Auf den Spuren der MONTE

Porsche Klassik

 · 12.05.2024

Auf den Spuren der MONTEFoto: Agentur Plusrallye
Über viele der kur venreichen Routen wie hier den Col de Turini brausten schon Rallye-Legenden wie Rauno Aaltonen oder Walter Röhrl
Über Hügel und Berge: Die französischen Seealpen bieten immer wieder atemberaubende Panoramen
Foto: Agentur Plusrallye

Der Marktplatz in Rothenburg ob der Tauber wirkt ein bisschen wie aus dem Märchen. Am Boden Kopfsteinpf laster, rundherum säumen teils schiefe Fachwerkhäuser die Kulisse. Passend dazu: diese vielsagenden Blicke, wenn wir erzählen, mit welchem Wagen wir hier antreten. Der 924 gilt in der Porsche-Hierarchie als Underdog. Verdient hat er das nicht. Er ist ein ausgewachsener Sportwagen, lässt sich für ein gut 40 Jahre altes Auto f lott bewegen und er weist sich damit als veritabler Porsche.

Mittelalterlich: Rothenburg ist bekannt für seine Altstadt und die Schneeballen aus Mürbeteig. Unser 924 befindet sich in guter Rallye-GesellschaftFoto: Agentur PlusrallyeMittelalterlich: Rothenburg ist bekannt für seine Altstadt und die Schneeballen aus Mürbeteig. Unser 924 befindet sich in guter Rallye-Gesellschaft

Bewusste Entscheidung für den 924

Ja, wir wissen, dass der Zwei-Liter-Motor seinerzeit im Audi 100 und im V W-Transporter LT vor sich hin brummte und dass viele Teile aus dem V W-Regal stammten. Dennoch: Mein Mitfahrer Götz und ich haben ihn bewusst als Rallye-Gefährt für die AvD-Histo-Monte ausgesucht. Er ist bequem, bietet als 2+2-Sitzer ausreichend Platz für Team, Gepäck und Werkzeug und hat als Targa sogar ein abnehmbares Dach. Das Transaxle-Konzept sorgt für eine ausgewogene Gewichtsverteilung. Kurzum: Er ist ein komfortabler Reisewagen.

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Während man sonst bei klassischen Rallyes mit einem Transaxle-Porsche zu den Exoten inmitten einer Armada von 911ern zählt, treten hier gleich zehn der frontgetriebenen Modelle an – die Hälfte des gesamten Porsche-Teilnehmerfelds. Es scheint, als hätten wir einen guten Geschmack. Eine nicht repräsentative Umfrage unter den anderen Transaxle-Teams zeigt, dass sie dieselben Vorzüge an ihren Einsatzwagen schätzen wie wir. So wie Armin und Leonore aus Unterfranken: Sie haben ihren 944 Targa „extra für diese Rallye gekauft“, erzählen sie uns.

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Die erste Herausforderung: der 100 Kilometer lange Prolog am Abend rund um Rothenburg. Im Minutenabstand röhrt ein Auto nach dem anderen durch die engen Gassen der A ltstadt. Heute sind sie fast menschenleer, im Sommer dagegen voll mit Touristen. Das mittelalterliche Flair lockt Menschen aus aller Welt an. Götz und ich genießen das Spektakel in Ruhe. Dank der Startnummer 55 haben wir noch etwas Zeit bis zum Start. Das Taubertal wartet mit seinen kur venreichen Landstraßen und zahlreichen Burgen und Schlössern auf uns. Das bekannteste: Schloss Weikersheim. Musikliebhaber sollten sich das Musikfestival im Schlosspark am ersten Juliwochenende vormerken.

»Der Porsche 924 gilt in der Hierarchie als UNDERDOG«

Die Schwarzwaldklinik lässt grüßen

Nach dem Prolog liegen rund 1.800 Rallye-Kilometer vor uns. Der erste Teil: über die Schwäbische Alb durch den Schwarzwald bis nach Freiburg. Die große Kunst bei dieser Routenplanung: die spektakulären Wege abseits von Bundesstraßen ausfindig zu machen. Diese Disziplin beherrscht das Team um Histo-Monte-Chef Peter Göbel bestens. Am Kandel, dem höchsten Berg des Mittleren Schwarzwalds, schrauben wir uns im 924 bergauf bei einer Wertungsprüfung. Hinab führt uns die Straße ins berühmte Glottertal, Filmkulisse für die legendäre TV-Serie „Schwarzwaldklinik“. Einzig der Dauerregen trübt das Fahrerlebnis ein wenig.

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Eines der Highlights wartet am nächsten Morgen. Südlich von Freiburg gilt es, die alte Bergrennstrecke am Schauinsland mit einem Durchschnitt von 48 km/h zu erobern. Das Streckenlayout ist fantastisch. Die Historie fährt hier mit, auch wenn wir nicht einmal halb so schnell unterwegs sind wie beispielsweise die Porsche-Bergspezialisten der 1960er-Jahre, Edgar Barth oder Gerhard Mitter.

Durchs Markgräflerland geht es über die Alte Rheinbrücke in Rheinfelden in die Schweiz. Ein besonderes Erlebnis, denn die 1912 eröffnete Rheinquerung ist strikt für den privaten Verkehr gesperrt. Exklusiv für die Rallye-Teilnehmer führt die Route weiter über die historische Marktgasse durch die Altstadt mit ihren Torbögen und verwinkelten Sträßchen. Ebenso malerisch präsentiert sich Saint-Ursanne am Fluss Doubs. Die historische Kleinstadt im Kanton Jura ist die letzte Station in der Schweiz, bevor wir über die Grenze in den französischen Teil des Juras fahren. Zur Mittagspause genießen wir nicht nur die ersten Sonnenstrahlen, sondern beim Kaffee auf der Terrasse in Malbuisson auch den Blick auf den Lac de Saint-Point.

»Steile Schluchten und ENGE KURVEN wechseln sich auf unserer Fahrt ab«

Steile Schluchten und enge Kurven wechseln sich auf unserer weiteren Fahrt ab. Die Berge wie der Mont Jura mit bis zu 1.600 Metern Höhe bieten spektakuläre Ausblicke. Nach der Übernachtung in Aix-les-Bains haben wir und unser 924 am vierten Tag mit 570 Kilometern die längste Etappe vor uns. Sie wird nach gut 13 Stunden in Cannes enden. In den Seealpen sind wir dort unterwegs, wo einst die Helden der Tour de France und der Rallye Monte Carlo heimisch waren. Der Mont Revard zählt dazu, ebenso wie der Col du Granier und Saint-Apollinaire in der Provence-Alpes-Côte d’Azur.

Der Grand Canyon von Frankreich

Eine der Passagen, die wir mit besonderer Spannung erwarten: der Grand Canyon du Verdon mit seinen bis zu 700 Meter tiefen Schluchten – eine der beliebtesten Touristenattraktionen in Südfrankreich.

Die Straße schlängelt sich am Rand entlang und bietet atemberaubende Aussichten auf den Fluss Verdon. Von dem fantastischen Panorama sehen wir: nichts. Als wir ankommen, ist es dunkel, zusätzlich hat sich dichter Nebel über die Schlucht gelegt. Die Sicht reicht teilweise keine zehn Meter weit. Die Krux: bei der Wertungsprüfung über rund 14 Kilometer das geforderte Durchschnittstempo von 49 km/h einzuhalten und zugleich den Verhaltenskodex für die Teilnehmer zu befolgen: „Die Geschwindigkeit und die Fahr weise werden dem Wetter und den vorherrschenden Verkehrsverhältnissen angepasst.“ Wir entscheiden uns dafür, das Auto nicht wegzuschmeißen und heil anzukommen.

Am Col des Garcinets (1.185 m) fühlen wir uns endgültig wie bei der Rallye Monte Carlo, der Mutter aller Straßenrallyes. Im Cockpit zählen wir auf, an welche Piloten wir uns erinnern: Vic Elford und Björn Waldegård ( beide auf 911), Rauno Aaltonen, Sandro Munari, Sébastien Loeb, Sébastien Ogier. Und natürlich für uns der Größte: Walter Röhrl mit seiner dreifachen Siegesserie. Röhrl erscheint höchstpersönlich am letzten Tag der Rallye, um mit seinem originalen Sieger wagen von 1984, dem Audi Sport quattro S1 E2, den Col de Turini noch einmal hinauf- und hinunterzubrettern. Der Pass steht für die Monte-Wertungsprüfung schlechthin. Früher war sie als „Nacht der langen Messer“ bekannt, wo kurz vor dem Ziel oft die finale Entscheidung fiel.

» Am COL DES GARCINETS fühlen wir uns endgültig wie bei der Rallye Monte Carlo «

Heute geht es weniger martialisch zu: 40 Jahre nach seinem letzten Sieg erreichen Röhrl und Beifahrer Markus Stier den Col de Turini um die Mittagszeit. Der Regen hat nicht nachgelassen, was den Meister aber wohl nicht gestört hat. „Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich nach so langer Zeit noch einmal mit diesem Auto fahren darf“, sagt Röhrl sichtlich gerührt.

Die Zeit vergessen

So ähnlich fühlen Götz und ich uns auch, als wir an Tag fünf der Rallye nachmittags mit unserem 40 Jahre alten Auto in Monte Carlo eintreffen. Der Blick auf die Stadt und den Yachthafen Port Hercule belohnt uns für die Strapazen der rund 1.800 Kilometer, die hinter uns liegen. Im Ziel wird jedes Team mit dem Rallye-Gefährt auf einem individuellen Foto verewigt. Eine Erinnerung an fünf schnelle Tage, die das Wort „herausfordernd“ nur unzureichend beschreibt.

Unser Abenteuer auf den Spuren der Legende, der Rallye Monte Carlo, hat Götz, mich und unseren 924 durch einige der schönsten Regionen in Deutschland, der Schweiz und Frankreich geführt. Die Kombination aus dieser Route und unserem besonderen Porsche mag ein bisschen aus der Zeit gefallen sein. Sie hat uns auf unserer Reise aber auch die Zeit vergessen lassen.