Porsche 924 TurboMit Axel in den Süden

Alwin Maigler

 · 19.06.2026

Bild 1
Foto: Alwin Maigler, Matthias Straub, privat

Sonnenbrille rauf, Fenster runter, Pink Floyd an: „Wish you were here“. Ich erinnere mich noch gut an den Julimorgen vor einem Jahr, als ich ganz früh Richtung Arles losfuhr – in meinem weißen 924 Turbo und mit Axel, meinem Dad. Genau so wollte ich das schon länger mal machen: eine lange Strecke nur mit ihm cruisen und das Gefühl zu zweit genießen. Ich gebe Gas und singe seine Lieblingssongs mit, er lächelt rüber. Nur: An diesem Morgen sitze ich allein am Steuer und stelle mir bloß vor, wie es wohl wäre.

Mein Vater ist viel zu früh gestorben, acht Jahre ist das jetzt her. Ich war gerade 22 Jahre alt geworden. Ein junger Erwachsener, aber noch lange nicht fertig mit dem Aufwachsen. Ich hätte ihn noch gebraucht. Er war mein wichtigster Gesprächspartner, hat mir unglaublich viel mitgegeben – ob den Bezug zur Musik, den Zugang zur Kunst, die politische Bildung. Er hat mich in wahnsinnig vielen Bereichen inspiriert, wir haben endlos diskutiert. Dann kam die Diagnose. Ein Jahr später war er weg.

Natürlich in Weiß und in keiner anderen Farbe

Im ersten Jahr nach seinem Tod war ich noch für meine Mutter da. Dann verließ ich mein Zuhause in Riedlingen, zog ins 100 Kilometer entfernte Stuttgart und merkte bald: Es fehlt etwas. Ein Platz des Gedenkens, ein Rückzugsort, etwas, das die physische Verbindung zu meinem Dad erhält. Daheim gab es ja genug Anker: das Haus, meine Mutter, der Friedhof. In Stuttgart war das anders. Und ausgerechnet dort, mitten zwischen ÖPNV-Angebot, Dieseldiskussion und fußläufigem Alltag, nahm die absurde Idee Gestalt an, mir einen Porsche 924 zu kaufen – so einen, wie mein Vater ihn früher gefahren hatte. In Weiß und in keiner anderen Farbe. Natürlich.

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„Ein Auto ist viel mehr als Blech. Es ist ein Raum, in dem Erinnerung plötzlich wieder eine Temperatur bekommt.“

Von diesem Auto existierten für mich nur Erzählungen. Seinen echten 924 von 1977 habe ich nie erlebt, der war längst verkauft, seit 35 Jahren irgendwo verschwunden. Ich weiß nur, dass er ihn kurz nach dem Studium mit dem Geld seines ersten Jobs in Darmstadt von einer Ärztin erworben hat. Dass er das Auto immer für das beste hielt, das er je besaß. Und dass meine Mutter ihn in genau diesem Wagen kennengelernt hat. Erst nach seinem Tod habe ich begriffen, dass ein Auto viel mehr sein kann als nur Blech – ein Raum, in dem Erinnerung plötzlich wieder eine Temperatur bekommt.

Die Fahrt von Stuttgart Richtung Arles, wo ich wie jedes Jahr das Fotofestival Les Rencontres d’Arles besuchen wollte, lief gut – anfangs. Irgendwo in Italien wurde das Fließen erst zähflüssig. Dann stand ich im Stau und hörte ein Pfeifen. Ein Lkw-Fahrer neben mir machte auf sich aufmerksam. „Bella macchina“, rief er grinsend. Ich musste lachen, weil solche kleinen Gesten ziemlich gut zu diesem Auto passen: Der 924 wird eigentlich nur von Kennern geschätzt, von vielen 911-Besitzern aber bis heute eher von oben herab betrachtet und als Maurer- oder Hausfrauen-Porsche belächelt. Er kam 1976 als Einstiegsmodell mit wassergekühltem Frontmotor und Transaxle-Bauweise auf den Markt, also mit Motor vorn und Getriebe hinten, was für eine fast ausgeglichene Gewichtsverteilung, ein neutrales Fahrverhalten und viel Platz für Gepäck sorgt. Dass dieses Konzept Transaxle heißt und mein Vater den Vornamen Axel trägt, ist wahrscheinlich Zufall, oder? Aber vor allem sieht das Auto schnittig aus, fährt sich lässig, hat eine große Heckklappe, schluckt mein ganzes Fotoequipment und ist ein Gefährt, mit dem man sich bei Tempo 50 schon fühlt, als wäre man auf einer Rennstrecke unterwegs.

„Die Hitze auf der Fahrt war brutal, mit seinen großen Scheiben wurde der Wagen zum Terrarium. Doch allein der Blick auf die Buchten war es wert.“

Der Vater meines Mitbewohners half beim Autokauf

Dass ich meinen 924 überhaupt gefunden habe, verdanke ich dem Vater meines ehemaligen Mitbewohners. Der Oldtimerfahrer und Maschinenbauingenieur bei Daimler hat mit mir zusammen Autos besichtigt, ist Probe gefahren, hat Bremsen getestet, Beschleunigung geprüft und für mich Kurvenverhalten gelesen wie andere Leute Tageszeitungen. Für mich war er auch deshalb wichtig, weil er ein Stück die Rolle des Vaters beim Autokauf übernommen hat: als Ratgeber, als skeptische Instanz, als jemand, der einem sagt, ob man so eine Anschaffung machen kann oder besser die Finger davon lässt.

Gekauft habe ich den Wagen, einen 924 Turbo, schließlich im Sommer 2023. Es war das Jahr meiner ersten Solo-Ausstellung als Fotograf. Zeitgleich hatte ich einen Fotojob für Porsche. Mit Teilen des Honorars habe ich dann lustigerweise die 14.000 Euro für das Auto bezahlt. Der Verkäufer war ein älterer Herr, dessen Sohn lieber einen Camper wollte, um mit seiner Freundin in den Urlaub zu fahren. Ich bin mit dem 924 Turbo, Baujahr 1980, gleich zurück nach Stuttgart und habe die ersten Macken schon auf der Überführung kennengelernt – weil es im Auto mörderisch heiß wurde und die Lüftung sowie die elektrischen Fensterheber eher theoretische Komfortmerkmale waren. Immerhin: Motor und der ganze Rest waren solide.

Der Tag des Kaufs war gewaltig. Erst war alles nur eine vage Idee gewesen, dann ein konkretes Sparziel, schließlich eine monatelange Suche. Und plötzlich saß ich wirklich in diesem Auto. Zuhause rief ich meine Mutter an und berichtete ihr vom Kauf – ihr kamen die Tränen. Später, allein mit dem Schlüssel in der Hand, fing ich selbst an zu weinen. Weil mir in diesem Moment mit voller Wucht klar wurde, wie gern ich meinem Dad alles erzählt hätte und dass er bei so einer Suche eigentlich mein Ansprechpartner Nummer eins gewesen wäre. Hätte sein sollen. Und wie gern ich jetzt mit ihm zusammen die Haube geöffnet und an dem Wagen herumgedoktert hätte.

Profis auf der Alb und schwäbischer Pragmatismus

Das Schrauben habe ich dann nach und nach mit Profis auf der Alb, mit ihren Geheimtipps und dem schwäbischen Pragmatismus erledigt. Ich habe Fahrwerk, Kleinigkeiten und größere Mängel richten lassen und gemerkt, dass im Auto überall Fiat-Kabel steckten – weil der Wagen rund 20 Jahre in Italien unterwegs war. Eine glückliche Fügung: Zwei Jahrzehnte ohne viel Regen, Schnee und Salz sind der Grund, warum mein 924 Turbo trotz allem noch so unverschämt gut dasteht.

Jetzt ist er mein Daily Driver, mein Geschäftswagen, mein Rückzugsort. Wenn ich einen schlechten Tag habe, setze ich mich rein, höre Led Zeppelin, Dire Straits oder eben Pink Floyd – also die Musik meines Vaters. Und mit dem kratzigen Sound aus der alten Anlage, die eigentlich viel zu schlecht für gute Musik ist, aber gerade deshalb irgendwie perfekt passt, bin ich für einen Moment wieder mit ihm in einem Raum. Dass es unser Raum ist, sieht man natürlich auch am Kennzeichen: Ich habe die gleiche Zahlenkombination wie Dad damals – 3639. Davor ein S für Stuttgart, dann meine Initialen AM und hinten ein H, dank dem ich mit dem 924 auch in die Stuttgarter Innenstadt darf.

„Zwei Jahrzehnte ohne viel Regen, Schnee und Salz sind der Grund, warum mein 924 Turbo noch so unverschämt gut dasteht.“

Große Scheibe, schwarze Ledersitze, keine Klimaanlage

Zurück zur Fahrt nach Südfrankreich: Die wurde zur echten Prüfung, die Hitze auf der Tour war brutal. Meine Route ging in einem Stück von Stuttgart durch die Schweiz und Italien bis runter nach Monaco. Die Sonne grillte mich bei 40 Grad, die großen Scheiben machten aus dem Auto ein rollendes Terrarium, statt Klimaanlage gab es leider nur schwarze Ledersitze. Die Espressopausen, um vor der Hitze zu fliehen, wurden immer häufiger. Und der Fahrtwind brachte auch keine wirkliche Abkühlung: 120 km/h sind eben das Limit, wenn man keinen Airbag hat und die Sache nicht übertreiben will.

Nach 14 Stunden kam ich in Monaco an, wo ich für einen Fotojob eine Zeit bleiben würde. Die Sonne ging gerade unter, ich musste meine Kamera rausholen und ein Bild von diesem Blick in die Bucht schießen – nicht digital, sondern analog auf Film. Und plötzlich passte alles zusammen: die Musik, das Auto, das Korn des Kodak Portra 400 Rollfilms, die Hitze, die Straßen. Und das Gefühl, dass man durch die Gegenwart fährt und trotzdem mit der Vergangenheit spricht. Natürlich waren in Monaco modernere, teurere, lautere Autos auf den Straßen unterwegs. Doch für mich war mein weißer 924 Turbo der lässigste Wagen.

Ein paar Tage später fuhr ich weiter Richtung Arles, solange es ging an der Küste entlang. In Cannes stellte ich mich ins absolute Halteverbot, sprang einfach ins Meer, gönnte mir einen Espresso und dachte beim Zurücklaufen zum Auto, dass so ein nasser Boxenstopp an der Côte d’Azur genau die Art von herrlicher Verrücktheit ist, die eine Reise wie diese erst richtig macht. Wie cool wäre es, wenn Dad und ich jetzt wirklich zu zweit hier wären. Er und ich mit dem Gefühl, dass diese Straße nur uns gehört.

Vielleicht ist das überhaupt der Kern: Ich fahre dieses Auto nicht, um irgendwem etwas zu zeigen, sondern weil ich mit dem 924 Turbo eine Verbindung am Laufen halte, die ich im Alltag nicht immer herstellen kann. Deshalb stehen schon die nächsten Roadtrips an – zu Orten, an denen mein Vater gelebt und geliebt hat. Südtirol war mal seine Heimat, in Dresden lernte er meine Mutter kennen, und natürlich geht es noch dahin, wo die Geschichte begann: nach Darmstadt.

Aufgezeichnet von Gordon Detels

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