PORSCHE FAHRER
· 13.01.2026
Hans Herrmann erblickte am 23. Februar 1928 das Licht der Welt und sollte ursprünglich einen völlig anderen Lebensweg einschlagen. Der gebürtige Stuttgarter absolvierte eine Ausbildung zum Konditor, um später das Café seiner Mutter zu übernehmen. Doch das Schicksal hatte andere Pläne für den jungen Mann, dessen Herz bereits früh für den Motorsport schlug. Seine außergewöhnliche Begabung und brennende Leidenschaft für das Rennfahren sollten ihn zu einer der prägendsten Figuren der Motorsportgeschichte machen.
Der Durchbruch gelang ihm 1952 beim ersten Rundstreckenrennen am legendären Nürburgring. Mit einem Porsche 356 ging der Neuling an den Start und sorgte sofort für Aufsehen – er gewann prompt sein Debütrennen. Dieser frühe Erfolg war nur der Auftakt zu einer beispiellosen Karriere. Bereits im darauffolgenden Jahr 1953 holte sich Herrmann den Klassensieg beim prestigeträchtigen 24-Stunden-Rennen von Le Mans, diesmal am Steuer eines Porsche 550 Coupé. Im selben Jahr krönte er seine rasante Entwicklung mit dem Titel des Deutschen Sportwagenmeisters.
Diese beeindruckende Erfolgsserie blieb nicht unbemerkt. Mercedes-Benz erkannte das außergewöhnliche Talent des jungen Rennfahrers und berief ihn ins Werksteam. Dort fand sich Herrmann plötzlich in illustrer Gesellschaft wieder: Juan Manuel Fangio, Stirling Moss und Karl Kling wurden zu seinen Teamkollegen. Trotz des Wechsels zu Mercedes blieb seine Verbindung zu den Stuttgartern bestehen – 1954 ging er weiterhin für die Marke mit dem Wappen in den kleineren Hubraumklassen an den Start.
Das Jahr 1954 sollte Herrmann endgültig in die Geschichtsbücher des Motorsports katapultieren. Mit dem 550 Spyder errang er Klassensiege bei zwei der härtesten und gefährlichsten Rennen der Welt: der Carrera Panamericana und der Mille Miglia. Letzteres Rennen bescherte ihm nicht nur den sportlichen Erfolg, sondern auch eine der spektakulärsten und bis heute unvergessenen Szenen der Motorsportgeschichte. Herrmann pilotierte den offenen Mittelmotorsportwagen einer sich schließenden Bahnschranke hindurch – ein Manöver, das Mut, Können und eine gehörige Portion Glück erforderte.
Diese waghalsige Aktion wurde fotografisch festgehalten und ging um die Welt. Herrmann selbst kommentierte das berühmte Motiv später mit seinem charakteristischen Humor auf einer Briefkarte mit den Worten: "Glück muss man haben." Diese Gelassenheit und sein Gespür für das richtige Timing sollten ihn durch seine gesamte Laufbahn begleiten. Das Glück wurde tatsächlich zu seinem ständigen Begleiter in einer Ära, in der der Motorsport noch weitaus gefährlicher war als heute.
Nach dem Rückzug von Daimler-Benz aus dem Rennsport folgten Jahre bei verschiedenen Herstellern. Herrmann sammelte Erfahrungen bei Maserati, B.R.M und Borgward, kehrte aber immer wieder zu seinen Wurzeln zurück. Die Verbindung zu den Zuffenhausenern erwies sich als unzertrennlich und sollte die prägendste Konstante seiner Karriere bleiben. Diese Loyalität zahlte sich aus: 1960 triumphierten Olivier Gendebien und Herrmann mit einem 718 RS 60 Spyder bei den 12 Stunden von Sebring – der erste Gesamtsieg der Marke in einem Rennen zur Langstrecken-Markenweltmeisterschaft.
Die späten 1950er und frühen 1960er Jahre markierten den absoluten Höhepunkt von Herrmanns Laufbahn. Seine Vielseitigkeit zeigte sich nicht nur in verschiedenen Fahrzeugkategorien, sondern auch in der beeindruckenden Bandbreite der Rennserien, in denen er erfolgreich antrat. 1960 gelang ihm gemeinsam mit Joakim Bonnier im Porsche RS 60 Spyder der Sieg bei der Targa Florio, einem der anspruchsvollsten und gefährlichsten Straßenrennen der Welt. Im selben Jahr bewies er seine Klasse auch im Formelsport und ließ sich als Formel-2-Europameister mit dem Porsche 718/2 feiern.
Diese Erfolge untermauerten seinen Ruf als einer der komplettesten Rennfahrer seiner Generation. Herrmann beherrschte sowohl die langen Distanzen der Sportwagen-Weltmeisterschaft als auch die technischen Herausforderungen des Formelsports. Seine Fähigkeit, sich schnell an unterschiedliche Fahrzeuge und Rennstrecken anzupassen, machte ihn zu einem begehrten Piloten bei verschiedenen Herstellern. 1962 wechselte er zu Carlo Abarth und wurde ab 1963 Werksfahrer bei dem Wiener Konstrukteur, bevor er 1966 in die Werksmannschaft der Stuttgarter zurückkehrte.
Dort fand er sich erneut in einem hochkarätigen Fahreraufgebot wieder. Jo Siffert, Vic Elford, Rolf Stommelen, Udo Schütz und Gerhard Mitter bildeten gemeinsam mit ihm eine schlagkräftige Truppe, die in den kommenden Jahren für Furore sorgen sollte. Die technische Entwicklung der Fahrzeuge hatte inzwischen gewaltige Fortschritte gemacht, und die neuen Rennwagen erreichten Geschwindigkeiten, die noch wenige Jahre zuvor undenkbar gewesen wären. Herrmann bewies auch in dieser neuen Ära seine Anpassungsfähigkeit und blieb konkurrenzfähig.
Das Jahr 1970 sollte den absoluten Höhepunkt und gleichzeitig das Ende von Herrmanns aktiver Rennfahrerlaufbahn markieren. Das härteste Rennen seines Lebens stand ihm mit dem revolutionären 917 beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans bevor. Die Vorgeschichte zu diesem legendären Triumph war von Dramatik geprägt: 1969 hatte er den Sieg knapp an Jacky Ickx verloren, nachdem sich beide Piloten in den letzten eineinhalb Stunden des Rennens in jeder Runde mehrfach überholt hatten. Diese bittere Niederlage motivierte das gesamte Team für das folgende Jahr.
Ferdinand Piëch sorgte 1970 dafür, dass die Mannschaft mit einem stärkeren Motor echte Siegchancen hatte. Die technischen Verbesserungen am 917 K machten das Fahrzeug nicht nur schneller, sondern auch zuverlässiger. Gemeinsam mit seinem britischen Teamkollegen Richard Attwood kämpfte sich Herrmann durch die 24 Stunden von Le Mans und schrieb Motorsportgeschichte. "Dass ich genau ein Jahr nach dem knapp verpassten Sieg in Le Mans gewinnen konnte, war natürlich speziell. Außerdem war es der erste Gesamtsieg für die Marke – und es war mein letztes Rennen", erinnerte sich Herrmann später an diesen denkwürdigen Tag.
Die Entscheidung, nach diesem Triumph die Karriere zu beenden, fiel dem erst 42-jährigen Rennfahrer nicht leicht, war aber wohlüberlegt. Zu viele Freunde hatte er bis zu diesem Zeitpunkt bereits durch Unfälle verloren, seine Frau Magdalena sorgte sich um seine Sicherheit. Herrmann selbst war sich der Risiken bewusst: "Es kann ja nicht sein, dass ausgerechnet ich so viel Glück habe, und irgendwann ist diese Phase vielleicht zu Ende." Mit diesem Sieg für die Geschichtsbücher beendete er seine aktive Laufbahn auf dem absoluten Höhepunkt und hinterließ ein Vermächtnis von mehr als 80 Gesamt- und Klassensiegen.