Neun oder elf Rillen. Es gibt mehrere Drehknöpfe am Armaturenbrett des Sportec Ferdinand, aber immer sind neun oder elf Rillen eingefräst. Neun, elf – lassen sich Liebe zum Detail, Schweizer Präzision und Porsche-Leidenschaft besser ausdrücken? „Gib ihm was, häsch ihm“, sagt Sportec-Geschäftsführer Gregor Burkard in schönstem Schw yzerdütsch. Das heißt ungefähr so viel wie „Gib alles, was nur geht“ und beschreibt sowohl das Auto als auch den Anspruch von Sportec ziemlich gut.
Der Ferdinand – der Name ist eine Hommage an den Gründer der Sportwagenmarke aus Zuffenhausen –, das bislang jüngste Projekt der Firma, ist ein Radikalumbau auf Basis eines Porsche 964. Der Wagen wird leichter, breiter, stärker. Im Grunde bleibt nichts, wie es war: Neue Leitungen, andere Lagerungen, schärfere Sportnockenwellen, größere Zylinderbuchsen, geschmiedete Kolben, optimierte Bremsen und ein verstellbares Gewindefahrwerk machen den Ferdinand zu einer alltagstauglichen Fahrmaschine mit einem speziellen Look. Jeder Kunde kann den Wagen bis in die Details nach seinen Wünschen anfertigen lassen – ausgenommen die Zahl der Rillen an den Drehknöpfen. Selbst jede Lackierung wird es nur einmal geben.
Damit kehrt Sportec zurück zu den Wurzeln. Schon vor 13 Jahren entstand in der kleinen Werkstatt im Hinterhof ein Restomod. „Es wusste aber kaum einer davon“, sagt Burkard. Der Sportec 964 RSR rollte als erster Classic-Komplettumbau aus der Werkstatt in Höri. Eine von Grund auf neu zusammengesetzte Fahrmaschine, mit der der Besitzer fast nur auf Rennstrecken und A lpenpässen unter wegs ist. 320 PS Leistung treffen auf 1.047 Kilogramm Gewicht. Mit eigens entwickeltem Fahrwerk, selbst optimierter Bremsanlage und speziell angefertigtem Sechsgang-Schaltgetriebe mit extrakurzer Übersetzung. „In genau diese Richtung geht es seit drei Jahren wieder mit Vollgas“, sagt Burkard. Neu: Man verpackt es anders und spricht drüber. ›
Dass Gregor Burkard, seit 2020 Geschäftsführer und Mehrheitseigner von Sportec, die Tradition auf leben und zugleich einen neuen Geist in die alten Mauern einziehen lässt, erkennt man auf den ersten Blick in der Werkstatt. Die Wände zieren legendäre Sprüche wie der von Mario Andretti: „If everything seems under control, you’re not going fast enough.“ Wenn man durch die Gänge läuft, fühlt man sich beinahe wie im Labyrinth. Alle paar Meter geht ein Abzweig zu Motorenraum, Lager oder Maschinenraum ab. Ein Gebäude mit altem Charme, in dem Neues entsteht.
Die Firma war 1997 als Tuningunternehmen gegründet worden, hatte eine Rennsport-Sparte aufgebaut und sich mit Porsche-Umbauten beschäftigt. Burkard wollte das Geschäft auf ein neues Niveau heben. „Ich wollte etwas in einem Bereich auf bauen, den ich wirklich liebe“, sagt Burkard, der zuvor vier Jahre bei der Ferrari-Niederlassung in Zürich gearbeitet hatte. „Es traf sich perfekt, dass sich auch Sportec zu dieser Zeit neu fokussierte.“ Heute hat er 24 Angestellte. Der vorherige Geschäftsführer Andreas Hodel ist nach wie vor an Bord. Sein Bruder Ueli war Mitgründer von Sportec und ist ebenfalls noch dabei. Ihr Erfahrungsschatz und ihr Fachwissen sind nach wie vor unverzichtbar. „Dieses Know-how“, sagt Burkard, „ist der eigentliche Wert dieser Firma.“
Lange geplant und kürzlich fertiggestellt: der SUB 1000. Schon der Name macht klar, dass es sich um ein radikales Leichtbau-Fahrzeug handelt. Es basiert auf einem Porsche 911 G-Modell, weil das von Haus aus weniger Gewicht als der 964 mitbringt. Durch Karosserieteile aus Karbon-Kevlar-Verbundstoff, hintere Scheiben aus Makrolon sowie LED-Scheinwerfer, Karbon-Sportsitze und den weitgehenden Verzicht auf Dämmmaterialien wird es zu einem Auto, bei dem 315 PS Motorleistung auf weniger als 1.000 Kilogramm Gewicht treffen. „Für mich ist das die Essenz eines Sportwagens. So puristisch, dass man sogar das Öl f ließen hört. Es ist fast schon surreal, mit diesem Wagen unter wegs zu sein“, sagt Burkard.
Er kann dieses Gefühl jederzeit genießen, denn der erste gebaute SUB 1000 ging an den Sportec-Chef. Vier weitere Autos sind geordert und werden fertiggestellt. Vom Ferdinand wurden bereits zwei Modelle an Kunden ausgeliefert, drei weitere befinden sich im Auf bau. In der Regel kümmert sich Sportec um die Beschaffung der Basisfahrzeuge. Nur selten gibt es Kunden, die den zum Umbau vorgesehenen Porsche-Klassiker mitbringen. Am liebsten arbeiten die Sportec-Spezialisten mit ohnehin restaurierungsbedürftigen Autos, denn weder soll ein Wagen in gutem Originalzustand geschlachtet noch soll ein Fahrzeug mit besonderer Historie komplett zerlegt werden.
Eine zentrale Bedeutung für die Restomod-Entwicklung bei Sportec hat der stetige Austausch zwischen Classic- und Racing-Abteilung. Die Erfahrung aus dem Motorsport f ließt direkt in den Neuauf bau der Porsche-Klassiker ein. Dafür stehen nicht nur Sportec-Urgesteine wie Andreas Hodel, sondern auch der dreimalige Le-Mans-Gesamtsieger Marcel Fässler. Der 47-jährige Schweizer ist seit 2021 als „Head of Motorsport“ bei Sportec und verantwortet neben den Rennsportaktivitäten des Unternehmens auch die Fahr werksabstimmung sämtlicher Restomod-Modelle. Dabei kommt es auf Gespür, Erfahrung und Wissen an. „Wir haben es mit 30 Jahre alten Autos zu tun. Das Ziel ist es, dass sie weitere 30 Jahre auf höchstem Niveau gefahren werden können“, sagt Burkard.
Mit dem Engagement von Fässler bei Sportec hat sich ein Kreis geschlossen. Denn Gregor Burkards Vater gehörte zu den frühen Sponsoren von Fässler, als der in den 90er-Jahren seine Rennsportkarriere startete. Vater Burkard und seine beiden Söhne waren oft bei DTM-Rennen zu Gast. Damals lernten sich Gregor Burkard und Marcel Fässler kennen. Später, als Burkard selbst in den Motorsport einstieg, erhielt er vom ehemaligen Audi-Werksfahrer immer wieder wertvolle Tipps. Die zahlen sich bis heute aus. In den vergangenen drei Jahren schaffte er es im Porsche Sports Cup Suisse jeweils aufs Podest und wurde Dritter. Burkard: „Ich wiege 110 Kilo und komme kaum zum Trainieren – so gesehen bin ich nicht unzufrieden mit meinen Ergebnissen.“
Für einen Schweizer klingt das verdächtig unambitioniert. Tatsächlich ist es eine Frage der Prioritäten: Die Firma hat absoluten Vorrang. Typisch schweizerisch eben. Bei Sportec gehört Qualitätsbew usstsein quasi zur mentalen Grundausstattung. „Wir Schweizer sind ja fast schon krankhaft pingelig“, sagt Burkard. Bei Sportec gibt es nahezu keine Bauteile, die nicht in der Schweiz gefertigt werden. Darunter auch sämtliche Hebel, Schalter und Knöpfe aus Aluminium, die selbst designt und von Schweizer Betrieben aus dem Vollen gefräst werden. „In China oder Osteuropa wäre es zwar viel billiger, aber das ist nicht unser Ansatz“, sagt Burkard.
Perfektion ist das, wonach das Team von Sportec strebt. Ständig werden Kleinigkeiten verändert, Details verbessert. Etwa minimale Änderungen an der Karosserie im Vergleich des ersten und des zweiten ausgelieferten Modells des Ferdinand. Auch auf diesem Level wird Sportec nicht stehen bleiben. Noch in diesem Jahr soll der Ferdinand S vorgestellt werden. Mit 4-Liter-Boxer, mehr Leistung und nach wie vor 1.190 Kilogramm Gewicht. „Der wird Spaß machen“, sagt Burkard. Und dann sei noch etwas in Planung: „Ein Auto, das noch mal schneller ist.“ In zwei bis drei Jahren wird es so weit sein. Details verrät er nicht. Nur so viel: Die Drehknöpfe werden neun oder elf Rillen haben.