Thorsten Elbrigmann
· 31.03.2026
Man hat sie leicht übersehen können, jene kleine Meldung in der ams 8/86 auf der Seite 6: „Porsche-Sekretär Kaes gestorben“. 17 schmale Zeilen, ein Bild in Schwarz-Weiß, so groß wie eine Briefmarke. Doch wer immer vor jetzt 40 Jahren die kurze Meldung verfasst hat, der hat das Wesen dieses Mannes genau erkannt: Die Begriffe „unerschöpfliches Detailwissen“, „fühlte sich als Porsche-Andenkenverwalter“ und „penibel“ fallen. So leicht man den Mann übersehen konnte, der Ferdinand Porsche von 1929 an bis zu dessen Tode wie ein Schatten folgte, so fundamental ist doch seine Lebensleistung. Wer also war der Mann, dessen markante Handschrift man auf vielen originalen Dokumenten findet, auf Dokumenten, die älter sind als die Marke Porsche selbst?
Ghislaine Ernst Johann Kaes wurde am 4. Juli 1910 im St. Pancras Hospital in London geboren. So sehr man sich als Porsche-Fan freut, dass da mal jemand nicht Ferdinand heißt, so sehr fremdelt man doch mit dem Namen, den man wie das englische „Elaine“, nur noch mit einem G davor, ausspricht. Der Name ist tatsächlich heute eher weiblich besetzt. Der französisch geprägte Name entstammt dem germanischen Wort „Gisil“, was so viel wie „Geisel“ bedeutet und war historisch gesehen männlich besetzt. So viel zur Namenskunde eines ungewöhnlichen Mannes. Sein Vater war Otto Franz Johann Kaes, Motoreningenieur und für Austro-Daimler tätig, seine Mutter hieß Margarete (geb. Bösel). Seine Geschwister hießen Herbert Ferdinand (na endlich, ein Ferdinand!) Georg Kaes, Jutta Kaes und Marolina Kaes.
Herbert Kaes kennen wir als Ingenieur und Testfahrer im Konstruktionsbüro Porsche. Die Verbindung zu Ferdinand Porsche ergibt sich über die Bekanntschaft zur Familie Kaes und aus seiner Ehe mit Otto Kaes‘ Schwester Aloisia Johanna (genannt: Louise) Kaes 1903. Die Familie Kaes ist also neben der Familie Porsche und später der Familie Piëch eine wichtige Säule der Porsche-Geschichte.
Ghislaine war etwa ein Jahr jünger als sein Cousin Ferry Porsche und oft dessen Spielkamerad. Nach der Schule lernte er Buchhaltung und Kurzschrift. Diese Fähigkeiten, gepaart mit seinen Englischkenntnissen und seiner Zuverlässigkeit auch schon in jungen Jahren, qualifizierten ihn in den Augen seines Onkels zum Sekretär. Aber er war von Anfang an mehr, eher ein persönlicher Assistent, der Reisen organisierte (unter anderem die berühmte USA-Reise Porsches 1936 zu Henry Ford), sich um die Einrichtung des Konstruktionsbüros in der Kronenstraße 24 kümmerte und selbst viel später noch in den 1960er Jahren die Verhandlungen mit den Grundbesitzern in Weissach führte, um den Baugrund für das Testgelände zusammenzubekommen. Schon Ferdinand Porsche sagte ihm mal: „Ich weiß, dass Du einer von denen bist, die die Dinge zu Ende bringen.“
Exakt so ein Typ Mensch war Ghislaine Kaes. Er erledigte die Dinge, er unterstützte seinen Onkel, nahm ihm viel Organisatorisches ab. „Er hat ihn verehrt“, stimmt Frank Jung zu, der heute das Unternehmensarchiv der Porsche AG führt und so fast täglich in den Akten und Unterlagen über den Namen Kaes stolpert. Jung weiß, was das Unternehmen Kaes – aber auch Karl Rabe – zu verdanken hat, wenn es um Dokumente aus der frühen Zeit geht. Trotz der Umzüge des Konstruktionsbüros und trotz der Kriegseinwirkungen blieb dank ihrer Sammelwut eine Menge Dokumente erhalten. Hinzu kommt, dass seit der Gründung der Marke Porsche 1948 alle Abteilungen auch immer dem Archiv zuarbeiteten. Egal ob Fotos aus Presseveröffentlichungen, Windkanalmodelle aus der Entwicklung oder ein gelochter Schlüssel eines Rennwagens aus der Sportabteilung – nie war es ein Problem, solche Artefakte ins Archiv zu überführen, das dann unter Klaus Parr professionell aufgebaut wurde. Denn, so ordnet Frank Jung ein: „Ein Archivar im wissenschaftlichen Sinne war Ghislaine Kaes nicht.“ Das wird schon daraus deutlich, dass er später einfach aus seiner Erinnerung heraus handschriftlich Notizen auf Original-Dokumenten anfertigte. Und jeder Historiker weiß, dass der größte Feind aller Geschichtsforscher der Zeitzeuge sein kann.
„DAS WEISS ICH, EINE SACHE DURCHZIEHEN, DAS KANNST DU.“
Es hat Ghislaine Kaes viel dran gelegen, seinen Onkel zu glorifizieren: „Das Genie aus Böhmen“. Ein Titel, der auch aus seiner Arbeit resultiert. Und dann ist da noch sein Bestreben, Ferdinand Porsche vom NS-Regime zu trennen. Ein gutes Beispiel dafür ist Kaes‘ Bewertung von Jakob Werlin nach dem Kriege. Werlin als Hitlers Autoexperte war das Bindeglied zwischen Porsche und Hitler. Immer, wenn es im Volkswagen-Projekt zu Konfrontationen mit dem Reichsverband der Automobilindustrie kam, der das Projekt quasi beaufsichtigen sollte, war es Werlin zu verdanken, dass Porsche kurzfristig einen Termin bei Hitler bekam und so Probleme umgehen konnte. Nach dem Krieg klingt das bei Kaes anders. Er beschreibt Werlin als rücksichtslosen und selbstherrlichen Menschen, den Porsche gar nicht leiden konnte. Kaes habe ihn von Porsche fernhalten müssen, wann immer er in die Villa kam.
Die Porsche AG unserer Zeit sieht das alles ein wenig differenzierter. Als Vorsitzender der Panzerkommission während des Zweiten Weltkrieges ist die Regimeferne eines Ferdinand Porsche nicht sehr groß gewesen. Und auch wenn man Kaes‘ Reisebericht USA liest, stolpert man über Formulierungen im Stile jener Zeit, die heute mehr als befremdlich wirken. Wer die NS-Zeit erlebt hat, hat danach oftmals versucht, die eigene Rolle positiver darzustellen. Ein Kunstgriff, den nicht nur Ghislaine Kaes angewendet hat.
Bleibt die Geschichte mit der Schildkröte. Frank Jung schmunzelt: „Ja, das mag etwas schrullig erscheinen. Ist aber tatsächlich passiert. Die Schildkröte hat Ghislaine Kaes während eines Kroatien-Urlaubs verletzt auf der Straße gefunden. Jemand hatte sie angefahren. Er hat sie gesundgepflegt und sich entschlossen, sie mit nach Deutschland zu nehmen.“ Ob dass das Beste für die Schildkröte war? Tierschützer würden heute vehement mit dem Kopf schütteln. Aber für Ghislaine Kaes war es damals selbstverständlich, dass er sich kümmert. Immer. Bis zum Ende.
Als Professor Porsche am 30. Januar 1951 starb, war Ghislaine Kaes an seinem Bett, entschlossen, in seinem Sinne weiterzumachen – so wie es auch Ferry, sein Spielkamerad aus Jugendtagen tat und noch so viele andere Weggefährten. So formte sich die Marke Porsche, so entstanden Fahrzeuge, Rennerfolge – und auch der Mythos Porsche. Als Ghislaine Kaes am 30. März 1986 im Alter von 75 Jahren starb, fielen die Nachrufe lobend aus. Nicht, weil sie es mussten, sondern weil da jemand ging, der in seiner zurückhaltenden und liebenswürdigen und manchmal vielleicht auch eigenwilligen Art die Dinge immer zu einem guten Ende gebracht hat.
Erschienen in Ausgabe 3-2026