Porsche Klassik
· 11.07.2023
F300 – eigentlich eine Schnapsidee. Aber eine, die voll im Trend liegt: ein altes Auto mit moderner Technik. Das ist nicht neu. Aber ein modernes Auto optisch so zurückrüsten, dass es alt wirkt, das sieht man nicht alle Tage. »Wobei: So modern ist das Auto nun auch nicht mehr«, gibt Christian Wilms zu bedenken. Zugegeben: Der Porsche 964 ist längst selbst ein Klassiker, dessen Produktionsende nun auch schon 23 Jahre zurückliegt, doch dieser 1990 gebaute Targa gibt vor, ein F-Modell zu sein, ist also ganz nah dran am Ur-Elfer. Darf man das? Christian zuckt die Schultern: »Wir haben es getan. Und wir finden, dass es wirklich gut aussieht.« – »Wir« bedeutet in diesem Falle: »Das Triebwerk«, DTW, ein Restaurierungs- und Konstruktionsbetrieb rund um luftgekühlte Porsche und Volkswagen aus Schwelm bei Wuppertal. Dieser Wagen ist nichts für Puristen, nichts für die »Gusseisernen«, denen jede Originalschraube heilig ist. »Das war aber auch nicht das Ziel. Wir wollten zeigen, was möglich ist«, erklärt Christian. Und es war ganz schön viel möglich.
Ausgangspunkt aller Überlegungen war kein konkretes Fahrzeug, sondern eine Philosophie: Welche Eigenschaften müsste ein Retro-Porsche haben, damit er für solche Fans interessant wird, die zwar die klassische Form lieben, aber dennoch einen erhöhten Anspruch an eine moderne Technik haben? Schnell wurde klar: Es muss die Urform des Elfers sein mit einem modernen Fahrwerk. Und die Schnittmenge daraus heißt: 964, denn der bietet die alte Karosserieform und hat schon ein Schraubenfeder-Fahrwerk und eine Elektronik an Bord, die viele Möglichkeiten eröffnet. »Der 993 ist zwar in puntco Handling vielleicht noch etwas besser, aber wie gesagt: Die Mischung macht’s«, umreißt Christian knapp die Überlegungen im Team.
Der zu diesem Zweck angeschaffte Targa aus Kalifornien zeigte erwartungsgemäß keine Schwächen bei der Karosserie, doch dafür war der Innenraum ziemlich runtergerockt. Kein Problem, denn der sollte ohnehin »neu«. Vordere Kotflügel und die vordere Haube stammen von einem 911 vor Baujahr 1974, die hinteren Kotflügel im Turbo-Look vom G-Modell. Und auch bei der hinteren Haube musste ein Altteil her, denn die Motorhaube des 964 Carrera 2 verfügte ja schon über den ausfahrbaren Spoiler, den das DTW-Team für diesen Umbau als zu modern ansah. Die Stoßstangen vorn wie hinten sind Einzelanfertigungen aus Blech. Und auch die verbreiterten Kotflügel und Schweller sind komplett aus Blech entstanden. Der Karosseriebau nahm viel Zeit in Anspruch – und doch liegt das Meisterwerk dieses 964 im Verborgenen. Haube auf also für den Motor.
Alles neu von oben bis unten: Der F300 basiert auf einem 1990 gebauten 964 Targa, der trotz seiner Kalifornien-Historie komplett wiederaufgebaut wurde. Nichts blieb unangetastet.
Der Targa durfte sein ursprüngliches Aggregat behalten, jedoch wurde das Triebwerk komplett zerlegt und überholt. Technisch notwendig waren dabei längst nicht alle Maßnahmen, dennoch wurden alle Lager, Führungen und sonstigen Verschleißteile erneuert. Neue Ventile, Kolben, Zylinder, neue Pleuelaugen, eine neue Ölpumpe, Nockenwellen, Kipphebel – einfach alles an diesem Motor wurde ausgetauscht. Das Gehäuse strahlt wie am ersten Tag dank schonender optischer Auffrischung mittels Wasserstrahlverfahren. Auch das Getriebe haben die Schwelmer Schrauber in gleicher Manier wieder in den Auslieferungszustand versetzt.
Nicht ganz so wie in Zuffenhausen ersonnen, präsentiert sich alles um den Block herum. Carbon, Edelstahl und Alu bilden nicht nur ein Gesamtkunstwerk für die Augen. Ohren und Magen haben auch was vom Umbautrieb der Truppe um Christian Wilms. Die Ohren, weil der von Falco Hollmann aus Edelstahl fein ziselierte Auspuff mit seinen zwei 100-Zellen-Kats und dem voluminösen Endtopf samt Mittelausgang bei beherztem Tritt aufs rechte Pedal wirklich gut brüllen kann. Der Magen, weil die Beschleunigung des 300-PS-Sportwagens recht ordentlich ist. »Gegenüber einem Serien-964 haben wir abgespeckt«, erklärt der Geschäftsführer des Triebwerks den flotten Vortrieb. So fehlt zum Beispiel die Klimaanlage. Allerdings ist alles so aufgebaut, dass man das Komfortextra auch wieder einbauen kann. Die Einzel-drosselklappen-Anlage ist allerdings das Meisterwerk und ein komplettes Eigenbauteil made by DTW. »Da steckt viel Arbeit drin«, seufzt der gelernte Maschinenbauer. Von den CNC-Entwürfen bis zum fertigen Teil ist alles in Schwelm entstanden und nun serienreif. Denn eines ist klar: Der F300 ist nur der Prototyp einer kommenden DTW-Fahrzeuggeneration.
TECHNISCHE DATEN
Porsche 964 »F300« Targa