Seit der ersten Ausgabe von »Luftgekühlt« vor vier Jahren auf dem Parkplatz eines Coffeeshops im kalifornischen Venice ist das Porsche-Treffen aus den Instagram-Bilderströmen und Filterblasen der meisten Petrolheads nicht mehr wegzudenken. Einer der Vorreiter der neuen automobilen Subkultur, die luftgekühlte Boxermotoren ins Zentrum ihrer Leidenschaft gestellt hat und nun mit reichlich kalifornischer Nonchalance und ausgeklügelter Inszenierung unzählige Jünger um sich versammelt, ist der 37-jährige Rennfahrer Patrick Long. Er ist mit dafür verantwortlich, dass junge Menschen auf der ganzen Welt heute von klassischen Porsche träumen – und analoges Elfer-Fahren genauso cool finden wie Skateboarden und Wellenreiten.Wir treffen Patrick Long einen Tag vor der ersten deutschen Ausgabe von Luftgekühlt in München für eine gemeinsame Ausfahrt: T-Shirt, kräftiger Händedruck, rotblondes Haar, die Aura eines College Kids, ein freundlicher, klarer Blick unter der Baseballmütze mit dem »Luft«- Schriftzug. Lächelnd hält er die Beifahrertür eines bahamagelben Porsche 911 T von 1969 für uns auf.
Bunt, locker, demokratisch, cool – dank Luftgekühlt ist Porsche-Fahren heute in Kalifornien so beliebt wie Skateboarden oder Wellenreiten.
Als Werksrennfahrer von Porsche ist er seit 2003 ständig unterwegs – und das meist verdammt schnell: Er hat zweimal die Pirelli World Challenge und dreimal die ALMS GT-Meisterschaft gewonnen und Klassensiege bei den 24-Stunden-Rennen von Le Mans und Daytona sowie den 12 Stunden von Sebring eingefahren. Momentan startet er zwei- bis dreimal pro Monat auf einer Rennstrecke irgendwo auf der Welt und testet nebenher die neuen GT-Rennwagen von Porsche. Mit dem Erfolg von Luftgekühlt ist sein Terminkalender noch voller geworden. Bei der fünften Ausgabe im Mai in Los Angeles kamen in vier Tagen mehr als 600 Autos und über 8.000 Gäste zusammen. Ende August feierte Luftgekühlt dann auf einem alten englischen Militärflughafen seine Europapremiere. Nun hat Porsche das Treffen für Fans luftgekühlter Boxermotoren erstmals in die Heimat der Marke geholt.
Patrick Long legt die Hand auf den Schaltknüppel, startet den Motor, lenkt den fast 50 Jahre alten Sportwagen mit der traumwandlerischen Routine eines versierten Rennfahrers auf die Straße – und beginnt sogleich zu erzählen. »Ich habe schon als Kind viel Zeit bei Auto-treffen und auf Rennstrecken verbracht. Mein Großvater besaß eine Tankstelle in Burbank Glendale, wo die kalifornische Hot-Rod-Kultur ihre Wurzeln hat. Auch mein Vater und mein Onkel waren autoverrückt, sie nahmen mich überall mit hin.« Später, als er selbst professionell Rennen für das Porsche-Werksteam fuhr und seinen ersten klassischen Carrera besaß, suchte er vergebens nach einem Ort, an dem man sich in lockerer Atmosphäre über Autos unterhalten – und dazu auch Freunde und Familie mitnehmen konnte. Doch er fand nichts, wofür es sich lohnte, sonntags den Wecker zu stellen. »Also hatten wir die Idee, ein Autotreffen zu veranstalten, das auch für Menschen attraktiv war, die bisher nichts über alte Porsche wussten«, erinnert sich Patrick Long, während er die Drehzahlnadel des Elfers dröhnend nach oben treibt. »Wir wollten Musik, wir wollten Familien, wir wollten Tacos, und wir wollten die schönsten Autoklassiker an einem Fleck, mehr nicht.«
Als Titel wählten er und der Mitbegründer Howie Idelson den deutschen Zungenbrecher »Luftgekühlt«, der nun sogar Einzug in den Wortschatz junger Amerikaner gehalten hat. Patrick Long lacht: »Unsere Freunde konnten es nicht aussprechen und hatten keine Ahnung, was es bedeutete, aber sie fanden es großartig!« Der Künstler Carbie Tuckwell verlieh dem Event mit seinen charakteristisch-kindlichen Buntstiftzeichnungen dazu einen ganz eigenen, zeitgemäßen Look. Nach einer Ankündigung in den sozialen Netzwerken kamen an einem Sonntag im Herbst 2014 einige Hundert Menschen vor dem Coffeeshop von Deus Ex Machina – einer angesagten australischen Motorrad-, Surf- und Lifestyle-Marke – in Venice zusammen. Wie in einer Kunstgalerie wurde anhand von 45 exemplarischen Porsche die Geschichte der luftgekühlten Motoren erzählt. »Wenn ich mir die Fotos von damals ansehe, fallen mir die vielen Hunde und Kinder auf, die zwischen den wertvollen Autos ihren Spaß hatten«, bemerkt Patrick. »Das war alles nicht als große Sache geplant, es war einfach ein normaler Sonntag in einem bunten Viertel von Los Angeles. Jedes Motorradtreffen, jede Vernissage sieht dort so aus. Aber die Kombination mit alten Porsche hat scheinbar einen Nerv getroffen.«
Auch in München scheint das Konzept aufzugehen: Am Sonntagmorgen erreichen schon im Morgengrauen die ersten von mehr als 150 Porsche das Werksviertel Mitte, ein ehemaliges Industriegelände, das sich unlängst in ein urbanes Trendquartier mit Container-Cafés, Graffiti-Wänden und Kreativbüros verwandelt hat. Inszeniert wird jede Luftgekühlt-Ausgabe vom Rennfahrer, Regisseur und Fotografen Jeff Zwart. Er arrangiert alle Porsche so, dass sich individuelle Photo Opportunities ergeben. »Jeff macht es Spaß, diese kleinen Stillleben zu arrangieren und später auf Instagram oder in Magazinen zu sehen, ob die Fotografen seine Bildideen übernommen oder eigene Blickwinkel entwickelt haben«, erklärt Patrick Long den kuratorischen Anspruch seines einstigen Porsche-Teamkollegens. Und tatsächlich ist die Inszenierung mit keiner konservativen Autoschau zu vergleichen: Vor bunt besprühten Wänden und mit reichlich Abstand zueinander stehen die glänzenden oder mit zeitgenössischen Sponsorenstickern beklebten Karosserien wie in einer Hall of Fame der größten Hits aus Zuffenhausen. Doch nicht nur das Arrangement stimmt, auch die Auswahl der Autos beeindruckt: Da steht schließlich ein siegreicher Werks-Porsche 914/6 neben einem Ruf Yellowbird und einem rostigen Ur-Elfer mit Surfboard auf dem Dach und Geländemotorrad auf dem Hänger. Erlaubt ist, was Spaß macht. Keine Facette der Porsche-Kultur darf fehlen. Einige Meter weiter spaziert man an einem lässig geparkten Porsche 906 vorbei und staunt über einen der wenigen Singer-Elfer in Europa. Per Kran wurden zudem fünf ganz besondere Autos in eine Penthouse-Bar gehieft – darunter jener Porsche 908/2, mit dem Steve McQueen und Peter Revson 1970 in Sebring auf den zweiten Podiumsplatz fuhren.
Für Porsche-Werksrennfahrer Patrick Long ist Luftgekühlt noch immer ein Nebenjob.
Doch anders als bei jenen exklusiven Veranstaltungen, bei denen Großkaliber sonst zu sehen sind, ist der Zugang bei Luftgekühlt nicht beschränkt. Im Gegenteil – vom Teenager bis zur Porsche-Rennlegende wird jeder Besucher willkommen geheißen, mit einbezogen und ermutigt, über Instagram und Facebook seinen Teil zur Welt von Luftgekühlt beizutragen. Was als Nächstes passiert oder welche weiteren Länder und Städte für Luftgekühlt infrage kommen, will Patrick Long allerdings nicht verraten. »Ich mag Mysterien. Es macht ja auch keinen Spaß, wenn man vorher schon weiß, was man zu Weihnachten bekommt. Ein bisschen Spannung muss schon sein. Wir werden aber weiterhin versuchen, junge Menschen auf der ganzen Welt mit unserer Begeisterung für die Geschichte von Porsche anzustecken.« :::