Jan-Henrik Muche
· 28.03.2026
Gemeinsam mit Entwicklern, Ingenieuren, Designern oder Mechanikern unweit des Entwicklungszentrums Weissach im Club-Keller am Kamin sitzen, eine komplett eingerichtete Werkstatt, originale Reparaturanleitungen sowie Ratschläge aus berufenem Mund zur Hand zu haben – es klingt wie der Insider-Traum eines jeden Porsche-Fans.
Doch dieser Verein ist so exklusiv wie zugleich allen geöffnet, es kommt nur auf den Standpunkt an. Mitmachen darf, wer aktiver oder ehemaliger Porsche-Mitarbeiter ist! Kosten? Sympathische 70 Euro im Jahr!
„Inzwischen haben wir über 800 Mitglieder“, sagt der Vorsitzende Bernd Stadler. Gemeinsam mit Oliver Berg, seinem Kollegen und Vorgänger im Amt, stellte er 2010 beim Mittagessen lapidar fest, dass ausgerechnet eine Betriebssport-und Freizeitgruppe für klassische Autos und gelebte Porsche-Kultur bei Porsche fehlen würde. Das ging ja gar nicht, waren sich beide einig. Der Entschluss zur Gründung der „Freunde Luftgekühlter Boxermotoren e.V.“, kurz FLB, war gefallen.
Was mit einem Stammtisch rund um Gründungsmitglied Herbert Linge als inoffiziellem Club-Chef begann, hat längst expandiert. Auf einen Tipp von Linges Ehefrau Lilo hin fand sich 2011 im Weissacher Gewerbegebiet eine 1.600 Quadratmeter große Halle, wo heute einige wenige Glückliche ganzjährig ihre Klassiker unterstellen können („Die Liste der Bewerber ist lang.“), Hebebühnen und Werkstätten zum Reparieren und Restaurieren zur Verfügung stehen und rechts am Eingang die Rohkarosserie eines 993 Cabrio an der Wand hängt.
„Die stand fast 20 Jahre lang in Weissach draußen rum. Und bevor sie jemand wegschmeißen konnte, haben wir sie lieber hier aufgehängt“, sagt Jens Erhardt. „War einfacher als gedacht.“ Einen VW Käfer und einen 911 SC 3.0 hätte er zwar auch im Fundus gehabt, aber weil sie längst auch wassergekühlte Motoren im Club zulassen, ist Jens Ehrhardt (46), bei Porsche im technischen Vertrieb beschäftigt, mit seinem 996 4S von 2003 zum Fototermin gekommen. „Blutorange mit auflackierten Schriftzügen – die Erstbesitzerin in der Schweiz wollte es so speziell und exklusiv.“
Als 2. Vorsitzender steht er mit Sohn Tim an der Seite für Gegenwart und Zukunft des Vereins. Tim (17) macht in der Porsche-Niederlassung in Stuttgart eine Mechatroniker-Ausbildung und stemmt in der Freizeit in der FLB-Werkstatt seine erste Restaurierung. Den schwer pflegebedürftigen 924 von 1977 bekam er vom Club-Kollegen Werner Pfisterer geschenkt – Auto gerettet, Nachwuchs glücklich! „Die K-Jetronic haben wir schon überholt, zuhause am Küchentisch“, sagt Tim.
Die Maschinen und Bühnen, mit denen sie beim FLB in Weissach arbeiten, haben sie alle nach und nach ihrem Arbeitgeber abgekauft und in Eigenarbeit wieder aufgebaut. Und weil die Anforderungen durch Anmietung der Halle samt Werkstatt mit einer reinen Betriebssportgruppe nicht vereinbar waren, wurde noch ein Förderverein gegründet.
„Wer hier arbeiten will, kann sich die Schlüssel zur Halle an der Pforte am Entwicklungszentrum abholen, die Kollegen vom Werksschutz verwalten das ehrenamtlich“, sagt Bernd Stadler (56) und verweist auf eine eigene Whats-App-Schlüssel-Gruppe. Man stelle sich solch einen familiären Umgang mal bei einem Unternehmen wie VW vor! „Natürlich gibt es auch eine Ersatzteil-Gruppe und einen Technik-Chat. In der Regel dauert es keine Stunde, bis man auf eine Frage zwei, drei kompetente Antworten erhält.“
Bernd Stadler, Leiter Entwicklung Exclusive Manufaktur Fahrzeuge, wo sich 911 Sport Classic und Heritage Pakete ausgedacht werden, hat seinen preußischblauen 911 Carrera 3.2 herausgeholt und ist im Boxster 986 vorgefahren, ganz klassisch in der Kombination Silber mit boxsterrotem Interieur. „Auf das Plexiglas-Windschott zwischen den Überrollbügeln besitze ich ein Patent. Das habe ich entwickelt, als ich als Jung-Ingenieur ganz frisch bei Porsche angefangen hatte.“
Beim FLB sind sie eben alle Fachleute, können nur schwer vom Beruf, von der Profession lassen. Interior-Designer Elliot Watts hat seinen klassischen Elfer von 1971 nach eigenem Gusto zum 911 EW gestalterisch weiterentwickelt, Ex-Motorendirektor Eugen Oberkamm hat sein 964 Carrera 4 Cabrio komplett restauriert. Nicht dass es nötig gewesen wäre, aber es machte eben Spaß.
Alex Ernst, von 2005 bis 2029 Erprobungsleiter Sportwagen, hat seinen 964 Carrera 2 Cabrio in Sternrubin bei einer Traumauto-Einkaufstour mit Kollegen in den USA gefunden. Auch Thorsten Klein kaufte in den USA seinen 911 2.4 T von 1973 bei einem Mitglied der R Gruppe. Seit Jahren optimiert der Projektleiter Design Sonderfahrzeuge seinen 911 mit Outlaw-Touch – der Trend im FLB geht ganz klar zur Individualisierung.
Reichlich Fachwissen für Spezial-Umbauten ist ja sowieso vorhanden. Es findet sinnbildlich Ausdruck in dem 997 Cup-Auto des Teams Patrick Long und Marc Lieb, in dessen Heck anstelle des Original-Boxers ein luftgekühlter Sechszylinder der 993-Familie arbeitet – ein Engine-Swap, der wirklich nicht ganz einfach war. „911 Cup Air“ haben sie das FLB-Auto unmissverständlich getauft.
Im Vergleich zu heute, wo auch mal die Presse eingeladen wird, seien die ersten Jahre betont unauffällig verlaufen, sagt Bernd Stadler. „Wir haben uns bedeckt gehalten, mussten erst einmal ein eigenes Selbstbewusstsein entwickeln. Wir dachten: Wir sind ja nur eine interne Betriebssportgruppe. Was gibt es da schon zu erzählen?“
Immerhin: Der FLB-Ehrenvorsitzende heißt Wolfgang Porsche. Auf der „Promi-Wand“ im 150 Quadratmeter großen, selbst ausgebauten Club-Keller hat der Chef neben dem Boxermotor-Logo unterschrieben, auch Walter Röhrl und Porsche-Influencer Magnus Walker aus den USA waren schon da und natürlich finden sich auch die Unterschriften von Hans Mezger, Peter Falk, Norbert Singer oder Manfred Jantke, prägende Figuren der Porsche-Vergangenheit.
Ja, es mag nur eine Freizeitgruppe von Porsche-Mitarbeitern sein, sie hat sich aber längst zu einem gut organisierten Geschichtsverein der Marke entwickelt, wo Wissen bewahrt und weitergegeben wird. Zu einem Porsche-Lagerfeuer, um dessen wärmenden Schein sich Ehemalige und Aktive versammeln.
Aber so gemütlich es hier unten zwischen Couchsitzecke und Tresen auch aussehen mag, so kontrovers seien an gleicher Stelle Auseinandersetzungen geführt worden. „Es ging darum, ob auch Transaxle-Modelle und neuere wassergekühlte Porsche aufgenommen werden dürfen, obwohl wir laut Satzung ja eben die „Freunde Luftgekühlter Boxermotoren“ sind. Das haben wir lange und hart diskutiert“, sagt Jens Ehrhardt. „Aber tatsächlich braucht man gar kein Auto, um Mitglied bei uns zu werden. Es geht auch ohne.“
Thomas Herold und Werner Pfisterer stehen für beide Seiten der gleichen Medaille und kennen sich seit über 50 Jahren. 1980, bzw. 1981 haben beide in der Motorenentwicklung bei Porsche begonnen, als Projektleiter Exclusive war Herold Bernd Stadlers Vorgänger; FLB-Gründungsmitglied Pfisterer war lange Zeit in der Kundenentwicklung, also im Auftrag anderer Hersteller beschäftigt.
„Zwei Mann und ein paar Kollegen aus dem Vertrieb reichten damals aus, um ein Auto wie den 968 CS auf die Räder zu stellen“, sagt Thomas Herold (71). Sein letztes Projekt sei der 997 Sport Classic gewesen, heute fährt er neben VW Käfer und 911 Targa einen 356 C von 1964. Mit moderneren Sportsitzen und Fuchsfelgen ist auch dieser Porsche nicht ganz original, auch der Motor hat von einem sanften Feintuning profitiert. Und weil Herold vor über 40 Jahren auch mal Projektleiter 924 und 944 war, findet er Werner Pfisterers 924 S sowieso sympathisch.
Auch Motorenentwickler Pfisterer hatte seinerzeit mit 944 und 928 zu tun. „Ich bin ewig keinen Transaxle-Porsche mehr gefahren. Als mir ein ehemaliger Kollege seinen für den Rallye-Breitensport vorbereiteten 924 S angeboten hat, konnte ich nicht nein sagen. Leicht zu fahren, tolles Handling, perfekt für den Alltag.“
Als er einen gut abgehangenen 924 geschenkt bekam, reichte er den Scheunenfund gleich an Tim weiter! „Genau das richtige, um mit der Materie warm zu werden“, sagt Werner Pfisterer (71).
Wie Pfisterer zählt auch Hans-Peter Bäuerle zu den Gründungsmitgliedern von 2010, wohnt keinen halben Kilometer entfernt in der Nachbarschaft. Zu seinem 911 Carrera 3.2 Cabrio habe er eine besondere Beziehung. „Als ich 1978 in der Karosserieentwicklung begonnen habe, war das 911 SC Cabriolet das erste Projekt, an dem ich mitgearbeitet habe. Und der 3,2-Liter war schon immer mein Traummotor im 911“, sagt Bäuerle (72), zuletzt bei Porsche Projektleiter Karosserie Cayenne und Macan. „Damals haben wir einen 911 Targa genommen, zum Cabrio umgebaut und dachten, das wird alles ganz easy. Wurde es nicht! Nach 1.000 Kilometern auf der Teststrecke hatte die Karosserie schwere Schäden und der Motor fiel raus.“
Wo erzählt man sich solche Geschichten, wo bekommt man solche Anekdoten aus erster Hand zu hören? Genau, bei den „Freunden Luftgekühlter Boxermotoren" in Weissach! Willkommen im Club.
Erschienen in Ausgabe 2-2026.