In acht Jahren ist meine rechte Hand nicht einmal an den Knopf des Radios in meinem Porsche gewandert. Lieber sehe ich die Nadel des Drehzahlmessers in Bewegung, als dass ich den Lautstärkeregler bewege. Wieso auch? Ich habe mit dem Klang des luftgekühlten Sechszylinder-Boxer doch den schönsten Soundtrack, den man sich nur vorstellen kann.
Überhaupt bin ich in Sachen Geräusche etwas wählerisch. In meiner Heimat Baden würde man sagen, ich bin „gschleckert“. Heißt so viel wie: Sie isst nur bestimmt Dinge. Und genau so geht es mir in Sachen Beschallung. Das Hochdrehen des Motors beim Runterschalten – eine Wonne. Der Jingle des Radiosenders – ein Angriff auf meine Ohren. Ich bevorzuge den Rausch des Fahrens statt das Rauschen des Radios, wenn mal wieder kein Sender zu finden ist. Kurven statt Knöpfe.
Okay, ein valides Argument wäre, statt eines beliebigen Radiosenders einfach meinem Lieblingskünstler zu lauschen. Gäbe es da nicht ein Problem: Mein 911, Baujahr 1984, hatte logischerweise weder einen integrierten CD-Player noch eine Bluetooth-Funktion, um das Smartphone zu verbinden. Und das ist auch gut so.
Selbst für den Song, der 1984 lange an der Spitze der Charts stand, würde ich keine Ausnahme machen: Wake Me Up Before You Go-Go von Wham!. Den Songtitel nehme ich sogar wörtlich: Drehe ich den Zündschlüssel nach rechts, bin ich sowas von wach. Da brauche ich kein Gedudel aus dem Radio, um mich bei Laune zu halten. Ich bin Puristin, möchte lieber den lebendigen Herzschlag auf vier Rädern mit allen Sinnen spüren und erleben. Ich möchte im Hier und Jetzt sein und mich nicht von irgendeinem quasseligen Moderator ablenken lassen, der mir einen unsäglichen Ohrwurm anpreist.
Nur in einer Hinsicht ist mir das Thema Radio dann doch eine Herzensangelegenheit. Ein Radio gehörte von Beginn an zur Ausstattung meines Elfers. Allerdings habe ich festgestellt, dass es aktuell nicht das Originalradio ist, das damals verbaut wurde. Sprich: Es wurde irgendwann im Lauf seines Lebens mal getauscht. Sollte ich also jemals die Chance haben, das Originalmodell zu finden und einbauen zu können, würde ich es sofort machen. Und es am Ende trotzdem nie benutzen.
Porschefahren geht durch den Gehörgang, schon klar. Innen wie außen. Doch so schön, wie die tiefen Oktaven aus dem Heck auch sein mögen, stelle ich freundlich die Frage nach links, auf welchen Sender wir denn heute Lust haben? Das führt zur fortgesetzten Funkstille auf dem Fahrersitz. Willkommen beim Krieg der Knöpfe.
Zugegeben, für ein paar Momente hat die „Aus-Zeit“ gut getan. Aber der Soundtrack der Straßen hierzulande ist inzwischen leider eher heavy metal als melodisch. Ein paar good vibes aus dem Lautsprecher tun Not. Der darf, ähnlich wie der Boxermotor nach getaner Arbeit, übrigens ruhig knistern. Den richtigen Rhythmus finden, darum geht es doch im Leben und beim Fahren sowieso. Ganz wie im Kino: Musik an den richtigen Stellen verstärkt die Handlung. Klar wünschen wir uns in Zeiten, wo die Falschen oft am lautesten sind, manchmal lieber in einen Stummfilm. Deshalb ist ein klassischer 911 ja auch eine prima Raumkapsel, jeder kann beim Dahingleiten selbst nach Lust und Laune den Geräuschpegel regulieren. Das Getriebe mag das anders sehen, aber das ist eh ein bisschen zickig. Fahren ohne Musik jedenfalls ist wie ein Cabrio mit geschlossenem Dach – der halbe Spaß, bestenfalls.
In diesem Fall bin ich lieber always on. Eine Frage der Weltanschauung für jemand, dessen erste Platte Beautiful Noise hieß. Das analoge Erlebnis, der perfekte Genuss, auch im Auto. Die Erfindung von Privatsendern mit ihren Gewinnspielen und den Immer-Gut-Drauf-Sprechpuppen gehört selbstredend nicht zum Repertoire. Das ist ja der eigentliche Vorteil an der UKW-Skala, sie erschließt einem ganz neue Bandbreiten. Manchmal schafft sogar der Verkehrsfunk eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn er 14 Kilometer zähfließend meldet, und wir mittendrin stehen.
Prinzipiell geht es auch um Gleichberechtigung: Der Fahrerin mag der Zündschlüssel gehören, dafür hat der Beifahrer den richtigen Dreh beim Radio raus. Für mich ist es das Fahren mit allen Sinnen, hören und fühlen gehören zwingend zusammen. Marketing-Menschen nennen so etwas in ihrer konstruierten Welt neuerdings wohl „immersiv“. So kommen wir am Ende doch noch auf einen gemeinsamen Sender: Take Me Home, Country Roads.