Der Röhrl-Effekt3. Röhrl-Klassik im Sauerland

Porsche Klassik

 · 10.11.2024

Der Röhrl-Effekt: 3. Röhrl-Klassik im SauerlandFoto: Arturo Rivas, Hardy Mutschler, Lena Willgalis
Egal wo Walter Röhrl auftaucht: Die Begeisterung für den Rallye-Weltmeister ist ungebrochen. Hier gibt er in Hallenberg Autogramme – das Ziel am zweiten Tag
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Foto: Arturo Rivas, Hardy Mutschler, Lena Willgalis

Es ist nur eine kleine Anekdote, die Rallye-Organisator Peter Göbel auf der Bühne zum Beifahrerlehrgang zum Besten gibt. Und doch fasst sie die Röhrl-Klassik bestens zusammen. „Bei der Vorbereitung zur Rallye habe ich mich mit einem Landwirt getroffen. Ich sagte zu ihm: Wir würden gerne mit 150 Autos über Ihren Bauernhof fahren. Er entgegnete: Bitte was? Daraufhin ergänzte ich: Startnummer 1 hat Walter Röhrl. Die Antwort des Landwirts: Klar, der ganze Bauernhof gehört Ihnen.“ Während der dreitägigen Tour durchs Hochsauerland muss man Röhrl nie lange suchen. Im Zweifel steht er genau da, wo sich gerade ein Pulk mit Filzstiften bewaffneter Menschen gebildet hat. Der Rallye-Weltmeister ist mehr als nur Namensgeber und Zuschauermagnet bei der dritten Ausgabe der Rallye. Mit der Startnummer 1 fährt er gemeinsam mit Rafael Diez in einem modifizierten Porsche 911 S 2.7 Coupé, Baujahr 1975, selbst mit. Zum ersten Mal mit E-Fuel. „Wir mussten dafür nichts am Motor verändern“, sagt Röhrl. „Das Auto läuft perfekt. Und wir wollen der breiten Masse zeigen, dass es eine Lösung neben dem Elektroauto gibt. Alle reden von Nachhaltigkeit. Dabei geht es für mich auch darum, Altes nicht wegzuwerfen.“ Ebenfalls problemlos mit E-Fuel unterwegs: das Vorausfahrzeug. Nicht irgendein Auto, sondern das Sondermodell zum 50-jährigen Turbo-Jubiläum, das auf 1974 Stück limitiert ist.

Um 14 Uhr rollen die ersten Autos am Marktplatz in Winterberg los. Etwa „Hermes“ von Dennis Kissling und Tanja Seiffert. Der perurote 911 Carrera 2.7 aus dem Jahr 1974 (G-Modell) mit den goldenen Felgen hat den gleichen Motor mit 210 PS wie der legendäre Vorgänger Carrera RS 2.7 auf Basis des Ur-Elfers. Den Spitznamen bekam er von seinem Vorbesitzer. „Man sagt, Hermes, der Bote der Götter, hatte einen roten Pferdewagen mit goldenen Rädern“, erklärt Kissling. „Hermes“ ist der erste eigene Porsche des erst 31-jährigen Geschäftsführers von Porsche-Spezialist Ande Votteler. „Tanja und ich fahren erst die zweite Rallye gemeinsam. Weil es beim letzten Mal auf Anhieb so gut funktioniert hat und wir Elfte wurden, wäre ein Platz in den Top Ten schon klasse“, sagt er. Die Messlatte liegt hoch. Aber von Druck ist bei dem jungen Paar, das auch im Betrieb zusammenarbeitet, nichts zu spüren. „Wir gehen stressfrei ran. Heute Morgen beim Frühstück haben wir zum ersten Mal ins Roadbook geschaut“, sagt Seiffert vor dem Start und lacht.

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Vorbei an Bobbahn, Skisprungschanze und Co.

Die dreitägige Tour wartete bei dieser Ausgabe wieder mit vielen Highlights auf. Etwa mit der Fahrt vorbei an der Skisprungschanze und WM-Bobbahn in Winterberg, dem Durchfahren von fünf Bauernhöfen, einer Wertungsprüfung auf der Landebahn des Flugplatzes Meschede-Schüren, dem Besuch der spektakulären Loh Collection, der Rennstrecke Bilster Berg, vier Talsperren (Henne/Bigge/Eder/ Diemel), der Fahrt vorbei an der Weser und mehr. Die sogenannten Chinesenzeichen im Roadbook, die die Richtung vorgeben, führen die bunte Kolonne aus Porsche 356, 911, 928 und Co. am ersten Tag vorbei an kleinen Dörfern mit Fachwerkhäusern, hoch und runter durch die herbstlich braun und rot gefärbten Wälder und Berge. Unter anderem mit kurzem Halt am Kahlen Asten, dem zweithöchsten Berg Nordrhein-Westfalens, und einem Stopp zur Stärkung im Golfclub des Fünf-Sterne-Hotels Deimann bei Schmallenberg. Man munkelt, einige Fahrerduos hätten sich nicht etwa gestritten, wo es langgeht, sondern sich so gut verstanden, dass sie aus dem Quasseln nicht mehr rauskamen und sich prompt verfahren haben. Der beste Indikator, ob man sich noch auf dem richtigen Weg befindet: Alle paar Kilometer haben es sich die Sauerländer mit ihren Campingstühlen bequem gemacht und winken begeistert. Fehlt dieser Anblick, lohnt ein intensiver Blick ins Roadbook.

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„Die Leute am Straßenrand waren so toll. Sie haben sogar unsere Namen gerufen“, sagt Julia Kraeplin, die gemeinsam mit Beifahrerin Lea Plischkaner unterwegs ist. Die ergänzt: „Wir waren total begeistert von der Landschaft hier. Es hat uns ein bisschen an den Schwarzwald erinnert. Die Straßen waren so, als hätte Rallye-Organisator Peter Göbel sie extra gebaut. Wir hatten beide ein festgetackertes Grinsen im Gesicht.“ Das mag auch an Julias schwarzem Porsche 911 Carrera 3.2 WTL Targa gelegen haben. Denn nach exakt diesem Modell aus ihrem eigenen Baujahr 1985 hatte sie lange gesucht.

»Der PORSCHE 911 Turbo Targa ist ein Adoptiv-Original «

Doch nicht nur die Routen und die Autos an sich sind bei dieser dritten Ausgabe der Rallye, die vom Delius Klasing Verlag ausgerichtet wird, ganz besonders. Noch nie gab es so viel Beteiligung und Engagement der Städte. Hallenbergs Bürgermeister Enrico Eppner, selbst bekennender Oldtimer- und Röhrl-Fan, richtete ein großes Fest in seiner Stadt zur Ankunft am zweiten Tag aus. Am Schloss in Bad Berleburg wartete sogar der König von Dänemark auf die Ankunft von Röhrl!

Immer wieder durften sich die Teilnehmer über Überraschungen freuen. So gab es an der Station bei Falke etwa ein eigens angefertigtes Paar Socken mit eingearbeitetem Röhrl-Autogramm. Und in Winterberg den speziellen Gin zur Röhrl-Klassik mit passendem Etikett.

Für die Wertungsprüfungen brauchte es viel Hirnschmalz

Der wurde freilich nicht während der Rallye konsumiert. Ohnehin brauchten die Teilnehmer für die kniff ligen Wertungsprüfungen einen klaren Kopf. Zweimal um die blaue Pylone oder doch nur einmal? Und bei der Rollprüfung den Hang runter – bei der Anhalten nicht erlaubt ist – lieber schnell losrollen und spät bremsen oder langsam dosieren? Diese Fragen bestimmen auch am zweiten Tag die Fachsimpelei in den Pausen. Wobei manche in der Mittagspause in der Loh Collection in Dietzhölztal ganz still werden. Dort beherbergt der Milliardär Friedhelm Loh 150 seiner Schmuckstücke. Es trohnt unter anderem ein gelber Porsche 917 K im Regal, etwas weiter vorne steht ein weißer 911 Carrera RS 2.7. Sehr charmant führten verschiedene kulinarische Stationen durch die spektakuläre Sammlung.

Ziemlich gut in diese Kulisse hätte auch der „Regenbogen-Porsche“ von Dr. Hinrich Mählmann und Matthias Esdar gepasst. Der 911 Turbo Targa bb ist unter Kennern ein Exot. Porsche-Veredler Rainer Buchmann baute damals einen Turbomotor in den Targa ein und lackierte das Fahrzeug in den Farben von Polaroid. Da stellt sich sofort die Frage: Ist es das Original? „Es ist das Adoptiv-Original“, sagt Dr. Mählmann, der früher Gesellschafter bei Otto Fuchs – aus deren Haus die berühmte Fuchsfelge stammt – war. Dort hat er mit Co-Pilot Es-dar schon gearbeitet. „Es ist eine ‚Recreation‘ mit Originalteilen. Die Streifen sind ebenfalls lackiert und nicht beklebt. Rainer Buchmann hat es auch abgesegnet und das Auto signiert. Und es sich sogar schon ausgeliehen“, sagt Mählmann. „Das Original stammt aus dem Jahr 1980, unser Auto aus 1985.“

Motorsport-Enthusiasten sind schließlich am dritten Tag voll in ihrem Element. Bevor es zum Finale wieder nach Winterberg auf den Marktplatz geht, wartet die Rennstrecke Bilster Berg in Bad Driburg mit der „Mausefalle“ auf die Rallye-Crews. Die lang gezogene Linkskurve mit einem Gefälle von 26 Prozent und rund 30 Metern Höhenunterschied ist das Markenzeichen der Teststrecke. Der nur 29mal gebaute Porsche 959 S fühlt sich hier direkt zu Hause. Heinz Schmersal besitzt die Nummer 30. Für sein Exemplar, das eigentlich der Komfort-Version entsprochen hatte, machte der Vorstand höchstpersönlich eine Ausnahme und segnete den Umbau zur Sport-Version ab. „Die erlaubten 70 km/h waren aber zu langsam für mich“, sagt Schmersal, der unter anderem hier und auf der Nordschleife zahlreiche Rennen fuhr, und lacht. „Ich kann das nicht. Und das Auto auch nicht.“

Dennis Kissling und Tanja Seiffert mussten sich zwar auf der Strecke auch an die 70 km/h halten, doch mit „Hermes“ bekommen sie in der Gesamtwertung Flügel. Ihr Traum von den Top Ten geht in Erfüllung. Am Ende jubeln die beiden über den fünften Platz. Der Gesamtsieg geht an Norbert Schrader und Ralf Schoenfelder im Porsche 911 Targa (1976). Walter Röhrl wird auf Rang 141 gelistet. Das ist aber völlig nebensächlich. Denn für den 77-Jährigen zählt nur eins: „Es ist wichtig, dass die Leute toll finden, was du tust.“ Und das tun sie. Nicht nur auf dem Bauernhof.