Nicole Hettesheimer
· 22.05.2026
Insgesamt 36 Jahre lang stand Grant Larson im Dienste der Sportwagenschmiede Porsche. Mit dem Boxster und dem Carrera GT hat er gemeinsam mit den Kollegen dem Unternehmen zu neuem Ruhm verholfen. Doch Larson hat nicht nur eine außergewöhnliche Designkarriere absolviert und mehrere Generationen des 911 mitgeprägt: Mit seiner bodenständigen wie bescheidenen Art und dem amerikanisch-schwäbischem Akzent zählt er selbst als Prototyp des Porsche-typischen Understatements. Der Vater von drei Töchtern ist dankbar für das, was er erreicht hat. Nichts überlässt der Car Guy aus dem Mittleren Westen der USA, der im beschaulichen Enzkreis nördlich von Zuffenhausen zuhause ist, dem Zufall. In seiner Zeit bei Porsche hat er geholfen, hoch individualisierte Kundenwünsche in Sportwagenform zu gießen. Jetzt, im Ruhestand, kümmert sich der sympathische Amerikaner um seine eigenen automobilen Träume. Wir haben mit ihm gesprochen.
Grant, was ist für Dich das Besondere an einem Sportwagen? Die wahre Schönheit beginnt, wenn die Funktion sichtbar ist. Ein Sportwagen ist perfekt, wenn jede Funktion designt ist – nicht gestylt. Es geht darum, die ideale Synergie zwischen Design und Technik zu finden. Ich habe durch meine Arbeit auch Ferdinand Alexander Porsche kennengelernt und seinem Credo immer zugestimmt, jeweils das Beste aus der Funktion herauszuholen. Das trifft aus meiner Sicht auch auf leicht modifizierte Fahrzeuge zu, die mag ich am liebsten. Denn diese Autos sind personalisiert und stellen in meinen Augen eine Leidenschaftssteigerung dar. Sie verraten viel über den Besitzer, den Menschen dahinter.
30 Jahre Porsche Boxster, 2026 wird der Roadster zum wahren Klassiker. Was ist Dir an dem Fahrzeugprojekt besonders in Erinnerung geblieben? Der damalige Entwicklungsvorstand Horst Marchart kam mit der Idee einer einheitlichen Plattformstrategie auf uns zu, die einen fast identischen Vorderwagen bis zur B-Säule von 996 und 986 beinhaltete. Einen Heck- und Mittelmotor auf einer Plattform zu vereinen, aber mit einem unterschiedlichen Design auszustatten, das war schon eine Ansage. Der US-Markt war wichtig für Porsche. Deshalb wurde die Veröffentlichung des Boxster-Showcars auf die Detroit Auto Show 1993 vorgezogen, obwohl die Präsentation eigentlich erst für den Genfer Auto-Salon eingeplant gewesen war. Dadurch haben wir etwa drei Monate Entwicklungszeit für das Showcar verloren. Besonders spannend war auch die Zusammenarbeit mit Modelleur Peter Müller. Er hat keine digitalen Skizzen verwendet, sondern basierend auf meinen Entwürfen das Boxster-Showcar modelliert. Wir haben uns damals mit meinen Skizzen von Teil zu Teil vorgearbeitet und so Stück für Stück das Showcar aufgebaut.
Sportwagen zu designen ist immer mit Druck und Wettbewerb verbunden. Da Mercedes zu diesem Zeitpunkt den SLK hatte und es Gerüchte gab, dass BMW einen Z3 auf den Markt bringt, mussten wir mit dem Showcar so schnell wie möglich herauskommen, um zu zeigen, dass auch wir eine Vision haben. Dazu hat mein damaliger Chef Harm Lagaaij aber schon vor der Messe in Detroit das Prinzip des „Simultaneous Engineering“ (zu Deutsch: simultane Entwicklung) eingeführt, wodurch wir parallel am Boxster-Showcar und dem Serienmodell arbeiten konnten. Nach der Messe mussten wir uns dann auf den Übertrag des Showcar-Designs auf das Serienmodell fokussieren. Das war der größte Druck für mich! Mit der Übernahme des Gleichteilkonzepts aus dem 911 der Generation 996 haben die technischen Rahmenbedingungen dafür gesorgt, dass ich nicht alles zu 100 Prozent umsetzen konnte. Mein persönliches Ziel war es, das Showcar-Design in eine dezentere, zeitlose Art zu übersetzen. So wie die Heckleuchten des 986, die in den Fugenverlauf integriert sind.
Im Laufe Deiner Berufsjahre hast Du bei Porsche weitere Projekte begleitet, die wegweisend für die Firma waren. Jedes Projekt ist anders, und es ist alles immer im Team geglückt. Ich bin selbst mein härtester Kritiker und muss mich von meinen eigenen Ideen zuallererst selbst überzeugen. Jedes neue Projekt geht mir erstmal nicht mehr aus dem Kopf. Ich denke dann die ganze Zeit darüber nach und versuche ständig Lösungen zu finden. Für mich persönlich war der 997 eines der wichtigsten Projekte. Hier ist fast alles so gekommen, wie ich es mir ausgedacht habe, und er ist mein Lieblings-911. Ich besitze auch einen in schwarz, und im Sommer kann man fast wöchentlich einen 997 auf der Straße sehen. Das zeigt mir, dass das Auto für viele Menschen zugänglich ist. Das größte Kompliment: Selbst meine jüngste Tochter mag den Wagen sehr. Ich hole sie damit häufig von der Schule ab, Mathilda sagt dann immer: „Daddy, I love this car.“
Du hast ein privates One-Off-Projekt gestartet, noch während Du bei Porsche tätig warst. Um was geht es? Ich wollte unbedingt einen 356 umbauen und ihn zu einem historischen Rennwagen modifizieren. Das Auto ist aus Wisconsin, der Ort, wo ich aufgewachsen bin. Es macht mir einfach Spaß, in der Werkstattzu sein und an meinem Fahrzeug zu arbeiten. Ich liebe diese handwerklichen Tätigkeiten, das ist wie der Unterschied zwischen einem Restaurantbesuch und selbst zu kochen. Hier kann ich selbst entscheiden, wie das Auto werden soll, ich kann es selbst konfigurieren. Dabei möchte ich so viele Originalteile wie möglich erhalten, die eine gute Substanz haben – und keine Reproteile verwenden. Man soll den Alterungsprozess an den Teilen sehen. Die Arbeiten an der Karosserie und auch die Lackierarbeiten überlasse ich Profis wie Ben Merkel. Die Anbauteile bereite ich hier aber selbst auf und kann mir immer Rat bei ihm holen. So viel kann ich schon verraten: Der Wagen soll am Motor sowie beim Fahrwerk sportlicher und durch weniger Verkleidungen im Interieur auch deutlich leichter werden.
» Es gab einen Schlüsselmoment: der Anblick eines weißen 911 Turbo Anfang der 1980er-Jahre in Texas «
Woher stammt die Begeisterung für Fahrzeuge? Ich hatte eine automobile Kindheit und war ein typischer Junge. Alles, was mein Vater gemacht hat, habe ich automatisch imitiert. Er hat an den Fahrzeugen selbst herumgeschraubt, das hat mich neugierig gemacht. Mein Vater hatte auch ein Faible für außergewöhnliche deutsche Fabrikate wie den DKW Junior oder den NSU Prinz, beides Heckmotor-Fahrzeuge. Er fuhr immer unterschiedliche Autos, die nicht aus den USA stammten, daher war mir das nie fremd. Interesse weckten bei mir auch mechanische Dinge und das Zeichnen. Dazu dann der Geruch von Öl und Benzin und all die Geräusche – das empfand ich als sehr cool. Mit den Jahren wurde daraus eine Leidenschaft. Als Kind ist man so aufnahmefähig, in dieser Phase entsteht eine Prägung. An der Highschool in Wisconsin habe ich an Power Mechanics I bis III teilgenommen, bei diesen Kursen konnte man viel mitnehmen. Im ersten Teil habe ich gelernt, einen Rasenmäher-Motor zu überholen. Später konnte man auch seinen eigenen Motor mitbringen. Da habe ich den V8 von meinem 1964er Pontiac GTO Convertible ausgebaut und im Highschool-Kurs überholt. Das Auto hatte ich mir extra für diesen Zweck kurz vorher für 300 Dollar gekauft.
Du hast Deine Heimat USA verlassen und in der deutschen Automobilindustrie Ende der 1980er-Jahre dein Glück gesucht. Warum wolltest Du zu Porsche? Porsche war in den USA damals eine Rarität. Man hat einfach kaum einen auf der Straße gesehen. Das ist teilweise noch heute so, wenn ich meine Verwandten besuche. Als Kind habe ich in einer dunklen Garage einen 356 entdeckt. Und 1978 sah ich auf dem Highway einen neuen 924. Ich kann mich auch daran erinnern, dass ein Chef von mir einen 928 besaß, den allerersten in der Region. Er wirkte wie ein Raumschiff. Man darf nicht vergessen, dass der 911 damals ein altes Auto war. Doch es gab einen Schlüsselmoment: Es war ein weißer 911 Turbo, ein G-Modell, das ich Anfang der 1980er-Jahre in Texas sah. Dieses Auto hat es mir angetan. Das Licht in Texas, so wie die Sonne dort steht, ist besonders. Es hat die Formen dieses Fahrzeugs so betont – einfach wunderschön. Zusammen mit meinen langsam gesammelten Eindrücken habe ich mich fast natürlich in Porsche und vor allem in den 911 verliebt. Ich war damals bei Texas Instruments als Industriedesigner beschäftigt und habe mir dann für meine kleine Büroecke ein eigenes Turbo-Poster gebastelt, von dem silberfarbenen 911-Showcar, das 1973 in Frankfurt vorgestellt wurde. Irgendwie bin ich an dieses Foto gekommen, Poster gab es zu dieser Zeit keine. Der 911 ist ein sehr sympathischer, leistungsstarker Sportwagen, der sich durch eine hohe Alltagstauglichkeit auszeichnet. Dieses Understatement gefällt mir. Der Porsche 911 verkörpert für mich eine authentische Leidenschaft.
Geboren: 9. Mai 1957 in Billings, Montana, USA