RUEHLE F97IM KERN MODERN

Tobias Kindermann

 · 12.08.2026

Bild 1
Foto: Tobias Kindermann

Von außen sieht der F97 aus wie ein 911-F-Modell, wenn auch nicht wie eine exakte Kopie. Die schlanken Stoßstangen und Kotflügelformen zitieren das Original, das Armaturenbrett erinnert an F- und G-Modell, die fünf Rundinstrumente sind analog – doch am Lenkrad sitzen Schaltwippen. PDK, Porsches Doppelkupplungsgetriebe – eine Technologie, die kein luftgekühlter 911 je besessen hat. Irgendetwas stimmt hier nicht. Oder, je nach Perspektive: Irgendetwas stimmt hier ganz besonders.

Vor zwanzig Jahren war die Sache noch einfach. Wer einen alten Elfer liebte, liebte auch seine Schwächen – die schwergängige Lenkung, das störrische Getriebe, die rustikale Federung und eine Heizung, die sich schwer regeln ließ. Heute stehen vor klassischen Sportwagen immer häufiger Menschen, die deren Form bewundern, mit deren Technik aber nicht mehr so viel verbinden. Ihr Verhältnis zum Oldtimer ist ein anderes – nicht schlechter, aber grundlegend anders. Christian Rühle hat aus dieser Beobachtung heraus ein Auto gebaut: Einen Porsche 997 im Kleid eines F-Modells.

BACKDATE FÜR EINE NEUE GENERATION VON AUTOLIEBHABERN

Wer nicht mit einem VW Käfer, sondern mit einem Golf IV oder V aufgewachsen ist, bei dem außer Waschen und Tanken kaum Handarbeit nötig ist, empfindet ein 50 Jahre altes Fahrzeug nicht als charmant widerspenstig – sondern eher antiquiert. Diese Menschen sind keine schlechteren Autoliebhaber, sie haben nur andere Gewohnheiten, andere Ansprüche, ein anderes Gefühl dafür, was ein Auto können sollte. Christian Rühle beobachtet diesen Wandel seit einiger Zeit. „Ich hatte Kunden, die haben von uns eine Vollrestauration für viel Geld bekommen, sind eingestiegen und eher enttäuscht wieder ausgestiegen: Der fährt sich ja wie ein altes Auto", erzählt er. Seine Antwort: „Natürlich fährt sich das wie ein altes Auto – weil es eins ist."

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Das hat weniger mit mangelnder Wertschätzung zu tun als mit einer verschobenen automobilen Sozialisation. Wer nie erlebt hat, wie ein Vergaser bei Kälte streikt oder ein Anlasser seinen Dienst verweigert, für den ist Technik etwas, das funktioniert – leise, präzise, ohne Diskussion.

Wenn man die Oldtimerei von allen Begehrlichkeiten und der Lust am Leiden befreie, sagt Rühle, bleibe am Ende ein gemeinsamer Nenner übrig: „Das Ding gefällt mir halt.“ Daher komme letztlich auch die gesamte Retrowelle – vom New Beetle über den neuen Ford GT bis zum Fiat 500. Die Form begeistert, alte Technik nicht unbedingt. Mancher verkläre seinen alten Wagen voller technischer Probleme als besonders charismatisch, gerade weil er so viel Ärger macht.

Die Idee, moderne Technik in eine klassische Hülle zu verpacken, ist nicht neu. Singer macht es seit 2009 mit dem 964 vor und hat damit einen großen Trend begründet. Viele Backdate-Spezialisten arbeiten seither in der Regel auf Basis eines 964, seltener auch auf der des 993. Auch Rühle bietet auf Basis des 993 eine günstigere Version des F97 an.

Doch Rühle stellte sich eine andere Frage: Warum ein altes Auto noch älter machen? Als Singer begann, war der 964 gerade einmal 20 Jahre alt – damals ein vergleichsweise junges, technisch überschaubares Fahrzeug. Die Zeit ist weitergelaufen. Heute ist selbst ein 993 Baujahr 1995 ein Oldtimer mit allen dazugehörigen Eigenarten. Was 2010 als Basis logisch erschien, ist 2026 nicht mehr zwangsläufig die richtige Antwort.

Die ersten Prototypen bei Rühle entstanden noch auf 996-Basis. Einer davon steht noch in der Werkstatt, als Erinnerung an die Anfänge. Faktisch sind 996 und 997 für einen Umbau nahezu eine identische Basis. Der 997 der zweiten Generation brachte mit dem MA1-Motor ein Aggregat, das in Sachen Standfestigkeit wieder an die besten luftgekühlten Zeiten anknüpft.

SCHALTWIPPEN UND PDK SCHLAGEN DIE BRÜCKE ZUM MODERNEN

Und er brachte noch etwas mit, das man dem F97 erst auf den zweiten Blick ansieht: Wer ins Cockpit schaut, entdeckt hinter dem Lenkrad Schaltwippen. PDK – ein Porsche-Doppelkupplungsgetriebe in einem vermeintlichen Oldtimer. „Das ist der Klassiker", sagt Rühle. „Die meisten denken, es ist ein 964- oder 993-Umbau. Dann sehen sie die Schaltwippen und werden neugierig, weil es das bei diesen Autos nie gab." Auch das sei eine Brücke in die Gegenwart, für viele Fahrer sei ein PDK heute etwas Selbstverständliches.

Die größte Aufgabe auf dem Weg vom Konzept zum fertigen Auto war nicht technischer, sondern ästhetischer Natur. Im Rendering und auf Fotos, aus der richtigen Perspektive fotografiert, sehe vieles überzeugend aus, sagt Christian Rühle. Wer dann aber vor dem Fahrzeug stehe, bemerke mitunter, dass die alte Karosserie wie aufgebläht über der modernen Basis wirke, sagt Rühle. Er ging deshalb einen eigenen Weg: Nahezu kein Blechteil der F-Modell-Karosserie bleibt unverändert, um die richtigen Proportionen herzustellen. Der Radstand wird leicht angepasst, die Spurweite des 997 wird beibehalten, sagt er.

RUEHLE F97

  • Motor: wassergekühlter Boxermotor, 6 Zylinder, dohc, 24 Ventile
  • Bohrung x Hub: 102,0 x 77,5 mm
  • Hubraum: 3.800 cm3 (bis zu 4,3 Liter und bis 485 PS möglich)
  • Leistung: 385 PS bei 6500/min
  • Drehmoment: 420 Nm bei 4400/min
  • Gemischaufbereitung: Benzindirekteinspritzung
  • Kraftübertragung: Hinterradantrieb
  • Getriebe: PDK
  • Karosserie: selbsttragend, tauchbadlackiert (KTL)
  • Fahrwerk: Einzelradaufhängung, McPherson-Federbeine an Querlenkern (vorn); Aluminium-Mehrlenkerachse (hinten); Stahlfederung, KW V3 Gewindefahrwerk
  • Bremsen: Vierkolben-Monobloc-Aluminium-Bremssättel; innenbelüftete, gelochte Bremsscheiben 330 x 28 mm vorn und hinten
  • L x B x H: 4.150 x 1.880 x 1.250 mm
  • Reifen: 9 J x 17 mit 245/40 ZR 17 (vorn); 11 J x 17 mit 275/40/17 (hinten)
  • Leergewicht (DIN): 1.320 kg
  • Zul. Gesamtgewicht: 1750 kg
  • Höchstgeschwindigkeit: über 280 km/h
  • Beschleunigung 0-100 km/h: 4,7 s
  • Tankinhalt: 63 l

Rühle ist kein Freund übergroßer Räder auf klassischen Silhouetten – Reifen mit 30er-Querschnitt gehören für ihn nicht zum Look eines F-Modells. Aktuell fährt der F97 auf 17-Zoll-Felgen, die eigens angefertigt werden und zu Achse und Bremse des 997 passen. Die Wasserkühler müssen unsichtbar in eine Front integriert werden, die eigentlich für ein luftgekühltes Fahrzeug entworfen wurde. Die Abgasanlage mit Katalysatoren braucht Platz, den die schmale Karosserie kaum hergibt. Ebenso wenig verhandelbar war das Interieur. „Man kann nicht außen alt aussehen und dann die Tür aufmachen und in einen 997 einsteigen." Die Entwicklung eines eigenständigen Cockpits, das sich anfühlt wie das eines G-Modells, aber die Technik eines 997 beherbergt, war neben den Proportionen der zweite große Punkt in der Entwicklung. Manche Kunden gehen noch weiter: Sie wollen Park-Distance-Sensoren, die unsichtbar bleiben, oder modernste Multimediasysteme, die im Cockpit nicht zu sehen sind.

Der Umbau selbst ist klassische Karosseriebaukunst. Die 997-Plattform wird entkernt. „Ob ich auf der Richtbank eine 997-Plattform stehen habe oder ein F-Modell, ist für uns als Karosseriebauwerkstatt zunächst irrelevant. Wir reden von Blech", sagt Rühle. Für seine Mitarbeiter sei es technisch kein größerer Aufwand als eine Vollrestaurierung, bei der ohnehin bis zu 50 Prozent Neublech verarbeitet werden.

DIGITAL KONSTRUIERT MIT KLASSISCHER HANDARBEIT KOMBINIERT

Parallel arbeitet das Team mit 3D-Scans und digitaler Konstruktion. Viele Bauteile werden am Rechner entwickelt und per 3D-Druck gefertigt. Doch die finale Beurteilung geschieht immer am realen Objekt – manchmal auch ganz klassisch mit einer Schablone aus Pappe. Ob ihm gefalle, was er da gebaut habe, könne er erst beurteilen, wenn er davorstehe. Nach dem Rohbau durchläuft die Karosserie ein KTL-Tauchbad. Rühle besteht darauf, selbst wenn der 997 als Basis eigentlich ein rostfreies Auto ist.

„MAN KANN NICHT AUSSEN ALT AUSSEHEN UND DANN DIE TÜR AUFMACHEN UND IN EINEN 997 EINSTEIGEN.“

Der Kunde lässt sich seinen Wagen individuell im Auftrag bauen. Die stärkste Nachfrage kommt derzeit aus den USA und Asien. In Europa ist der Markt zurückhaltender, sagt Rühle. In Amerika übernimmt eine große Partnerwerkstatt in Montclair, Kalifornien, Service und Wartung. Technisch bleibt der F97 ein 997.2 – Motor, Bremsen, Elektronik sind original. Jede Porsche-Werkstatt kann das Fahrzeug im Rahmen einer regulären Inspektion warten. Ein Umbau beginnt bei 250.000 bis 300.000 Euro, zuzüglich des Basisfahrzeugs. Die Wahl der richtigen Basis kann dabei erheblich Kosten sparen: Wer ein PDK möchte, sollte keinen Schaltwagen anliefern, auch die Entscheidung Allrad- oder Heckantrieb gehört dazu. Die Bauzeit liegt aktuell bei sechs bis sieben Monaten.

Als Standard wird ein KW-V3-Fahrwerk verbaut, neben Serienmotoren mit 3,6 oder 3,8 sind auch Versionen mit 4,1 und 4,3 Liter eine Option – und man kann auch per Hand seine sechs Gänge schalten.

Bewegt man den F97, merkt man sofort: Die technische Basis prägt das Fahrerlebnis, er fährt deutlich moderner als ein Luftgekühlter. Das PDK macht das Reisen angenehm, der Wagen gibt sich komfortabel.

Wie reagieren Porsche-Puristen? Überraschend gelassen, berichtet Rühle. Die meisten verstünden, warum es dieses Auto gibt. Wer selbst einen Elfer mit mechanischer Kraftstoffeinspritzung von 1973 besitze, könne durchaus nachvollziehen, dass jemand denselben Look mit jüngerer Technik kombiniert. Vereinzelt höre man den Einwand, der 997 sei doch ein kommender Klassiker, den man nicht zerschneiden dürfe. Rühle sieht das nicht so: Es gebe so viele 997, so dass die wenigen Umbauten nicht ins Gewicht fielen.

Was der F97 am Ende sein soll, formuliert Rühle sachlich wie ein Techniker aus Zuffenhausen: Ein alltagstaugliches Auto, das aussieht wie ein alter Elfer und sich anfühlt wie ein neuer. Der Unterschied zum klassischen Backdate liegt weniger in der Technik als in der Haltung. Beim Backdate bleibt die Seele des Originals erhalten – oder zumindest die Illusion davon. Beim F97 wird sie erneuert. Man kann sich die Entscheidung so einfach machen: „Das Ding gefällt mir halt."

​​Erschienen in Ausgabe 4-2026

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