Tobias Kindermann
· 05.04.2026
Ein Offroad-Sportwagen mit 610 PS und Allradantrieb, inspiriert von Ralph Laurens Colorado-Ranch und den Safari-Rallye-Elfern der 70er Jahre: Der Ruf Rodeo ist vielleicht Alois Rufs ungewöhnlichste Kreation – und eine sehr persönliche.
Zwei Porsche 911 Carrera 2,7 RS mit den Chassisnummern 285 und 288, eine 17.000 Hektar große Ranch in Colorado (das entspricht der Fläche von 24.000 Fußballfeldern) und eine in letzter Sekunde abgesagte Automesse: Diese ungewöhnliche Mischung schuf die Voraussetzungen für ein Fahrzeug, das man von der schwäbischen Manufaktur Ruf so nicht erwartet hätte.
Den Anfang bildete eine gescheiterte Premiere: „Das Konzeptfahrzeug stand 2020 bereits in Genf auf dem Podest und sollte auf der Automobilausstellung präsentiert werden. Die Unkosten waren bereits entstanden, das Auto stand dort, der Stand war fertig – aber die Ausstellung fand nicht statt“, erinnert sich Alois Ruf. Der Genfer Autosalon wurde in letzter Sekunde wegen Corona abgesagt.
Die Wagen aus Pfaffenhausen gelten nicht als Stars einer schillernden Szene, die das Thema Porsche gerne extrovertiert interpretiert. Alois Ruf ist eher ein Mann, der technisch getriebene Kreationen auf die Räder stellt und oft Nischen bedient, die Porsche nicht ausfüllen konnte oder wollte. Doch der Rodeo setzt bewusst auch ein optisches Statement.
Ruf gestaltete auf Basis des CTR 2017 dieses Showcar: „Wir dachten einfach, man muss auch mal in diese Richtung denken, eine Art Offroad-Safari-Auto zu entwickeln, was auch ein bisschen Nostalgie darstellt. Das erinnert an die 70er Jahre, an die Porsche-Rallye-911 wie die Kühne & Nagel-Fahrzeuge. Dieses Feeling wollten wir wieder aktivieren.“ Tatsächlich wirkte die Studie mit den auf der vorderen Haube aufgesetzten, runden Zusatzscheinwerfern, dem großen Dachgepäckträger und der Schaufel am Heck auf der Motorhaube wie eine ins Heute geholte Neuauflage des Wagens, mit dem Porsche 1974 an der Safari-Rallye startete.
Doch schon die Studie wies etwas auf, was in der weiteren Entwicklung noch stärker Gewicht bekommen sollte – was nicht zuletzt durch den ungewöhnlichen Namen „Rodeo" zum Ausdruck kommt: „Er entstand bei einem Abendessen zwischen meiner Frau und mir. Rodeo steht für Wild-West, für die USA. Meine Frau und ich haben uns im Wilden Westen kennengelernt, nämlich in Oklahoma. Wir wollten dieses Wild-West-Feeling in unser Auto einbringen.“
Inspiration war auch die Western Collection, die Modeschöpfer Ralph Lauren 2011 präsentierte – geprägt von seiner riesigen Ranch in Colorado. Wildleder, Fransen, Silbergürtel, handgeklöppelte Spitze. Die Kollektion wurde zur Inspirationsquelle für andere Designer und zeigt: Western-Stil kann luxuriös, elegant und zeitlos sein. Lauren besitzt eine große Leidenschaft für Autos. Seine Sammlung umfasst angeblich etwa 100 Fahrzeuge im Wert von 600 bis 700 Millionen Dollar. Darunter Bugatti Type 57SC Atlantic, Ferrari 250 GTO, drei McLaren F1. Er fährt auch einen Ruf CTR3 mit 777 PS und 370 km/h Höchstgeschwindigkeit. Alois Ruf und er sind Freunde.
„Wir haben das Auto bewusst amerikanisch ausgerichtet. Die meisten Amerikaner sagen: Oh, it looks like a New Mexico Santa Fe car”, sagt Alois Ruf. Santa Fe wurde 1610 gegründet und liegt auf über 2000 Metern Höhe in New Mexico. Die Stadt ist weltberühmt für ihre erdbraunen Lehmhäuser im Pueblo-Stil, der seit Mitte des 20. Jahrhunderts als verpflichtender Stil für alle Neubauten festgeschrieben wurde und der Stadt ihre Western-Atmosphäre verleiht. Als kultureller Schmelztiegel vereint Santa Fe spanische, mexikanische und indianische Einflüsse und ist mit rund 200 Galerien eines der bedeutendsten Kunstzentren für Western und American Indian Art weltweit.
Im Innenraum des Ruf Rodeo spiegelt sich dieser Stil wider: Er ist großflächig mit dunkelbraunem Leder ausgestattet, das sich über Armaturenbrett, Mittelkonsole, Türverkleidungen und Sitzteile erstreckt. Die Sitze selbst kombinieren braunes Leder mit Stoffeinsätzen in einem besonderen Muster, das von indianischer Kunst aus dem amerikanischen Südwesten und mexikanischen Pferdedecken inspiriert ist. Gestaltet hat ihn Estonia Ruf.
Nur der Name war schon vergeben: Santa Fe heißt bereits ein SUV von Hyundai, das seit 2000 produziert wird und als siebensitziges Flaggschiff der Südkoreaner so ziemlich genau das Gegenteil dessen verkörpert, wofür der Ruf Rodeo steht.
Warum wurde es nach dem gescheiterten Anlauf in Genf erst einmal ruhig um den Wagen? „Wir haben nicht sofort nach 2020 mit dem Bau begonnen. In diesen vier Jahren hatten wir viele andere Projekte. Dann sagten wir uns: Jetzt packen wir den Rodeo endlich an, weil Leute immer wieder nachgefragt haben, was aus dem Projekt wird. Das damalige Showcar war ja nur ein Teaser“, sagt Alois Ruf. In dieser Zeit veränderte sich auch das Aussehen deutlich. Die Radausschnitte sind nun eckig und wuchtiger, auch die geänderten Felgen lassen ihn mehr nach Offroad aussehen: „Sie sollen etwas Martialisches zeigen.“ Die auf dem Dach montierte Reling wirkt im Vergleich zum Dachgepäckträger des Prototyps fast schon zierlich. Mit seiner nun massiven Rad-und Kotflügelkombination und dem unverändert schlanken Aufbau vom CTR hat der Rodeo auch etwas von einem Wüstenbuggy erhalten.
„WIR HABEN DAS AUTO BEWUSST AMERIKANISCH AUSGERICHTET. DIE MEISTEN AMERIKANER SAGEN: OH, IT LOOKS LIKE A NEW MEXICO SANTA FE CAR“
Doch da ist noch die ungewöhnliche Basis, die dem Rodeo einige Superlative beschert. Ähnlich leistungsfähig dürfte sich kein anderer in Kleinserie gefertigter Wagen dieser Art geben. Er ist im Prinzip ein CTR fürs Grobe, teilt sich mit ihm die Basis: das Kohlefaser-Monocoque mit einem integrierten Überrollbügel aus Stahl. Mit 24 Zentimetern besitzt er aber eine rund doppelt so große Bodenfreiheit wie der CTR. „Die Radaufhängung wurde komplett geändert. Wir haben andere Anlenkpunkte und andere Dreieckslenker entwickelt. Das war wegen der Geometrie notwendig, denn die Neigungswinkel der Antriebswellen müssen stimmen“, sagt Alois Ruf.
Der Motor des Rodeo ist eng mit dem des CTR verwandt: „Er wurde so modifiziert, dass er sehr starken Ladedruck im niedrigeren Drehzahlbereich aufbaut. Wir haben die Höchstleistung gegenüber dem CTR um 110 PS auf 610 PS reduziert, aber das Fahrzeug ist trotzdem sehr flott und zeigt, was der Motor und das Fahrzeug können.“ Das Kennfeld wurde dazu neu abgestimmt und andere Turbolader verwendet – mit anderer Geometrie und geringerem Luftdurchsatz. Sie bieten weniger maximale Leistung, dafür aber enormen Durchzug im unteren Drehzahlbereich. Weil die aktuelle Kombination so überzeugt, plant Ruf auch keine Saugmotorvariante: „Momentan nicht. Wir sind der Meinung, dass die Turbo-Lösung sehr gut funktioniert.“ Das bestätigt der Blick auf einen anderen Wert: Der Rodeo-Motor setzt schon bei 2.250/min 700 Nm frei.
Die Fahrzeuge: Die Autos hatten die Kennzeichen S-AR 7909 und S-AR 7910. Dahinter verbargen sich die Chassisnummern 285 und 288 aus der Carrera 2.7 RS-Serie – beide Leichtbau-Varianten, von denen nur 200 Exemplare entstanden. Sie wurden umfangreich modifiziert. S-AR 7909 (Chassis 285) pilotierten die Safari-Sieger Edgar Herrmann und Hans Schüller, S-AR 7910 (Chassis 288) übernahmen Björn Waldegård und Hans Thorszelius. Die Rallye: Sintflutartige Regenfälle verwandelten die Pisten in eine Schlammwüste. Herrmann und Schüller starteten von Position 41 – alle vor ihnen hatten die Strecken bereits aufgewühlt. Nach drei Stunden im Morast kam es zu einem Motorschaden – Ausfall. Waldegård und Thorszelius führten lange, doch kurz vor dem Ziel brach die Aufhängung. Es reichte trotzdem noch für Platz zwei. Das Schicksal: S-AR 7909 (Chassis 285) wurde als Totalschaden abgeschrieben und billig verkauft. Jahrzehntelang wurde er bei afrikanischen Rallyes eingesetzt, bis er in einer kenianischen Werkstatt verrottete. Ende der 1990er Jahre wurde er in Deutschland restauriert. S-AR 7910 (Chassis 288) kehrte nach Deutschland zurück und gewann 1977 in Privathand die 10.000 Kilometer lange Tour d'Europe. Auch dieser Wagen wurde später restauriert.
Die müssen nur 1350 Kilogramm Leergewicht (DIN) über sechs Gänge in Fahrt bringen – der größte Vorteil des Konzeptes. Zum Vergleich: Ein Porsche 911 Dakar wiegt 1605 Kilogramm (DIN), der neue, teilelektrische 992 Turbo S 1725 Kilogramm (DIN). Das Sparen am Gewicht in der aufwändigen Kleinserie hat seinen Preis, ab 1,6 Millionen Euro kann man Besitzer eines Rodeo werden.
Neu ist für Ruf das Thema Allrad: „Es handelt sich um ein Hang-on-Allradsystem. Wenn die Hinterräder durchdrehen, geht die Kraft automatisch nach vorne. Man kann es aber auch manuell zu-und abschalten, je nach Fahrstil des Einzelnen.“ Bis zu 40 Prozent der Antriebskraft gelangt vom Schaltgetriebe auf ein elektronisch geregeltes Verteilergetriebe an die Vorderachse, der Allradantrieb kann auch über einen Schalter vom Fahrer deaktiviert werden. Es ist baugleich mit dem CTR-und SCR-Getriebe, aber um den Allrad-Abtrieb ergänzt. „ZF hat es speziell für uns entwickelt.“
Der Rodeo rollt auf speziellen Dunlop-Reifen der Größe 245/45 R19 und Fünf-Speichen-Felgen mit Zentralverschluss in 8,5x19 Zoll vorne und 9x19 Zoll hinten. Sie beschränken die Höchstgeschwindigkeit auf 240 km/h. „Wir überlegen, zusätzlich eine Option mit Hochleistungssommerreifen anzubieten.“ Dann sei der Rodeo gut für Geschwindigkeiten um 300 km/h. Die Getriebeübersetzung gibt das her. Dafür gibt es bereits ein Street-Set-Up, bestehend aus Felgen 8,5x19 Zoll vorne und 10x19 Zoll hinten, bestückt mit Reifen 245/45 ZR19 und 285/35 ZR 19.
Ist der Rodeo ein Vorbote für Allrad-Versionen von CTR oder SCR? „Der Allradantrieb wäre auch für schnelle Straßenfahrzeuge denkbar. In diese Richtung denken wir durchaus." Konkrete Planungen gebe es aber noch nicht.
Im vergangenen Jahr fertigte Ruf 30 Exemplare von CTR und der Saugmotorvariante SCR. Durch Optimierungen im Produktionsablauf hofft man, die Zahl auf 40 steigern zu können. Zehn davon könnten Rodeo-Versionen werden, meint Alois Ruf. Ein Wagen wurde schon ausgeliefert, aktuell ist ein zweites Exemplar in Arbeit. Limitiert soll er nicht werden. Das wird auch nicht nötig sein – die Exklusivität ergibt sich aus der Manufaktur-Fertigung von selbst.
Erschienen in Ausgabe 3-2026