PORSCHE 91 1 TURBO 3.3 (930)Seelenverwandt

Porsche Klassik

 · 02.11.2024

PORSCHE 91 1 TURBO 3.3 (930): Seelenverwandt

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Foto: Lorenzo Kikisch

Die ersten Siedler hier oben im Bayerischen Wald waren Goldwäscher. Tatsächlich tragen die letzten Meter hinauf zum Zwieslerwaldhaus ein bisschen von der Stimmung der Abenteurer in sich. Mit dem Unterschied, dass Google Earth uns genau zeigen kann, wo der Schatz zu finden ist. Allerdings wäre die schwarze Turboskulptur aus der Nähe auch kaum zu übersehen. Sie wirkt auf dem gepflasterten Vorplatz auch nicht wie ein Nugget, mehr wie ein Monolith. Die Sonne würde sich gern durchgehend darin spiegeln, aber die Seitenfenster sind getönt. Keine Sorge, reflektiert wird an diesem Spätsommertag noch reichlich, vorzugsweise in voller Fahrt.

Der 930 wird zum Fingerabdruck seiner Jugend

Lebensläufe von Porsche-Enthusiasten, insbesondere solchen der Spezies Turbo, beginnen meist mit oder in Garagen. Auch Roland W. findet so schon früh seinen Weg. Raus aus dem Elternhaus, das heißt auch entlang an der Garage des Nachbarn. Der ist begeistert von Reisen und Fahren, liebt die Motoren ebenso sehr wie das Schrauben.

Der Nachbarsjunge ist mehr als nur willkommener Zaungast, stets eingeladen, genauer hinzugucken, mitanzupacken. So wächst er auf mit diesem 911 Turbo 3.3 (930), der Porsche wird zum Fingerabdruck seiner Jugend. „Ich weiß nicht, wie oft in meinem Leben ich schon mit meinen Händen über diesen Lack gestrichen habe“, erinnert sich Roland, inzwischen selbst der stolze Besitzer. Die Worte des Nachbarn, längst sein Freund geworden, hat er noch im Ohr: „Irgendwann gehört er vielleicht eh mal dir.“ Die Prophezeiung sollte sich auf tragische Weise erfüllen. Auch deshalb sagt der heutige Besitzer: „Ich glaube fest daran, dass Autos eine Seele haben.“

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»Ich glaube fest daran, dass Autos eine Seele haben«

Wir kommen gerade vom Wolkenjagen jenseits der 1.000 Höhenmeter, sein Blick geht in die Ferne. Walter, der Nachbar, hat ihm das Auto vor ein paar Jahren tatsächlich überlassen. Tauschte den Porsche gegen ein Motorrad, eine Spezialanfertigung, um damit zum Baikalsee zu fahren. Ein Lebenstraum, aber einer, den er nicht mehr erleben sollte. Weshalb dieses Auto auch eine Art emotionales Vermächtnis ist. Ein Turbo mit viel Seele.

Vorbesitzer bringen oft Geschichten mit sich, Fahrzeugbriefe werden zu Ahnentafeln. Walter kannte denjenigen, der diesen 911 Turbo (930) als Erster fahren durfte – zumindest aus dem Fernsehen. Im Service-Scheckheft ist unter dem Stempel der Porsche AG als Eigentümer des Fahrzeugs in der Tat ein gewisser J. Ickx eingetragen. Mit vollständigen Vornamen: Jacques Bernard Edmon Martin Henry. Die ganze Welt kennt ihn nur als „Jacky“. Einer der vielseitigsten Rennfahrer der Welt, der von Rallye über Sportwagen bis zur Formel 1 fast alles gefahren und gewonnen hat. Sechsmal allein den 24-Stunden-Klassiker von Le Mans, viermal davon für Porsche. Den letzten Erfolg an der Sarthe feiert der berühmte Belgier zusammen mit Derek Bell

porsche fahrer/porklas_20241002_202402_new-img_29-1-img_c70a3c0dc750f59b55fae2a7fae61d0eFoto: Lorenzo Kikisch
Die Straßen im Nationalpark Bayerischer Wald erinnern mit etwas Vorstellungskraft an die Ardennen-Chausseen rund um Spa-Francorchamps

1982, mit dem 956 erreicht die Turbo-Ära einen Höhepunkt. Es ist auch das Baujahr jenes 911 (930), den wir im beschaulichen Winkel Bayerns wiedertreffen. Augenscheinlich hatte Ickx ihn ausgerechnet zu dieser Zeit als Dienstwagen gefahren. Auch auf einer Kopie des alten Fahrzeugbriefs, die Roland besitzt, ist der Name von Ickx mit Bleistift hinzugefügt. Als dem Mann mit dem Spitznamen „Monsieur Mans“ ein Bild vom schwarzen 911 Turbo (930) gezeigt wird, erkennt er das Auto tatsächlich wieder. Ickx, der aus Waterloo bei Brüssel kommt, ist immer noch eng mit der Marke verbunden. Zu seinem 75. Geburtstag im Jahr 2020 brachte Porsche eine „Belgian Legend Edition“ auf den Markt. Einen 911 (992), angelehnt an das Blau seiner traditionellen Helmfarbe.

Großer Arber vs. Hohes Venn

Ickx hat einmal verraten, er hätte sich, bevor er Rennfahrer wurde, auch vorstellen können, als Wildhüter zu arbeiten. Es braucht daher nur wenig Vorstellungskraft, um in den breiten Straßen, die sich im Nationalpark Bayerischer Wald sanft nach oben winden, jene Chausseen zu erkennen, die durch die Ardennen hin zur Piste von Spa-Francorchamps führen. Dem Revier von Ickx. Großer Arber vs. Hohes Venn. Majestätische Landschaften, mit einem Sportwagen, der sich selbst genug Autorität ist.

Die Turbo-Biografie des heutigen Besitzers hat gerade erst so richtig begonnen. Der Fotograf muss Roland gar nicht extra bitten, fürs Bild in Zeitlupe ein- oder auszusteigen. Es ist ein natürlicher Bewegungsablauf für den Unternehmer, der heute am Chiemsee lebt. Bewusst Platz zu nehmen, das hat etwas mit einer generellen Achtsamkeit für Automobile zu tun. In diesem Fall aber auch viel mit Respekt. Vor dem ehemaligen Besitzer Walter, aber auch vor Ickx. „Es ist ein erhabenes Gefühl für mich, dass eine Legende wie er eine Beziehung zu diesem Auto hat. Da schwingt so viel Nostalgie mit, das ist schon etwas Besonderes“, sagt Roland, der zwei Jahre älter ist als der Turbo. In seiner Kindheit waren die Sportwagenpiloten präsenter als die meisten Formel-1-Fahrer: „Ickx war einer dieser Namen. Und jetzt zu ahnen, wie er dieses Auto eingefahren und bewegt hat ...“ Da darf man ruhig mal schlucken.

Das liebste Detail: wenn der Turbo einsetzt

Frisch geladen, die Begrifflichkeit aus dem Sprachgebrauch der Turboianer, wird in der sich elektrifizierenden Gesellschaft von heute gelegentlich missverstanden. Roland bekennt sich klar zur klassischen Motorentechnik und verweist dabei gern auf sein Lieblingsdetail am Turbo. Klar mag er die Linienführung, die Ur-Ledersitze und den ausgewachsenen Heckflügel. „Aber am allerliebsten ist mir die Mitte des Drehzahlmessers, wenn der rote Zeiger die 3.500 erreicht und der Turbo einsetzt“, sagt er. Vertrauen gegen Vertrauen.

Unsere Tour entlang des 49. Breitengrads, des Weißwurstäquators, ist eine Jungfernfahrt mit dem 911 Turbo (930). Eine Probefahrt direkt nach dem Besuch in der Werkstatt. So oft hat ihn sein Besitzer noch nicht bewegen können. Immer wieder neu packt es den Fahrer. „Die ersten Kilometer sind ein Herantasten. Du musst für den Turbo ein Gespür entwickeln, er wird ja nicht ohne Grund ‚Witwenmacher‘ genannt. Da schwingt schon immer ein Hauch von Gefahr mit bei diesem Auto“, sagt er. Der Turbo räubert ein bisschen über die Mittellinie, am Ende der folgenden Bergab-Geraden reckt ein entgegenkommender Harley-Fahrer bewundernd den Daumen. Da geht die nächste Kurve gleich viel besser.

Der Motor liefert „The power of love“ gratis

Fahrer und Auto kommen immer mehr in den Tritt. Mit Anschleichen ist hier nichts mehr, ein Reisebus auf dem Wanderparkplatz wird fröhlich angebrabbelt. Das Blaupunkt-Radio, Originalzustand, dreht Roland nicht auf. Der Motor liefert „The power of love“, das Liebeslied der Achtziger, gratis und ohne Empfangsprobleme. Der Kilometerzähler liegt knapp über 97.000. Das verspricht noch viele schöne Ausfahrten bis zur magischen Sechsstelligkeit. Wehmut? „Mir tut kein Kilometer weh“, sagt der Mann hinterm Steuer, „gefahren zu werden, tut ihm immer gut.“ Für einen Moment bleibt unklar, ob er damit den Turbo oder sich selbst meint. Vermutlich beides, so von Typ zu Typ.

Der Turbo braucht Auslauf. Leicht irritierend ist da nur der Aufkleber eines Abschleppunternehmens auf der Heckscheibe. Aber das ist schnell geklärt. Der Mann ist als einer der besten Mechaniker über die Gegend hinaus bekannt, hat sich immer um den Turbo gekümmert. Auch dessen Schrauberhände tragen zur Authentizität bei. Wenn Roland handgreiflich wird, birgt das den Zauber, diese Maschine zum Leben zu erwecken, ein Zwiegespräch auf Augenhöhe zu führen. Fortbewegung hat viel mit der richtigen Wahrnehmung zu tun: „Der Turbo überrascht mich mit jedem Kick wieder. Es muss so sein, dass die Hände leicht feucht werden.“ Die Turbo-Sinnlichkeit drückt sich durch die Resonanz von Motor und Fahrwerk, die Geräusche aus dem Heck, den Benzingeruch aus. Für den Besitzer auch durch die absolute Reduktion aufs Wesentliche. Was er mit den „alten Werten“ meint, zeigt er auf einem Wanderparkplatz. Er hebt die Fußmatte hoch, klopft aufs Bodenblech und grinst nach oben: „Da ist nicht viel. Aber es reicht. Das nenne ich echt.“ Da spricht ein Fachmann. Beruflich beschäftigt er sich mit Gebäude-Sanierungen.

Autofahren, wo andere Urlaub machen, den Turbo frei durchatmen lassen. Geradezu passend, passieren wir das Schild „Luftkurort“. Hier finden sich Straßen, auf denen du zu dir und zu deinem Turbo finden kannst. Wo sich Fragen von selbst beantworten. Innenwelt und Außenwelt sind harmonisiert. Für solche Glücksmomente gibt es keine Kontrollinstrumente. Am Skistadion vorbei, wird die Tour wieder sentimental. Roland denkt daran, wie ihn der Nachbar zum Skifahren mitgenommen hat. Ein Flügelschlag nur, dann eröffnen

Am Abend fällt es ganz leicht, den Ex-Ickx-Turbo zu beschreiben: »Einfach nur ehrlich«

Turbo und Straße eine neue Perspektive. Es verdichtet sich viel an diesem Tag. Am Abend, nachdem das Spiel mit dem breiten Heck eleganter, die Linie enger und der Druck aufs Pedal stärker geworden ist, fällt es dem Fahrer ganz leicht, den Ex-Ickx-Turbo zu beschreiben: „Einfach nur ehrlich.“

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