Kap Arkona, Kreideküste, Mecklenburgische Seenplatte – und dazwischen 300 Kilometer, die man so nicht erwartet. Wir beginnen ganz im Norden auf der rauen Rügener Halbinsel Wittow: Von Putgarten, unweit des Kap Arkona mit seiner beeindruckenden Steilküste, geht’s mit dem Wagen zu den glitzernden Seen der Mecklenburgischen Seenplatte, vorbei an den Fachwerkhäusern der Hansestadt Demmin bis zur malerischen Kulisse von Schloss Rheinsberg – und das alles unter dem grünen Blätterdach der Alleen, das Licht und Schatten im Sekundentakt über den Lack wirft.
Der Schlüssel bleibt in der Tasche. Denn vor dem Auftakt in Putgarten auf Rügen sollte man sich per Bahn, Kutsche oder zu Fuß zu den beiden Leuchttürmen am Kap Arkona aufmachen, wo ein atemberaubender Blick über die bis zu 45 Meter hohe Kreideküste wartet. Nach diesem Genuss geht es von Putgarten über schmale Sträßchen durch die grünen Baum-Tunnel Rügens zum Kur- und Badeort Putbus. Die 1810 von Fürst Wilhelm Malte zu Putbus erbaute Fürstenresidenz mit ihren Parkanlagen ist vor allem für ihr klassizistisches Theater mit einmaliger Akustik bekannt. Auch einen Abstecher wert: die alte Schmalspur-Dampfeisenbahn „Rasender Roland“, die mehrmals täglich mit rund 30 Kilometern pro Stunde von Putbus über Binz und Sellin bis nach Göhren fährt.
Erst die Rügenbrücke – Deutschlands größte Schrägseilbrücke –, dann die Altstadt: Stralsund empfängt mit einer Dichte, die man auf dieser Strecke nicht erwartet. Kaufmannshäuser, Kirchen, versteckte Plätze und enge Gassen haben der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Altstadt den Namen „Venedig des Nordens“ eingebracht – zu Recht. Wer hoch hinauswill: Vom Turm der Marienkirche öffnet sich der Blick über die Bucht. Wer tiefer gehen möchte: Das Ozeaneum, das Museumsschiff Gorch Fock I im Hafen und das Meeresmuseum im ehemaligen Katharinenkloster halten genug bereit, um einen halben Tag zu füllen.
Drei Flüsse, eine Stadt – und Alleen, die einen direkt hineinführen. Demmin liegt am Zusammenfluss von Peene, Trebel und Tollense und hat seine Mitgliedschaft in der Deutschen Hanse von 1283 bis 1615 im Freilichtmuseum „Hanseviertel“ lebendig gehalten – Kerzenziehen und Körbeflechten inklusive. Die drei Flüsse machen Demmin zur fischartenreichsten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns. Wer das Schnurren des Boxermotors kurz vergisst und die Augen offenhält, begegnet hier Tieren, die anderswo längst verschwunden sind: Biber, Seeadler, Fischotter.
Hinter Demmin beginnen wir die kurvigen Straßen zu erobern. Die ersten Seen tauchen auf, die Alleen weichen Uferwegen, und spätestens ab Malchin ist man mitten in der Mecklenburgischen Seenplatte. Das größte natürlich vernetzte Seegebiet Europas ist zu Recht für seine weite und unberührte Natur berühmt – wer Zeit hat, bleibt länger als geplant. An den Ufern der insgesamt 1.117 Seen liegen Schlösser und Gutshäuser, alte Burgen und Klöster. Eines der schönsten ist das Neorenaissance-Schloss Klink – direkt am Ufer der Müritz, des größten Sees innerhalb Deutschlands gelegen, und mit seinem Schlosshotel die naheliegende Antwort auf die Frage nach der Übernachtung.
Sanfte Auen, ein letztes Mal das Blätterdach über dem Weg, dann Rheinsberg. Kurt Tucholsky hat hier seine bekannteste Liebesgeschichte geschrieben, Theodor Fontane hat die Stadt in seinen Wanderungen verewigt – Rheinsberg revanchiert sich mit dem Tucholsky-Literaturmuseum im rosafarbenen Rokokoschloss am Ostufer des Grienericksees. Wer noch Zeit hat: Die Keramikmanufaktur in der Straße Friedrichszentrum fertigt seit 1763 Geschirr, Vasen und Krüge – handwerkliche Kontinuität, die in dieser Gegend niemanden überrascht. Die Reise endet, wie sie begonnen hat: am Wasser.
Der Motor kalt, die Straße noch im Schatten der Tannen – so beginnt der südlichste Abschnitt der Deutschen Alleenstraße. Und das, obwohl Teile der Route noch als „Pflanzstrecke“ gelten, was bedeutet, dass die Alleen oft noch am Wachsen sind. Von den dunklen Tannenwäldern des Schwarzwalds über die geschwungenen Hügel der Schwäbischen Alb bis in die fruchtbaren Ebenen rund um den Bodensee tauchen wir in längst vergangene Epochen ein, von Steinzeit bis Barock, von Mittelalter bis Neuzeit. Und zwischendrin? Lassen wir uns von der baden-württembergischen Küche verwöhnen.
Am Rande des Schwarzwalds beginnen wir unsere Tour auf dem größten Marktplatz Deutschlands. 219 mal 216 Meter misst das Zentrum der vergleichsweisen jungen Stadt, die Herzog Friedrich I. von Württemberg 1599 als Hauptstadt seines neuen Reiches gründete – mitten im damals „förchtig wilden Wald“. Wer kurz verweilt, genießt vom Ellbachseeblick am Rand des Nationalparks Schwarzwald einen letzten Blick auf das scheinbar endlose Waldmeer. Dann führt die B20 nach Osten – und die Alleen beginnen.
So alt die Stadt Tübingen, erstmals 1078 erwähnt, auch ist, so frisch wirkt ihre Atmosphäre. Dank der weltberühmten Universität strahlt sie jugendliches Flair aus. Wer gern zu Fuß unterwegs ist, sollte die Neckarinsel erkunden. Von dort bietet sich ein schöner Blick auf die Stocherkähne, die noch immer von Hand über den Neckar gesteuert werden. Ein besonderes Highlight ist die Burg Hohenzollern. Hoch auf seinem 855 Meter hohen Berg thront es majestätisch und rechtfertigt jeden Abstecher. Die markante Silhouette der Burg zeigt eindrucksvoll, dass es Orte gibt, die man gesehen haben muss.
Hinter Reutlingen schwenken wir nach Süden. Die Straßen werden schmaler, die Kurven zahlreicher. Wer die Burg Liechtenstein links liegen lässt, kann stattdessen in die Tiefe steigen: Die „Bärenhöhle“ bei Erpfingen führt 271 Meter in den Fels. Vor 20.000 Jahren lebten hier Nashörner, Höhlenlöwen und Steinzeitbären, vor 8.000 Jahren die ersten Menschen. Ein kurzer Stopp, der die Zeitgeschichte dieser Route neu auslotet.
Das private Oldtimer-Museum im Schloss Wolfegg ist kein Abstecher, sondern ein Muss. Über 200 Pkw, Motorräder, Traktoren und Modellautos aus dem letzten Jahrhundert – gesammelt mit der Leidenschaft eines kompromisslosen Enthusiasten. Danach übernachtet man am besten in Ravensburg, im historischen Hotel Residenz im mittelalterlichen Stadtkern. Dort locken Weinstube und schwäbische Küche. Ravensburg bietet mehr als seinen berühmten Namen – das spürt man spätestens beim ersten Spaziergang durch die Altstadt.
Die letzte Etappe spart sich das Beste bis zum Schluss: 1.300 Meter Pappelallee führen zur größten Insel im Bodensee. Dahinter wartet UNESCO-Weltkulturerbe – drei romanische Kirchen, ein zwölf Kilometer langer Rundweg durch Schilfgürtel und Gemüsefelder und vom Hochwart ein Blick, der den Namen der Strecke erklärt. Die Tunnelblick-Route endet, wo das Blätterdach sich lichtet – und der See beginnt.
Infos: alleenstrasse.com
Erschienen in Ausgabe 6-2026