle bot nun 220 PS an – und zwar die gleiche Kraft in einer Version mit Katalysator und einer ohne den Saubermann. Doch schnell sah sich Porsche mit der Frage konfrontiert, ob so ein mit bleifreiem Benzin gefütterter Hochleistungs-Turbomotor tatsächlich zuverlässig sei.

Ein Job für den österreichischen Langstrecken-Spezialisten Gerhard Plattner. Der startete am 29. Januar 1986 mit einem wild beklebten, aber absolut serienmäßigen Exemplar, das nur durch Zusatzkanister und einen Dachgepäckträger mit Ersatzrädern aufgerüstet ist, zur Weltumrundung über fünf Kontinente – es wurden genau 41.140 Kilometer daraus. Dafür benötigte das Team nur einen Monat. Und ein paar Rekorde heimste es auch noch ein: erste Weltumrundung eines Autos im Winter, erste Weltumrundung eines Kat-Autos und schnellste Weltumrundung eines serienmäßigen Autos.

Bis zum Nordkap kam Plattner damals nicht, aber immerhin touchierte er das seinerzeit eiskalte Oslo. Also chauffieren wir heute sein einstiges Arbeitsgerät durch dieses natürliche Extrem. Der Plan: erst mal locker mit dem »Tiroler Adler« (damals so genannt wegen der Tirol-Werbung an den Flanken) und dem 718 Cayman S die 33 Kilometer von Honningsvåg zum nördlichsten Fischerort Europas nach Skarsvåg zu cruisen. Aber so einfach ist das nicht – und das ist bei beiden Autos keine Traktionsfrage: Die mangelnde Sicht lässt unseren kleinen Konvoi im Schritttempo über die wohl am wenigsten befahrene Europastraße namens 69 schleichen. Hier in dieser unwirtlichen Gegend fegt der Wind den hochfeinen Schnee horizontal über den Landstrich und damit auch über die Piste. So kann sich der Hintermann gerade eben noch an den Rücklichtern des Vordermannes orientieren, der jedoch rollt nur nach Gefühl. Denn auch die hohen Schneewälle – Folgen der mehrmonatigen Arbeit der riesigen Schneeräummaschinen – verschwinden gefährlich in einer einzigen, weißgrauen Masse. Was wird wohl noch kommen bei der insgesamt 2.000 Kilometer langen Expedition vom Kap über die Lofoten bis zum Pirelli-Testgelände auf einem zugefrorenen See in Schweden bei Älvsbyn, wo wir die Autos so richtig fliegen lassen können – wenn sie dann noch leben?

Dabei gehört der Ausflug von Skarsvåg zum Nordkap (und zurück) zu unseren sichersten Passagen überhaupt. Denn für den wenige Kilometer langen Streckenabschnitt gilt eine Sonderregel: Man darf ihn im Winter nur per »Kolonnekjøring« befahren – also nur in Kolonne hinter einem riesigen offiziellen Behörden-Schneeräumer. Der kommt doch tatsächlich nach Fahrplan – zweimal am Tag.

Das Erinnerungsfoto an der stilisierten Weltkugel am fast nördlichsten Ort Europas (nur der benachbarte Landzipfel Knivskjellodden ragt 1,4 Kilometer weiter ins Nordmeer) ist schnell gemacht, weil uns der eiskalte Wind schleunigst in die warmen Autos treibt. Nach kurzer Zeit bringt uns der Schneeschieber wieder zurück zur Schranke, und wir machen uns auf die eigentliche Reise auf der E69 Richtung Süden. Sie ist die nördlichste Straße der Welt mit Anschluss an das internationale Straßennetz.

Ziel ist zunächst das etwa 400 Kilometer entfernte Storslett, was bedeutet: Strecke keulen. Aber das sagt sich so einfach: Fast rhythmisch wechseln sich Schneestürme und Wetterruhe ab. Die Straßen sind restlos vereist, und wenn ein bisschen Schnee darauf liegt, haben wir Glück. Denn die Räder der Wagen sind nicht – wie bei allen anderen Autos, die hier fahren müssen – mit Spikes bestückt, sondern nur mit Pirelli-Winterreifen. Schnee bedeutet hier Grip.

Trotzdem geht alles gut – bis zur nächsten Schranke vor einem Pass. Wir müssen wieder auf einen Schneeräumer warten. Das dauert drei Stunden, und der Konvoi schwillt auf rund 60 Autos an. Niemand meckert, niemand hupt – die Uhren laufen hier nördlich des Polarkreises eindeutig langsamer. Endlich erscheint ein großer Schieber, und während er die Autoschlange in tiefschwarzer Nacht über den Pass leitet, sehen wir, warum der ganze Aufwand nötig ist: Lawinenabgänge haben vor kurzer Zeit jede Passage unmöglich gemacht.

Mit etwa minus fünf Grad Celsius ist es nicht viel kälter als am Tag, dennoch scheint alles in Schockstarre gefallen zu sein. Müdigkeit macht sich breit. Kein Problem im 350 PS starken Cayman S: Jeden nervösen oder lahmen Gasfuß bremst das ESP zuverlässig ein, und welche Größe die Reifen haben (vorn 235/40 R19, hinten 265/40 R19), ist auf Schnee dank ausgefeilter Elektronik völlig egal.

Der 944 mit seinen dünneren Pneus (vorn 205/55 R16, hinten 225/50 R16) dagegen will gestreichelt werden. Oder noch besser: Das Gaspedal sollte behandelt werden wie der Steuerknüppel eines Hubschraubers. Was bedeutet: Nur daran denken, was man machen will, reicht völlig aus – so sensibel reagiert das kaum belastete Heck des Transaxle-Porsche. Der 944 Turbo besitzt zwar ABS, das ist aber auch alles an Fahrhilfe. Jeden nur halbzärtlichen Gasstoß quittiert der Wagen mit plötzlichem Ausbrechen des Hinterteils. Also, Vorsicht ...

Über eine Brücke entern wir am nächsten Tag die Lofoten von Norden Richtung Süden – und da ist er wieder, dieser untrügliche Geruch von trocknendem Fisch. Hunderttausende Fische hängen über meterhohen Gerüsten, trocknen aus und werden salzig, und oft genug baumeln daneben ihre Köpfe. Die werden zu Fischmehl verarbeitet und nach China exportiert. Aber ohne Zungen – die haben die Norweger bereits vorher gelöst, sie gelten zum Beispiel in frittierter Form als Delikatesse.

Dass wir nicht wirklich schnell vorankommen, liegt nur partiell am Wetter. Tatsächlich darf man auf Landstraßen in Norwegen sowieso nicht schneller als 90 km/h fahren. Die Straßen sind schmal und manchmal auch von einer Bedarfsampel-Einspurbrücke unterbrochen. Und so haben wir keine Zeit, das Stockfischmuseum im Ort Å zu besuchen. Dafür genießen wir jeden Kilometer Weißer-Berg-rotes-Haus-kahle-Büsche-glatte-Straße-Panorama.

Mit der Fähre geht es vom südlichsten Lofoten-Hafen Moskenes aufs Festland nach Bodø. Dort angekommen, queren wir Norwegen Richtung Schweden. Kaum ist das Nachbarland erreicht, ändert sich die Landschaft. Bizarre Felsen weichen traurigem Nadelwald, geschlängelte Straßenverläufe weichen ewigen Geraden, vereiste Pisten weichen dunklem Asphalt. Wir freuen uns auf das Pirelli-Testgelände in Älvsbyn bei Arvidsjaur – denn dort können wir die Porsche gefahrlos quer fahren.

Bei der Ankunft erwartet uns kein Wachschutz, sondern der freundlich bellende Husky der Farmerfamilie, der das Gelände gehört. Auf ihrem zugefrorenen See wurden ein paar Handlingstrecken und Bremsgeraden freigeschaufelt, fertig. Jetzt muss der Tiroler Adler beweisen, dass er fliegen kann: Sind wir erst mal auf Tempo, lässt sich der Wagen feinfühlig im Drift um Pylonen oder Kurven zirkeln. Motor vorn, Antrieb hinten ist für die Freunde des gepflegten Quertreibens immer noch der Genuss schlechthin. Tatsächlich scheint das Gripniveau hier auf dem See besser als das auf norwegischen Straßen, denn wir müssen schon kräftig Gas geben, damit sich die Pirellis ihr Profil nicht zu zuverlässig mit Schnee vollstopfen. Die Schaltung flutscht, auch wenn der Schaltknüppel recht lang ist. Das Lenkrad steht ziemlich nah am Armaturenbrett und ist nicht verstellbar. Na und? Beim gezielten Haftungsverlust sieht man über solche Petitessen konzentriert und gern hinweg. Und der Turbomotor? Hängt sauber am Gas, zeigt aber noch jenes Turboloch, dass es beim Cayman nicht mehr gibt.

Im Vergleich zum 944 Turbo benimmt sich der 718 Cayman S überaus nervös – wenn man ihn von seinen Elektronikfesseln befreit. So schön das Mittelmotorkonzept ist, so herausfordernd ist der Umgang ohne PSM (Porsche Stability Management). Letztlich hat aber nur der Weltenbummler etwa dreimal Schneewehen am Straßenrand geküsst. Und eine Schneekette nach allen Regeln der Kunst zerlegt. Stets ohne Folgen. Jetzt hat der 944 Turbo 167.000 Kilometer auf der Uhr. Und ist damit noch lange nicht am Ende. Vielleicht schickt das Porsche Museum seinen Rekordwagen ja auch noch mal in die Wüste Gobi oder so. Wir würden uns sofort wieder freiwillig als Begleitung melden …

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