Porsche-ModelleDas Geheimnis der Taschengeldflitzer

Porsche Klassik

 · 09.07.2023

Porsche-Modelle: Das Geheimnis der TaschengeldflitzerFoto: Markus Bolsinger
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Foto: Markus Bolsinger

In sattem »Vaillant«-Grün liegt der Porsche 934 für die Hosentasche ideal in der Hand. Sein Maßstab 1:64 ist weltweit bekannt, unter anderem durch Hot Wheels und Matchbox. Dieser Porsche ist aber vom Erzrivalen Majorette und kostet nur fünf Euro. Wer diesem Geheimnis auf die Spur kommen will, muss nach Pathum Thani, rund 60 Kilometer nördlich der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Dort steht seit 1986 die Majorette-Fabrik, die rund 15 Millionen Modellautoträume pro Jahr produzieren kann.

Emile Véron gründete 1961 seine Firma Rail-Route, die ab 1964 erste Modelle im Matchbox-Maßstab 1:64 produzierte. Ab 1967 war der Markenname »Majorette« eingetragen. Véron hatte eine Vision, die das Label bis heute lebt: viel Modellauto fürs Geld zu produzieren, also Taschengeldflitzer. Nach vielen Besitzerwechseln übernahm 2010 die Simba Dickie Group aus Fürth das Label Majorette. Den geplanten Neuanfang spülte dann erst einmal die katastrophale Herbstflut 2011 in Thailand weg. Das Wasser und der Matsch standen zwei Meter hoch in der Fabrik. Simba Dickie zahlte die Gehälter weiter, die 500 Mitarbeiter räumten die großen Fabrikhallen auf, und der Chef in Fürth, Michael Sieber, entschied sich weiterzumachen. Wer 2019 durch die Hallen flaniert, der entdeckt in der Zinkdruckgussspritzerei moderne Maschinen des deutschen Herstellers Frech in der 20-Tonnen- und 80-Tonnen-Variante. Stolz begrüßt uns Adisorn Laohavanich, Geschäftsführer, aber auch so etwas wie die tiefgründige Seele der Fabrik: »Simba Dickie hat uns damals viel Vertrauen entgegengebracht. Die schwierige Situation hat uns zusammenwachsen lassen.« Markus Hirsch, der bei den Fürthern so etwas wie der Chef der Marke ist: »Als wir Majorette 2010 übernommen haben, war die Qualität der Produkte ziemlich austauschbar. Das wollten wir ändern. Aber dafür musst du investieren.«

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Chokchai Janthiwatkul, der junge Entwicklungschef in Pathum Thani, erklärt das Geheimnis des Erfolgs: »Wir setzen hier in der Produktion auf permanente Verbesserungen und nutzen dabei auch die Hinweise unserer Mitarbeiter intensiv, um die Effektivität zu steigern.« Neue Maschinen und diese Strategie haben dazu geführt, dass in derselben Fabrikanlage 20 Prozent mehr Modellautos vom Band laufen als vorher. Und auch die Qualitätskurve zeigt steil nach oben. Markus Hirsch: »Wir wollten von der Autoindustrie lizenzierte Modelle, und dazu brauchst du präzises CAD-Design, um die Automobilhersteller zu überzeugen. Unser Ruf dort hat sich nachhaltig gesteigert.« Noch mal der quirlige Entwicklungschef Janthiwatkul: »Das war für uns zunächst eine Herausforderung im Formenbau. Aber jetzt ist es ein entscheidender Baustein unseres Erfolgs.« Überraschung auch in der Lackiererei, wo gerade eine Dodge Viper ihre knallrote Lackierung bekommt. Geschäftsführer Laohavanich: »Fast 90 Prozent unserer Miniaturen erhalten zwei Lackschichten.« Während in den Fabrikhallen gerade 40 Grad Celsius herrschen, kühlt im CAD-Bereich die Aircondition den Raum auf gänsehautfreundliche 18 Grad. Hier arbeitet das Majorette-Team bereits an der Formgebung der neuen Traumwagen für die Hosentasche. Gerade steht der neue Porsche 911 der Generation 992 auf der Agenda. Zunächst einmal als Coupé. Laohavanich: »Drei Dinge sind wichtig. Wir müssen die Form des Originals präzise treffen, wir müssen das Modell an den richtigen Stellen vereinfachen, und wir müssen dann eine Stahlform konstruieren, die wir möglichst millionenfach benutzen können.« Entwicklungsfachmann Janthiwatkul kennt noch ein anderes Thema: »Wenn die Form sehr präzise ist, muss du nicht mehr nacharbeiten, zum Beispiel von Hand zu entgraten.« Bei 400.000 Karosserien pro Woche von Hand entgraten ist keine gute Idee.

Die großen Automarken spielen auch bei Majorette eine ganz wichtige Rolle. Ganz vorn mit dabei: Porsche. Das aktuelle 1:64-Programm der Thailänder reicht vom Rennwagen-Klassiker bis hin zum modernen SUV. Entwickelt wird mithilfe von CAD-Design nach Originalunterlagen.

Nachdem die Elfer-Bodys in 1:64 aus der Spritzmaschine gepurzelt sind, kommen sie in die »Roto«-Abteilung. In einer riesigen Schüssel, die rotiert und in die permanent Sand sowie Wasser hinzugefügt werden, erhalten die Zinkdruckguss-Karossen ihre makellose Oberfläche.
Laohavanich: »Ohne gute Oberfläche gibt es keine gute Lackierung.« Aber bei der Lackierung allein belässt es Majorette nicht mehr. Bei den »Deluxe Cars« – die passenden Oldtimer treten in der Serie »Deluxe Vintage« an – gibt es bewegliche Teile wie zu öffnende Türen oder Hauben und aufwendig bedruckte Details. Markus Hirsch: »Wir wollten in 1:64 ein Premiumprodukt lancieren, das unsere neu erworbenen Fähigkeiten noch stärker unterstreicht.« Trotzdem bleibt der Preis bei um die fünf Euro. Wir begleiten eines dieser Deluxe-Autos aus der Vintage-Kategorie durch die Produktion: den grünen Porsche 934 »Vaillant« im Renntrimm. Der ist bisher von der Bedruckung her das komplizierteste Majorette-Vehikel aller Zeiten. Produktions-Experte Janthiwatkul: »Wir brauchen für die Bedruckung des grünen ›Vaillant‹-Porsche insgesamt 23 Klischees, um dieses 1:64-Modell zu komplettieren.«

Es folgt das Finale: Der Autor baut seinen eigenen 934er zusammen. Die Karosserie in die Hand nehmen, das Glasteil hineinschieben, bis die Frontscheinwerfer einrasten, und dann die Karosserie kopfüber in die Nietstation einsetzen. Anschließend die Inneneinrichtung nehmen, das Armaturenbrett umbiegen und einrasten lassen. Inneneinrichtung einsetzen, Chassis auflegen und alles vernieten. Klack! Aber fertig sind wir noch nicht: Die erste Testfahrt steht an. »Mein« 934er fährt eine kleine schiefe Ebene herunter. Und er rollt natürlich perfekter als alle anderen. Jetzt steht keine Null mehr auf seinem winzigen Tachometer. Und diesen meinen Turbo RSR gebe ich im Leben nicht mehr her. ::

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