Das Architektenhaus hat einen wundervollen Blick über Stuttgart hinweg. Das hektische Treiben unten in der Stadt, die Baustellen rund um den Hauptbahnhof – all das ist weit weg. Eckhardt Welz öffnet die Tür. Weiß das Haar, blitzend die Augen. Die Stimme viel jünger, als man erwarten würde. Etwas über 80 Jahre alt ist er nun, doch er ist sein Leben lang ein Sportler gewesen. Ski fahren mit hohem Anspruch, segeln und natürlich der Marathonlauf. Unter dreieinhalb Stunden ist er zu seinen besten Zeiten gelaufen. Seine Frau Marion ist ganz Dame, ein Gutteil jünger als er und mit offenem Wesen. Wellig fallend das Haar und nur ein wenig Make-Up. Ein älteres Ehepaar wie aus dem Bilderbuch. Er ein Selfmademan und Architekt, sie Erbin eines grafischen Betriebes, den sie so lange führte, wie es sich noch lohnte.
Vor ihr liegt ein Album auf dem Tisch. Dazu noch Fotos und einige gerollte Lithografien, von Erich Strenger signiert. »Dass sich da noch mal jemand für interessiert, hätte ich auch nicht gedacht«, sagt sie nachdenklich. Man merkt ihr an, wie seltsam es ihr vorkommt, dass man Erich Strenger mit anderen Augen sehen könnte als mit denen eines Freundes. Oder einer Freundin. Die Herzlichkeit, die Offenheit und die vielleicht manchmal auch Ruppigkeit Strengers sind ihr im Gedächtnis. Die vielen gemeinsamen Erlebnisse. Dass er auch Grafiken angefertigt hat, die die Porsche-Werbung für eine lange Zeit geprägt haben: »Nun, jeder von uns muss ja sein Geld verdienen.« So bringt es Eckhardt Welz auf den Punkt. Der Freund Erich Strenger war ihm stets mehr im Bewusstsein als der Grafiker.
Dabei ist über seine freie grafische Arbeit der Kontakt einst zustande gekommen. Etwa 1962 war es, als Erich Strenger und Marion Welz, damals noch Schuler, sich kennenlernten, sie war damals bereits in der Litho-Anstalt ihres Vaters in Stuttgart tätig. Dort ließ Erich Strenger seine Lithografien anfertigen – immer war er mit einem Porsche vor Ort. Und auch Marions Vater fuhr einen, den alsbald die Tochter übernehmen sollte. Der weiße 356 war schon ein wenig in die Jahre gekommen. Marions Vater wollte eine größeres, ein bequemeres Auto. Und Marion – ein talentierte Fahrerin – freute sich auf den kleinen Sportwagen. »Erich hatte aber so seine Bedenken«, erinnert sich Marion Welz. Er sagte zu ihr: »So einen Wagen muss man fahren können. Du machst auf jeden Fall ein Fahrertraining damit! Ich organisiere das.« Und so nahm sie an einem Fahrerlehrgang von Porsche teil. Ihr Instruktor war niemand Geringeres als Huschke von Hanstein. Worüber man heute ungläubig staunt, war für Marion Welz ganz normal. Durch die ständigen Besuche Strengers und Erlebnisse wie jenes Fahrertraining wurde der Kontakt zu ihm – und auch zu Porsche – enger. Der wesentlich ältere Erich Strenger war aber bereits liiert mit der Schauspielerin Ursula Oberst. Um solche Beziehungen ging es bei den beiden nie. Zumal schon kurze Zeit später Eckhardt Welz in Marion Schulers Leben trat.
Der drahtige Architekt bemühte sich sehr um seine Marion. Und als sie 1970 nach Amerika reisten, um Freunde zu besuchen, da kehrten sie als Ehepaar zurück. Ein Bundesrichter – der Vater einer Bekannten von Marion – schloss in San Diego die Ehe. Zurück in Deutschland stürzte sich Eckhardt Welz wieder in die Arbeit, war als Architekt beteiligt an den Bauten zu den olympischen Segelwettbewerben in Kiel 1972. Das Segeln war es auch, was einst Marion Welz noch enger mit dem Kunden Erich Strenger verband. Etwa 1964 organisierten die Lithografischen Betriebe ihres Vaters als Kundenevent einen Segeltörn. Strenger, der die Welt sehr gern durch seine Kamera betrachtete und alles liebte, was schnell unterwegs war, faszinierte das Dahingleiten auf dem Wasser, das Schlagen des Rumpfes auf die Wellen, das Knallen der Segel. Doch es sollte noch lange dauern, bis sich der Traum von einem schnellen eigenen Segelschiff erfüllte. Zwischenzeitlich war der Job wichtig. Erich Strenger prägte die Bildsprache des »Christophorus« und zudem die Wahrnehmung von Porsche in der breiten Öffentlichkeit. Seine Plakat- und Werbeentwürfe sind bis heute beispielhaft und haben in der Werbewelt Vorbildfunktion. Doch erst auf weiten Umwegen kam er zu Porsche, denn die Geschehnisse des 20. Jahrhunderts griffen auch in seine Vita hart ein.
Erich Gustav Otto Strenger, geboren am 1. Dezember 1922 in Bad Cannstatt, kam aus einem wohlhabenden Haus. Einer Ausbildung zum Reprofotografen folgte ein Studium der bildenden Künste an der Staatlichen Akademie in Stuttgart. Außerdem war er schon als 14-jähriger in den Kader der olympischen Mannschaft berufen worden. Der Ruderer hätte an den Olympischen Spielen 1940 teilnehmen sollen. Doch dazu kam es wegen des Krieges nicht mehr. Stattdessen ging es für den Deutschen Meister im Einer-Kajak über 10.000 Meter 1942 an die Front. In Russland geriet er in Gefangenschaft, aus der er erst 1950 heimkehrte.
Hans Dampf in allen Gassen: Erich Strenger hätte an den Olympischen Spielen 1940 als Ruderer teilnehmen sollen, außerdem hatte er sich schon früh der Kunst verschrieben. Er heiratete zwei Mal. Seine zweite Frau Ursula wurde die Liebe seines Lebens. 1993 starb der passionierte Segler.
Voller Lebenshunger stürzte er sich in das bunte Treiben im Wirtschaftswunder-Deutschland. Jazz wurde zu seiner großen Liebe. Er heiratete ein erstes Mal – überstürzt. Die Ehe wurde wenige Jahre später geschieden. Mit Folgen für Erich Strenger. Denn seine erste Frau beanspruchte schlicht »alles« für sich. Er ließ ihr alles, packte einen Koffer ins Auto und begann mit Ursula Oberst ein neues Leben. Marion Welz weiß: »Sie war sein Leben.« Die beiden verband eine große Liebe, die nie nachließ.
Erich Strenger war wie gesagt immer direkt und offen. Das war es wohl auch, was ihm Punkte brachte, als er 1950 ganz zufällig in einem Stuttgarter Kino neben einem hochgewachsenen Herrn zu sitzen kam. Beide verfolgten die Wahl zur »Miss Covergirl«, doch je länger der Abend dauerte, umso uninteressanter wurde das Geschehen rund um ihn und jenen schlanken Mann mit Brille: Richard von Frankenberg. Zwei Automobil-Enthusiasten hatten sich gefunden. Von Frankenberg war zu diesem Zeitpunkt bereits bei Porsche mit dem Aufbau einer Marketingabteilung beschäftigt. »Na, Sie können sich da denken, wie das ausgegangen ist«, lacht Marion Welz. Von 1951 an entwarf nun Erich Strenger Plakate und fotografierte für den »Christophorus«. 20 Jahre lang bildeten von Frankenberg und Erich Strenger ein kongeniales Duo – bis zum viel zu frühen Unfalltod des ambitionierten Fahrers.
Wer war Erich Strenger? Der junge Grafiker Mats Kubiak hat sich dem großen Kollegen schon während des Studiums genähert und nicht nur dessen Werke in einen Kontext gestellt, sondern auch aus Interviews mit dessen Frau Ursula ein lebendiges Bild geschaffen. So leistet das Buch gleich auf mehreren Ebenen Pionierarbeit, denn weder wurden die Werke Strengers, noch ihre Bedeutung für die Marke Porsche zuvor so umfassend dokumentiert und sinnvoll in Zusammenhang gebracht.
Erhältlich ab sofort im Buchhandel. EUR 39,90 (D) ISBN: 978-3-667-10969-9
»Das war ein schreckliches Drama«, erinnert sich Marion Welz. Auf der Autobahn 81 von Stuttgart nach Heilbronn endete das Leben des Mannes, der schon mehrere Male dem Unfalltod entkommen war: einmal bei einem Rennen, in dessen Verlauf er aus einer Steilkurve geflogen war, dann bei einem Unfall in Italien 1961, bei dem seine zweite Frau ums Leben kam, und einmal 1970 auf einer Autobahnauffahrt bei Stuttgart. Doch im November 1973 kam jede Hilfe zu spät: Mit seinem 911 T fuhr er mit hoher Geschwindigkeit in einen querstehenden Kleinbus und verbrannte. »Sein kleiner Sohn Cypselus war damals gerade acht Jahre alt. Das hat ihn schon alles sehr mitgenommen. Und auch für uns war das schlimm. Man kannte sich doch schon so lang.« Man merkt Eckhardt Welz und seiner Frau Marion an, dass die damaligen Erlebnisse auf einmal wieder ganz nah sind. Doch das Leben ging weiter. Nun arbeitete Erich Strenger mit Rico Steinemann weiter am »Christophorus« und schuf sich Freiräume. So überraschte er seine Freunde Marion und Eckhardt eines Tages damit, dass er ein Segelboot gekauft hatte.
The Goodies – so hieß das Segelschiff, auf dem Erich Strenger viele glückliche Stunden verbrachte. Auch auf dem Wasser war der Automobil-Enthusiast gern schnell unterwegs. Die moderne Yacht passte gut dazu: Mit ihr gewann er 1979 die Regatta »Rund um den Bodensee«.
Eng waren die Bande geworden. In das Haus, das Eckhardt Welz gebaut hatte, zog auch Strenger mit seiner Frau Ursula ein. Das war 1976. Der Kauf des Schiffes »The Goodies« folgte dann 1979. In Southampton hatte er den WM-Halbtonner erworben. Gemeinsam mit Eckhardt Welz überführte er ihn nach Wilhelmshaven. Später nahm er damit auf dem Bodensee und im Mittelmeer an Regatten teil. »Das ist ein außerordentlich schnelles Schiff. Es passte gut zu ihm«, erinnert sich Eckhardt Welz und holt eines der Fotos, das den glücklichen Erich Strenger an Bord seines Schiffes zeigt.
Ende der 80er Jahre siedelte er mit seiner Ursula nach Mallorca über. Sie lebt noch heute dort. Erich Strenger kehrte kurz vor seinem Tod 1993 zurück nach Deutschland. »Holt mir bloß keinen Pfarrer«, hatte der überzeugte Atheist noch seine Frau und Marion Welz gebeten. Auf Mallorca hatte er sich ein Atelier eingerichtet, das es noch heute gibt. Dort hat er viel gemalt, die Zeit genossen. Der Kontakt nach Deutschland wurde weniger, auch zum Ehepaar Welz. Doch abgerissen ist er nie.
In den Erinnerungen, den Fotos, den paar Lithografien, die Marion Welz aus ihrem Betrieb aufgehoben hat, lebt er weiter. Wenn man diese Kunstwerke sieht, erkennt man sofort Teile von Plakaten und Ideen dazu wieder – ja selbst Sitzbezüge. Erich Strenger war – obwohl einige Jahre älter – immer ein guter Freund für Marion und Eckhardt Welz. Ein Mensch, den man nie vergisst. Ein Freund mit all seinen Facetten und eben keine Ikone auf einem Marmorsockel.