Porsche Klassik
· 19.07.2023
Sommer 2012: Die Seismografen der Porsche-Enthusiasten zeichnen aus Kalifornien kommend ein starkes Beben auf. Ein 32-minütiger Dokumentarfilm mischt die Szene ordentlich auf. Zu Anfang öffnet sich ein schweres Stahltor und wirft Licht auf einen Raum voll geparkter Porsche-911-Modelle. Eindrucksvoll, aber erst einmal nichts Ungewöhnliches. Wäre da nicht dieser Typ: Nach ein paar Sekunden stakst ein großer schrulliger Kerl mit Dreadlocks bis zu den Hüften reichend und Löchern in den Klamotten durch die Szenerie. Er rollt kunstvoll zwei Räder auf Fuchsfelgen durch die Garage und zieht kurze Zeit später Bolzen mit einem Schlagschrauber fest. Musikalisch untermalt ist das Ganze von der Rockband Humble Pie und ihrem Song »Black Coffee« aus dem Jahr 1973. Perfekt. Bereits die ersten Filmsequenzen brennen sich in das Gedächtnis von Porsche-Fans aus aller Welt ein. Der Film wird innerhalb weniger Tage millionenfach geteilt. Wer ist der Kerl? Was macht der da? 1, 2, 3 … wie viel Porsche 911?
Es ist die zweite Geburt von Magnus Walker. Einem aus England stammenden Klamottendesigner, der in dem Film »Urban Outlaw« die Rolle seines Lebens spielt: den Porsche-Nonkonformisten. Walkers Mission als Porsche-Sammler und Rocker ist mittlerweile gelernt – er ist allzu gegen und sechs Jahre später, bekannt wie ein bunter, wenn auch zotteliger Hund. Neu hingegen ist ein sehr persönlicher und ehrlicher Blick auf sein Leben. Magnus Walkers neu erschienene Biografie »Urban Outlaw« gibt Momente seiner Vita preis, die den Porsche-Rebell in einem neuen Licht erscheinen lassen. Der gebürtige Engländer blickt über 246 Seiten hinweg zurück auf eine wahre Achterbahnfahrt.
Walkers Rennbesessenheit spiegelt sich in vielen Modifikationen wieder. Natürlich spielt das Feeling des Modemachers eine wichtige Rolle, doch in erster Linie will er mit einem eher serienmäßig wirkenden Porsche das nächste Rennen bestreiten.
Ein Pfad, dessen Weg steiniger nicht hätte sein können. Vom frühen Mobbing in der Schule über jugendliche Desillusionierung, Arbeitslosigkeit und persönliche Schicksalsschläge, bis hin zur Obdachlosigkeit. »Urban Outlaw« ist überraschend ehrlich.
Als jüngstes Kind einer fünfköpfigen Arbeiterfamilie wächst Magnus Walker in Sheffield, Nordengland, auf. Die Kindheit scheint behütet. 1977 nimmt ihn sein Vater erstmals mit auf die Earls Court Motor Show nach London. Die Ausstellung ist zugleich auch Walkers erster Porsche-Moment: Ein weißer Porsche 911 Turbo Typ 930 in Martini-Lackierung sperrt dem damals Zehnjährigen Augen und Mund auf. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Der junge Walker nimmt den Sportwagen tief im Kopf geparkt mit heim nach Sheffield. Doch es sollten noch einige Lebensmeilen mit vielen Schlaglöchern vergehen, bis er vor seinem eigenen ersten 911 stehen würde. Denn mit der Pubertät von Walker beginnen auch seine Probleme. Die Schullaufbahn verläuft zuweilen chaotisch und der Engländer wird nach dem Mobbing seiner Mitschüler zum einsamen Wolf.
Als Einzelgänger entdeckt Walker den Schwimm- und Laufsport für sich und wird süchtig nach Geschwindigkeit. Sein Vater steht anfangs noch hinter ihm, doch die immer länger werdenden Haare seines Sohnes sind Walker senior bald ein Dorn im Auge. Es kommt Knall auf Fall. Magnus zieht aus, schlägt sich als Steinputzer durch und nimmt die erste Gelegenheit wahr, um nach Amerika zu flüchten. 1986 in einem Detroiter Camp für jugendliche Gestrandete erkor man ihn zum Aufseher, doch Walker zieht es gedanklich bereits weiter nach Kalifornien. Quer durchs Land per Bus dienen ihm in Los Angeles diverse Jugendherbergen, Parkbänke und Sofas von schnellen Bekanntschaften als Nachtquartiere. Wenn Walker denn schläft. Erst einmal saugt er das Nachtleben von L. A. in sich auf.
Der Punkrock-Fan, den es schon in Sheffield mit bedruckten Jeans und Jacke in so ziemlich jedes Konzert zog, lernt an der Westküste der USA schnell Musikbands kennen und atmet deren Way of life ein. Jeder Morgen ist anders, nur das nächtliche Feiern ist die Konstante im neuen kalifornischen Leben des Magnus Walker. Irgendwann ist Walker das Nomadendasein, ohne manchmal auch nur einen Dollar in der Tasche zu haben, und das Verschlingen tiefgekühlter Burritos jedoch leid. Per Zufall entdeckt jemand den eigenwilligen selbst gemachten Kleidungsstil des Engländers und fragt Walker, ob er ihm so etwas schneidern kann. In achtfacher Ausfertigung.
Natürlich kann Walker das, und es wird seine erste Auftragsarbeit. Der Nähmaschinenunterricht seiner Mutter ist plötzlich Gold wert. Bald steht Walker an der berühmten Promenade von Venice Beach und verkauft die schrillen Klamotten seines eigenen Labels. Aus einem engen Apartment voller Stofffetzen und Nadeln wird schnell eine kleine Garage und bald ein richtiges Unternehmen.
Rockstars wie Alice Cooper, der ihn später sogar auf Tournee einlädt, werden auf das britische Design aufmerksam und lassen Walkers Kassen klingeln. Und so ruft Walker den am Earls Court geparkten Porsche-Moment wieder wach. Auf einem privaten Automarkt kauft er sich seinen ersten eigenen Porsche. Ein Indischroter 911 mit sogenannter Flachschnauze und einem 2,7-Liter Aggregat. Walker sieht den Porsche bald als Kleidungsstück an und modifiziert ihn nach seinen Vorstellungen. Ob Samt die richtige Wahl für die Türinnenverkleidung war, lassen wir dahingestellt.
Je mehr Klamotten er näht und verkauft, je mehr 911 parken in seiner Garage. Walkers zweiter Porsche 911 wird ein 911 T mit der markanten 277-Nummerierung. Sogar Hot Wheels fertigt ein Miniaturmodell dieses Porsche an. Mal ersteigert er seine Sportwagen günstig, mal findet ihn das Glück über Kleinanzeigen. Immer verpasst Walker ihnen kurze Zeit später seinen eigenen Touch. Dabei wählt er aus einer Vielzahl an Stoffen und Ledersorten, lackiert die Fahrzeuge zweifarbig oder bohrt Löcher durch Türgriffe und schlitzt Motordeckel auf. Das Kunstwerk Walker ist perfekt. Er hat die Einzelstränge seiner Familien-DNA genutzt und perfektioniert: das technische Verständnis seines Großvaters, der bei der Air Force arbeitete, das musikalische Talent seines Vaters und die Schneiderfähigkeiten seiner Mutter.
»Urban Outlaw« liest sich in einem Fluss – flow – wie Walker selbst sagt. Er hat hart gekämpft für seinen Traum, in dessen Zentrum eine außergewöhnliche Porsche-911-Sammlung steht.