Vieles in seinem Leben verdankt Dominik Gührs dem Zufall, zum Beispiel seine Karriere. »Als ich zehn Jahre alt war, wollte ich mir ein Skateboard kaufen. Der Verkäufer hat mich zu einem Wakeboard überredet. Das sei viel cooler«, erzählt der gebürtige Münchner, der heute, 18 Jahre später, zur Weltspitze der Wakeboarder gehört. 2011 und 2015 holte sich der Red-Bull-Athlet den Weltmeistertitel, dreimal war er Europameister. Um seinen Hals baumelt ein Anker an einer Silberkette, ein Symbol für das wichtigste Element in seinem Leben: Wasser. Und zugleich ein Zeichen für das, was dem 28-Jährigen sehr wichtig ist: »Ich darf die ganze Welt bereisen, die schönsten Orte kennenlernen.« Verankert fühlt er sich in München, wo seine Familie lebt.
Ein weiterer Zufall ist es, dass die Redaktion von Gührs’ Elfer-Liebe erfahren hat. In einem Interview erzählte der Wakeboardprofi von seiner Vorstellung eines Traumtags, der selbstverständlich auf dem Wasser stattfindet. Der Weg dorthin am liebsten in einem luftgekühlten Porsche 911. Am allerliebsten in einem Targa. Besonders viel Freiheit für ihn und sein Board. Also haben wir ihn mit einem Porsche 911 Carrera 3.0 Targa zu Hause abgeholt und sind mit ihm zum Wassersportpark Geisenfeld gefahren. Natürlich auf Umwegen fernab der Autobahn. Kurven und Kehren.
»Jeder Elfer ist etwas ganz Besonderes. Er ist sportlich, klingt phänomenal, hat einen ganz besonderen Style. Und er steht für einen Traum, der erreichbar ist.«
»Hätte mir der Verkäufer damals kein Wakeboard aufgeschwatzt, wäre ich heute bestimmt Polizist«, erzählt Gührs, der schon immer einen Beruf ausüben wollte, der etwas mit Sport zu tun hat. Mutter Waltraud ist Zahnarzthelferin, Vater Günther Postbote. Sein fünf Jahre älterer Bruder Florian arbeitet bei BMW und zählt zu seinen engsten Vertrauten. »Wir haben damals gemeinsam mit dem Wakeboarden angefangen«, sagt der Red-Bull-Athlet. »Dass ich Profi werde, war nie geplant, aber ich finde es natürlich toll, von meinem Hobby leben zu können«, sagt Gührs, der sich in der Schule nie wohlgefühlt hat. »Ich finde diesen Leistungsdruck in jungen Jahren grenzwertig. Jedes Kind hört immer wieder, dass es sich sein Leben verbaut, wenn es schlechte Noten schreibt.« Für ihn war das Schönste an der Schule der Schlussgong am Mittag. Ab zum See. »Ich konnte nie still sitzen. Beim Wakeboarden bin ich dann in Gedanken den Stoff für die Schule durchgegangen«.
Vorsichtig legt er sein Board auf den Beifahrersitz und schnallt es an, nicht ohne vorher noch ein Handtuch zwischen Kante und weiß-grünen Tartan-Sitz zu fummeln. Der Porsche 911 Carrera 3.0 Targa ist ein ganz besonderes Exemplar, in den Modelljahren 1976 und 1977 wurden nur 1.105 gebaut. Das Speedwaygrün war eine Sonderwunschfarbe und ist in Kombination mit der Innenausstattung ein Unikat. »Dieses Modell ist fast unrestauriert, da schlägt mein Herz noch schneller«, erklärt er, als er endlich auf der Fahrerseite einsteigt. Der Drei-Liter-Carrera mit schwarzem Targa-Bügel und schwarzen Fenstereinfassungen war bei der Markteinführung das Bindeglied zwischen dem Homologationsmodell Carrera 2.7 RS und dem 930 Turbo. Ein paar Daten, bevor wir zum See fahren? Der Sechszylinder-Boxermotor leistet 200 PS, das maximale Drehmoment von 255 Nm wird bei 4.200/min erreicht, Topspeed 240. Aber um Höchstgeschwindigkeit wird es heute nicht gehen. Nur um hohe Sprünge, das muss reichen für ein schnelles Date zwischen einer luftgekühlten Ikone aus dem Museum und dem Herrn der Lüfte auf dem Wasser.
Zeitreise. Zwischen den 911-Modellen Carrera RS 2.7 und 930 Turbo reiht sich der Carrera 3.0 ein. Früher minimal unterschätzt, heute maximal begehrt.
Es ist Montagmorgen, meteorologisch gesehen längst Herbst, die Sonne scheint, Gührs träumt von Regen in Geisenfeld, denn: »Wenn es kalt ist und regnet, ist der See so schön leer. Der Sommer 2018 war für mich schrecklich, weil einfach zu viel los war auf dem Wasser«, sagt er und schickt sofort eine beschwichtigende Geste mit seiner Hand hinterher. »Wäre ich jetzt Polizist, würde ich jetzt bestimmt vom vergangenen Sommer schwärmen.« Deutschland ist in Sachen Wakeboarden ziemlich verwöhnt, erzählt der Profi, denn hierzulande gibt es mit 90 Anlagen die meisten der Welt. »Was nicht zuletzt daran liegt, dass Deutschland die Cables (Wasserskilifte) erfunden hat«, erklärt er. »Die Sportart wächst sehr schnell, trotzdem werde ich immer wieder gefragt: Wakeboarden? Ist das das mit dem Schirm?«, sagt er und lacht, »nee, das ist Kitesurfen.«
Bis heute hat Gührs etwa 70 Wakeboards besessen, an mehr als 100 Contests teilgenommen und zwei Weltmeistertitel am Cable eingefahren. Dazwischen liegen zehn Monate hartes Training und zwei Monate Wakeboardpause, um die Gelenke zu schonen. Sein bisher schlimmster Unfall war ein Schädelbasisbruch, als ihm jemand über den Kopf gefahren ist. »Das war 2003, damals hat man keine Helme getragen, weil es noch keine Kicker gab«, erzählt er und deutet auf die Sprungschanzen im Wasser, die man mit hoher Geschwindigkeit anfährt. Insgesamt hat der Profi mehr als 100 Tricks auf Lager, am liebsten springt er Doppelsaltos. Aufgeregt ist er vor Wettkämpfen nicht, sagt der Red-Bull-Athlet mit einer solchen Ernsthaftigkeit, dass es daran keine Zweifel geben darf. »Ich trainiere so hart, dass ich selbstbewusst antrete. Das ist reine Kopfsache, man muss einfach ruhig bleiben und an sich glauben«, bekräftigt Gührs, der so ehrgeizig ist, »dass ich ohnehin nie mit meiner Leistung zufrieden bin, egal wie gut sie ist«.
Sein Leben nach der Karriere überlässt er nicht dem Zufall: »Ich könnte mir vorstellen als Fotograf zu arbeiten, gerade auf Social-Media-Kanälen sind gute Fotos und Videos sehr wichtig. Die Reichweiten werden immer höher.« Wenn er ein wenig mehr handwerkliches Talent hätte, sagt er, würde er eine Werkstatt eröffnen und Cafe Racer oder Oldtimer restaurieren. »Ich bewundere gute Mechaniker. Ein Bürojob wäre nichts für mich, da wäre ich abends nicht ausgelastet und würde meiner Freundin nur auf die Nerven gehen.« Ganz sicher möchte er künftig einen Porsche 911 besitzen. »Jeder Elfer ist etwas ganz Besonderes. Er ist sportlich, klingt phänomenal, hat einen ganz besonderen Style. Und er steht für einen Traum, der erreichbar ist«, sagt Gührs, der sich längst nach einem luftgekühlten Modell umsieht. Den grünen Targa wird er künftig im Porsche Museum besuchen. Apropos besuchen, den Verkäufer, der ihm vor 18 Jahren das Skateboard ausredete, hat er bis heute nicht mehr getroffen, obwohl er versucht hat ihn zu finden. Und was ist jetzt mit dem Skateboarden? »Das kann ich leider bis heute nicht, da bin ich komplett talentfrei.«