Signalgrün ist keine Farbe, hinter der man sich verstecken kann. Es ist ein Lack, der Mut fordert und Aufmerksamkeit weckt. Dass Jan Adams, Inhaber der auf klassische Porsche spezialisierten Werkstatt Retrotec im niedersächsischen Berne, gleich zwei Transaxle-Porsche in diesem extrovertierten Farbkleid an seinem Wohnort am Weserdeich zusammenbrachte, war zunächst reiner Zufall. Den 924 in US-Ausführung hatte der Porsche-Spezialist für sich selbst gekauft. Den 968 besorgte er kurz darauf für einen Bekannten, der ein Transaxle-Modell suchte. Als die beiden Wagen Nase an Nase in der Werkstatt standen, dachte er sich: „Wie Zwillinge aus zwei Epochen. Das lohnt sich, die mal zu vergleichen.“
Es ist diese unmittelbare Gegenüberstellung, die eine faszinierende Evolutionsgeschichte offenbart – die Geschichte zweier Fahrzeuge, die auf den ersten Blick aus unterschiedlichen Universen zu stammen scheinen, im Kern jedoch untrennbar miteinander verbunden sind. Um diese Verwandtschaft zu verstehen, muss man die Historie der Transaxle-Reihe betrachten. In den 1970er-Jahren stand Porsche vor einer gewaltigen Herausforderung. Der 914 war ausgelaufen, der 911 im Modellwechsel. Es fehlte ein Einstiegsmodell, insbesondere für den immens wichtigen US-Markt. Der 924 sprang in die Bresche – als Lückenfüller. Ursprünglich war er als Entwicklungsauftrag für Volkswagen konzipiert worden. Als VW das Projekt fallen ließ, übernahm Porsche die Regie. Das Prinzip: Motor vorne, Getriebe an der Hinterachse. Diese Transaxle-Bauweise garantierte eine hervorragende Gewichtsverteilung und schuf ein völlig neues Fahrgefühl. Von Spöttern anfangs als Hausfrauen-Porsche betitelt, erwies sich der 924 als Retter der Marke.
Das Konzept rettete Porsche durch schwere Zeiten. Fast zwei Jahrzehnte später schickte man den 968 auf exakt demselben Radstand ins Rennen. Wieder war es eine Art Lückenfüller, das letzte Aufbäumen der Transaxle-Vierzylinder. Der niederländische Designer Harm Lagaay ist hier untrennbar verbunden mit der Entwicklung vom 924 bis hin zum 968 GTS. Für das letzte Modell nahm Lagaay die Silhouette und die Dachlinie des Vorgängers 944, der wiederum aus dem 924 hervorging, und zeichnete sie raffiniert ins neue Jahrzehnt.
Der 968 übernahm die wesentlichen Proportionen und die Silhouette nahezu unverändert aus der klassischen Linie des 924 und 944.
„Man kann die Evolution im Auto sehen“, so Adams. „Einiges ist schon beinahe identisch. Man könnte theoretisch die 924-Tür in den 968 einbauen.“ Obwohl die Basis gleich blieb, veränderte Lagaay die Ausstrahlung fundamental. „Er hat das alte Auto so gepimpt, dass es einfach extrem modern wirkte“, zollt der Porsche-Experte Respekt. Mit den Rundscheinwerfern und dem neuen Heck nahm der 968 Anleihen beim 928 und ebnete optisch bereits den Weg für den legendären 993.
Tatsächlich teilen sich die Autos bei aller optischen Differenzierung den konstruktiven Kern. Doch wo der 924 einst als Träger von Audi-Teilen abgetan wurde, tritt der 968 mit gewaltigem Selbstbewusstsein und purer Porsche-Technik auf. Während der 924 mit seinen schmalen Stoßstangen und den charmanten Klappscheinwerfern spürbar die 70er-Jahre ausstrahlt, zitiert der 968 mit seinen offenen Rundscheinwerfern ganz bewusst den brachialen 928. Er streift den Ruf des biederen Modells endgültig ab. „Die haben auf der letzten Evolutionsstufe dem Auto nochmal richtig Sportwagen-Gene eingehaucht, indem sie die Front so gemacht haben, dass er aussieht wie ein echter Sportwagen“, analysiert Adams das gelungene Facelift.
Der Sprung vom pragmatischen Lückenbüßer zum Hochleistungssportwagen ist immens. Und doch schmunzelt Jan Adams: „Es ist, als wenn man wirklich einen Enkel trifft, der ein bisschen aussieht wie der Opa – dem man aber ein paar moderne Sneakers angezogen hat. Man sieht ganz klar, dass das zusammengehört.“
Wer die grünen Zwillinge betrachtet, sieht nicht nur zwei Autos. Er sieht, wie ein Konzept über fast zwanzig Jahre hinweg erwachsen wurde – ohne seine Wurzeln zu verleugnen. Es ist der handfeste Beweis, dass Porsche aus der anfänglichen Not eine echte Tugend machte und ein überragendes Fahrzeuglayout schuf, das in der passionierten Klassiker-Community heute völlig zu Recht so gefeiert wird. Beide Autos, der frühe Pionier und der späte Perfektionist, haben ihren festen Platz in der Historie gefunden und zelebrieren gemeinsam ein technisches Layout, das die Zuffenhausener Legende entscheidend mitgeprägt hat.
Der 924 hat als US-Modell seitliche Reflektoren und weit hervorstehende Stoßstangen mit wulstigen Gummielementen. Damit sollten die Folgen bei Heckparkremplern bis 4 km/h (bzw. 8 km/h vorn) minimiert werden. Beim 968 ist der Stoßfänger mit dazugehörigen Verstärkungen in die Heckschürze integriert. Das Kennzeichen wurde nach unten verlegt und die Rückleuchten erhielten ein modernes Design.
Man erkennt im Cockpit ganz klar die markante Porsche-Linie mit der hohen Mittelarmlehne, die zwingend durch die Transaxle-Bauweise bedingt ist. Die Sitzform ist bei beiden Modellen im Prinzip gleich geblieben, ein typisches Stilelement von Porsche. Auch die Griffmulden der Türen und die links angeordnete Handbremse sind völlig identische Bauteile, die Aschenbecher ähneln sich. Deutliche Unterschiede gibt es bei den Anzeigeinstrumenten. Der 968 hat eine durchgehende Instrumenteneinheit, während der 924 noch die klassischen, einzelnen Rundinstrumente aufweist. Und in der Mitte thront beim 968 eine digitale Uhr. Das war damals in den Neunzigern der absolute Inbegriff von Premium! Es ist faszinierend zu sehen, wie die alte Kern-DNA unangetastet blieb und man dem 968 einfach einen sehr feinen, modernen Filter übergelegt hat.
Bei den Außenspiegeln zeigt sich der Zeitsprung deutlich. Der 924 trägt noch diese simplen, in Schwarz gehaltenen Blechseitenspiegel, wie man sie damals baugleich auch bei einem Passat oder Golf gefunden hat. Das war der damalige Konzernstandard. Der 968 erhielt dagegen die aerodynamisch ausgeführten Spiegel des 993. Ein Versuch, das in die Jahre gekommene Design sportlich aufzuwerten.
Bei den Türgriffen hat Porsche beim 924 noch ganz pragmatisch ins Konzernregal von VW gegriffen. Wenn man genau hinschaut, ähneln diese Teile optisch stark denen vom Golf oder dem Audi 80. Der 968 weist dagegen strömungsgünstig geformte Türgriffe in Wagenfarbe auf. Eine Bemerkung am Rande: Die Griffmulden in den Türen sind identisch.
Erschienen in Ausgabe 5-2026