»Herzlich willkommen bei Österreichs größtem Automobilhersteller!«, lacht uns Andreas Stadlbauer entgegen. Hier in Puch gleich bei Salzburg ist er der Herr über eine ganze Firma voller Kinderträume. Spielzeug für jede Altersklasse, für Mädchen und Jungs. Aber vor allem ist er der Macher hinter Carrera, hinter jenen Slotcars also, die so eng mit Porsche verbunden sind, wie es der Name vermuten lässt.
Moooooooment mal! Andreas Stadlbauers Spezi und Porsche-Berater Helmut Eggert hat da eine etwas untypische Garage für den Porsche 917 im Gulf-Trimm gefunden.
Am 25. September 1962 beginnt die Geschichte der Autorennbahn mit dem Namen Carrera. Da nämlich lässt sich Dr. Hermann Neuhierl, Sohn des Spielzeugfabrikanten Josef Neuhierl aus Fürth (JNF), die Wortmarke Carrera eintragen. In Zuffenhausen ist man darüber zunächst wenig erbaut, erwägt sogar rechtliche Schritte, doch als am 11. Oktober 1963 die endgültige Eintragung beim Deutschen Patentamt in München erfolgt, ist alles geritzt. Dank des allgegenwärtigen Huschke von Hanstein, der nicht nur schnell fahren, sondern auch schnell denken konnte. Und als Hermann Neuhierl ihm sagte, dass in nahezu jeder Startpackung von Carrera ein Porsche sein wird, da wusste der Rennbaron, dass damit in jedes Kinderherz der Wunsch nach einem Porsche gepflanzt werden würde. Er sollte Recht behalten.
Carrera erlebte zwei Totalschäden. Zweimal drehten die Banken den Geldhahn zu. Und als das 1999 zum zweiten Mal geschah, da traten Dr. Dieter Stadlbauer und sein Sohn Andreas auf den Plan. Stadlbauer importierte schon seit ewigen Zeiten Carrera-Rennbahnen nach Österreich. Vater und Sohn glaubten an eine Zukunft und investierten. Sie schafften es, das Ruder rumzureißen. »Auch dank unserer Mitarbeiter. Ich denke da an Herrn Maleika, Herrn Schäfer und Herrn Leifer. Die haben uns von Anfang an mitgezogen«, so die Stadlbauers.
Galaktisch schnell: Auf der Geraden erreicht der Porsche 917 von Carrera Digital im Maßstab 1:32 gemessene 18,23 km/h. Das entspräche realen 583,38 km/h. Und das mit Elektroantrieb!
Genau dieser Herr Leifer, Diplom-Designer Günther Leifer, um genau zu sein, steht nun vor uns, nimmt uns mit ins Allerheiligste. In die Entwicklungsabteilung von Carrera. Der Bau? Modern. Leifers Büro? Voll mit diesen kleinen Plastikkästen: unten blau, oben herum verglast. Carrera-132- und 124-Modelle. Nur sind da welche dabei, die man noch nicht kennt, und die Leifer nun ein wenig abdeckt. »Sie haben nichts gesehen!«, zwinkert er. Anhand eines gelben Modells vom Porsche 917 erklärt er, wie so ein Modell entsteht. Oft sind es Fan-Wünsche, die ein Modell inspirieren. Seit 21 Jahren ist der jetzt 52-Jährige schon bei Carrera, hat noch zu Nürnberger Zeiten angefangen, ist dann nach Puch gezogen. »Etwa acht Monate Entwicklungszeit stecken in einem neuen Modell, eine Variante schaffen wir in sechs Wochen, wenn alles gut geht«, erklärt er.
Vier gewinnt? Nichts da! Nur einer wird gewinnen!
In drei Meetings pro Jahr werden neue Modelle festgelegt. Diese Meetings sind irgendwo auf der Welt. Man zieht sich in ein schickes Hotel zurück und legt alles auf den Tisch, was es an Ideen gibt. Ein Modell aus dem Film »Cars 3«? Ein Youngtimer mit Kult-Charakter? Ein Porsche-Modell aus der Frühzeit von Carrera, das dringend wiederbelebt werden sollte? Alles ist möglich. Automagazine liegen auf dem Tisch, Ausdrucke mit Fotos aus Mails von Fans. Dann werden die »Neuen« festgelegt und die Autofirmen gefragt. Schließlich muss heute alles lizenziert werden. Bei Porsche eigentlich nie ein Problem. Zur Not würde sogar das Archiv helfen. »Aber meist schaffen wir das allein«, so Leifer. Es gibt Simulationsprogramme am Computer, mit denen die Performance eines neuen Modells getestet wird. Selbst auf Reifenmischungen wird sehr genau geachtet. Jeder Prototyp wird hart getestet, muss tagelang ununterbrochen laufen. »Ein Rennchassis haben uns sogar mal die Ingenieure aus Weissach konstruiert«, erzählt Andreas Stadlbauer, der schon als Kind im elterlichen Partykeller eine große Carrera-Bahn aufgebaut hatte. »Und auch die Korrosionstests unseres Schienensystems haben die Porsche-Leute für uns durchgeführt«, erklärt er weiter.
Privat fährt Andreas Stadlbauer einen Porsche 911 GT3. Und auf der Carrerabahn am liebsten 917: »Der fordert dich ganz schön raus in den Kurven.« Schneller ist aber der 904: »Der hat kaum Überhang hinten. Das sind ein paar wichtige Gramm weniger hinter der Hinterachse. Das zählt in der Kurve.« Bei den 1:24-Modellen nimmt Stadlbauer immer die Magneten heraus: »Sonst kann man nicht driften. Da packe ich dann Blei rein, bis es passt.« Man merkt sofort, dass für ihn Slotcars nur nebenbei ein Business sind. Der Spielspaß steckt tief in ihm. So tief, dass er sich einmal im Jahr mit Freunden trifft. Draußen. Im Garten. Und dann wird eine 20-Meter-Bahn aufgebaut und gefahren bis in die Nacht. »Herrlich«, schwärmt Andreas Stadlbauer. Immer dabei: Helmut Eggert, eigentlich Chef von Porsche in Österreich. Aber so ganz nebenbei noch ein guter Freund und wichtiger Berater bei jedem neuen Porsche-Modell, das Carrera auflegt. Er kommt gern vorbei, schaut sich die neuesten Entwicklungen an, gibt Tipps.
Fan-Foren als Inspiration Welche Carrera-Modelle fehlen? Foren und der Carrera-Fanclub führen regelrechte Wunschlisten. Dabei sind es oft die Autos der Kindheit, die die inzwischen gestandenen Männer wollen: BMW 2002, Porsche in allen Variationen, Ford Capri oder Volkswagen Golf 1.
»Ohne Andreas und seinen Vater würde es Carrera nicht mehr geben«, ist er sich sicher. Im Zeitalter der Computerspiele und der virtuellen Spielewelt hat eine Autorennbahn keinen leichten Stand. »Der Schritt hin zu Carrera Digital war sehr wichtig«, ist sich Andreas Stadlbauer sicher. Pitlanes, die echte Tankstopps perfekt simulieren, Regler, die keine Kabel benötigen, sondern per Bluetooth funktionieren. Autos, an denen man Beschleunigungs- und Bremsverhalten einstellen kann. Rennzeiten, die an den Computer übertragen werden, programmierbare »Phantom-Autos«, die zum Training gegen einen einzelnen Spieler fahren können, Rennen mit mehreren Autos pro Fahrspur und natürlich Weichen für den Spurwechsel – das alles gepaart mit unglaublicher Haltbarkeit aller Komponenten macht den Erfolg aus. Carrera ist so alt wie der Porsche 911. Und eine ebensolche Ikone. »Mit einem Unterschied«, stellt der Carrera-Boss aber dann doch noch fest: »Wir sind schon immer elektrisch gefahren.«