Markus Stier
· 30.04.2026
Die Turmuhr schlug Mitternacht, und theoretisch hätte sich an diesem 1. April um null Uhr das Anmeldefenster für die AvD-Röhrl-Klassik öffnen sollen. Doch praktisch ging in den ersten Minuten nichts mehr, unter dem Ansturm war der Server zusammengebrochen. Als die Leitung wieder stand, begann der Run auf die Plätze. Noch bevor die Geisterstunde vorbei war, fanden sich 100 Anmeldungen im digitalen Postkasten. Nach einem Tag überstieg die Zahl mit rund 180 Nennungen die Zahl der Startplätze. Die große Mehrzahl sind Wiederholungstäter. Organisator Peter Göbel hatte im Vorjahr die maximale Starterzahl auf 170 erhöht, um so wenige Anwärter wie möglich zu enttäuschen. Auch 2026 sind nur noch einige Wildcards für eventuelle Starter mit besonderen Raritäten zu vergeben.
Der in vier Jahren stetig gewachsene Erfolg schuf über den Winter ungeahnte Probleme: In den zunächst anvisierten Regionen für den September 2026 fanden sich weder genügend große Hallen noch genügend Unterbringungsmöglichkeiten für so viele Teams und ihren Tross. Da traf es sich bestens, dass nach dem großen Zuspruch der dritten Röhrl-Klassik in der sauerländischen Wintersporthochburg Winterberg die Nachbarstadt Schmallenberg den Hut in den Ring warf.
Die im Jahr 1240 um ein Kloster samt Schutzburg gegründete Gemeinde, die im Mittelalter als Mitglied der Hanse eine bedeutende Handelsstadt war, präsentiert sich heute als landestypisches Schmuckstück in Fachwerk und Schiefer und klassizistischen Bauten aus dem frühen 19. Jahrhundert. In einem schützenden Tal von drei Mittelgebirgszügen mit kurvenreichen Straßen und gleich von neun der offiziell mit „Bundesgold“ dekorierten schönsten Dörfer Deutschlands umzingelt, bietet das kleine Städtchen auch strategische Vorteile. Rund die Hälfte des Stadtgebiets ist von Wald bedeckt, und so sind die Porsche-Ausflügler ohne größeren Verkehr ruckzuck im Grünen.
Klein, aber oho – so präsentiert sich der Ort mit seinen überschaubaren 24.000 Einwohnern in Sachen Gastfreundschaft. Mehr als 6.000 Betten stehen zur Verfügung. Das Angebot reicht von Wohnen auf dem Bauernhof bis zum Fünf-Sterne-Hotel. Die neue Stadthalle bietet zudem reichlich Platz – zum Parken und zum Feiern. Das Rückgrat der Stadt und der Rallye ist die Weststraße mitten im Herzen der Altstadt. Die will der im November mit Zweidrittel-Mehrheit frisch ins Amt gewählte Bürgermeister Johannes Trippe (CDU) am ersten September-Wochenende nicht nur an den Rallyetagen für die Porsche-Parade freihalten, er erwägt auch verlängerte Öffnungszeiten der Geschäfte, um möglichst viel Volk zum abendlichen Stadtbummel anzulocken.
Mit ordentlich Rummel ist ohnehin zu rechnen. Eingeübt durch die ebenfalls bereits fünf Mal vom gleichen Veranstalter ausgetragene Sauerland-Klassik sind die Einheimischen ausgesprochen begeisterungsfähig. Nirgends in der Geschichte des Veranstalters Plus Rallye säumten mehr Leute die Pistenränder als beim Auftritt der Röhrl-Klassik 2024. Weshalb Rallye-Chef Peter Göbel plant, die Auflage der kostenlos von einem Vorauskommando verteilten und im vorletzten Jahr zügig vergriffenen Programmhefte erheblich zu erhöhen. Der Plus- Rallye-Partner AvD verdoppelt gegenüber der erst im Februar über die Bühne gegangenen Histo-Monte seinen Geleitschutz. Der älteste Automobilclub der Nation stellt angesichts des großen Feldes gleich zwei Pannenschutzfahrzeuge samt Besatzungen ab. Und gemäß Plus-Rallye-Standard wacht für den Fall der Fälle ein eigens angeheuerter Notarztwagen schützend über das Feld.
Das Jahr 1981 ist für Porsche-Freunde ein heiliges. Der damals frisch gebackene Rallye-Weltmeister Walter Röhrl heuerte erstmals vor 45 Jahren als Werksfahrer in Zuffenhausen an. Im selben Jahr eröffneten ein paar Enthusiasten im sauerländischen Eslohe ein Museum für Dampfmaschinen samt eigener Zugstrecke, das 14 historische Dampfmaschinen und sechs Lokomotiven beheimatet, die – allesamt funktionstüchtig – an den „Dampf- tagen“ kurz vor der AvD-Röhrl-Klassik noch durch die Hallen der Ausstellung „Dampf Land Leute“ fauchen.
Welchen passenderen Ort könnte es geben, wenn Walter Röhrl am Mittwoch vor dem Start zum traditionellen Warm-up lädt? Denn die Maschinerie des Museums ist noch warm und wird eigens zum Besuch des Hans Dampf in allen Rallye-Gassen und bis zu 200 möglichen Gästen abermals angeworfen. An verschiedenen Stationen werden am Mittwochabend im Museum kulinarische Spezialitäten serviert.
Gestärkt am Start geht es am frühen Freitagnachmittag in einer kompakten Schleife von knapp 150 Kilometern rund um Schmallenberg in die erste Etappe, auf der wie 2024 der Golfclub des Luxushotels Deimann am frühen Abend zum Barbecue einlädt. Auf der zweiten Etappe schlägt sich das Feld am Freitag über die hessische Grenze nach Süden in Richtung Marburg und Kassel, während der finale Tag wieder durchs Sauerland führt. Langeweile auf der Route kommt laut Rallye-Chef Göbel auch bei Röhrl-Klassik-Wiederholungstätern ganz sicher nicht auf: „Keine Angst, im Sauerland gibt es so viele Stauseen und schöne Straßen, da bleibt genug übrig.“ Göbel muss es wissen, er ist selbst Sauerländer.
Warm ums Herz wird es dem gebürtigen Attendorner nicht nur durch die Rückkehr in heimatliche Gefilde, sondern auch beim Anblick des Sportgeräts seines Ehrengastes. Der viermalige Monte-Carlo-Sieger Röhrl wird jenen 360 PS starken Carrera RSR steuern, mit dem er gemein- sam mit Freund Göbel auf dem Beifahrersitz 2009 den historischen Rallye-EM-Lauf an der Costa Brava gewann, und der in Schmallenberg seine Wiederauferstehung feiert. Das Auto ertrank vor zwei Jahren beim Jahrhunderthochwasser im Remstal in der Werkstatt von Wolfgang Reile. Mit der Rettung seiner Schätze nach der Flut noch immer völlig unter Wasser überstellte die Porsche-Tuning-Legende das Auto nach Sachsen, wo ihn Rallye-Spezialist Jens Herkomer komplett sanierte. Der Mann aus dem Erzgebirge dürfte seinem prominenten Werkstück im September mit reichlich Endorphin geflutet gegenüberstehen, denn Herkomer wird vor Ort sein. Er ist selbst ein regelmäßiger Teilnehmer der Röhrl-Klassik. Zwar steht noch nicht fest, ob er wie in den vergangenen zwei Jahren mit TV-Kult-Kommissar Hinnerk Schönemann („Nord bei Nordwest“) zusammenspannt – der wie so oft mit seiner Frau antreten will, die aber ebenso oft verhindert ist, womit Histo-Monte-Sieger Herkomer ins Spiel käme. Fest steht: Schönemann wird mit demselben silbernen Porsche 964 antreten, den er in den vergangenen Jahren bewegte. Kein Wunder, sein Auto hat die kürzeste Anreise: Der Besitzer stammt aus Schmallenberg. Walter Röhrl will sich bei der fünften Auflage „seiner“ Rallye wie im Vorjahr das Auto mit seinem früheren Stammcopiloten Christian Geistdörfer teilen, womit eins von zwei Geheimnissen gelüftet wäre.
Bleibt noch die Frage nach der Gestaltung der abschließenden Abendgala. Für einmalig und nicht zu schlagen hielten die Teams im Vorjahr die Bühnenshow der Schweizer Tanztruppe The Blackouts, die 2025 in der englischen Talentshow Britain’s got Talent für Furore gesorgt hatte und auch Rallyestar Röhrl schlagartig zum Fanboy machte. Veranstalter Göbel will sich noch nicht in die Karten schauen lassen – wird aber nicht müde zu betonen, dass es neben allen Vorzügen der Schmallenberger Stadthalle auch eine große Bühne gäbe.
Nach dem Warm-Up am Mittwoch, 2. September, startet die fünfte Ausgabe der AvD-Röhrl-Klassik am Donnerstag, 3. September, um 14 Uhr in Schmallenberg. Die Zielankunft erfolgt am Samstag, 5. September, um 14:30 Uhr. Die Route führt über etwa 700 Kilometer durchs Hochsauerland und Nordhessen zurück nach Schmallenberg. Zugelassen sind bis zu 170 Porsche mit luftgekühlten Motoren oder Transaxle-Bauweise bis Baujahr 1998. Infos unter www.roehrl-klassik.de.