Markus Stier
· 03.01.2026
Und am Ende der Straße liegt ein Haus am See“, singt Peter Fox in seiner berühmten Arme-Leute-Hymne. „Daumen raus, ich warte auf ne Frau mit schnellem Wagen.“ Beim Start vor dem Festspielhaus am Bodensee wäre für den langen Hip-Hop-Künstler aus dem Norden nicht wirklich Platz gewesen. Der Soziussitz im dunkelblauen 3,2-Liter-Carrera Targa ist besetzt. Julia Kraeplin hat für die dreitägige Tour entlang des östlichen Seeufers, hinüber ins Allgäu, durch den Bregenzer Wald und rund um den Arlberg Co-Pilotin Lea Plischkaner dabei. Sie lotst Kraeplin schon auf der ersten Etappe zum Dornier-Museum in Friedrichshafen und zurück nach Lindau so gut, dass am Tagesende Platz zwei herausspringt.
Streng genommen, wäre das spätere Siegerauto mit der Startnummer 151 gar nicht dabei gewesen, denn die Nennliste endete eigentlich bei Startnummer 150. Seit der ersten Röhrl-Klassik, die Peter Göbel 2022 mit dem Delius-Klasing-Verlag aus der Taufe hob, bearbeiten, bekneten und bestürmen Porsche-Freunde das Rallye-Büro im schwäbischen Korb, um nach Nennschluss noch einen Weg ins Feld zu finden. Nennstart für die vierte Ausgabe war der 1. April, 0:00 Uhr. Kein Aprilscherz: Am Ende des Tages standen 185 Teilnehmer Schlange, am Morgen des 2. April um sechs Uhr schloss der Veranstalter die überfüllte Anmeldeliste. Mancher hatte sich für den Nennstart um Mitternacht den Wecker gestellt. Abgewiesene stimmten Klagelieder auf Funklöcher und die deutsche Digitalwüste an. Weil der Ansturm so groß war, telefonierte Göbel noch einmal die Hotels ab, maß im Geiste Strecken, Ortsdurchfahrten und Parkplätze aus und befand: 19 lassen wir noch rein.
Beim Start herrscht über dem See noch Bilderbuchwetter. Doch am späten Nachmittag verschwören sich Richtung Ravensburg ein paar Wetterhexen, die es bis in die Nacht mächtig krachen lassen. Von Getröpfel bis Hagel kommt 22 Stunden lang so ziemlich alles runter, was es gibt. Männer waren – wie die Weather Girls in ihrem Welthit „It’s Raining Men! Hallelujah“ zum Himmel rufen – aber gemäß Augenzeugen nicht dabei. Die Waschküche ist so gewaltig, dass Petrus noch bis in den folgenden Nachmittag damit beschäftigt ist, Wolken auszuwringen. Durch beschlagene Scheiben erspähen einige bei der Mittagsrast am Forggensee irgendein großes graues Ding am gegenüberliegenden Ufer. Das Weltkulturerbe Neuschwanstein winkt verschwommen herüber.
Aber wenn Engel reisen, hält sich das Hundewetter nicht lange und so rollt Marlies Trommelschläger mit getrocknetem Chihuahua im Anschlag und nassem Lappen unterm Sitz stolz ins Etappenziel in der sonst für Autos streng verbotenen Fußgängerzone am Bregenzer Kornmarkt. Gatte Gerold hat für das Menschenspalier gerade noch rechtzeitig das Stoffdach am roten 356 Speedster aufgeklappt und die Steckscheiben verstaut. Peter Fox singt in der zweiten Strophe: „Ich hab den Tag auf meiner Seite, ich hab Rückenwind.“ Das Damen-Duo Kraeplin und Plischkaner hat die Führung übernommen und die Sonne wieder die Kontrolle über den Himmel.
Für den Weltreisenden Walter Röhrl ist die Tour durch Allgäu, Bregenzer Wald und über den Arlberg Neuland
Einen Frauenchor, der am Straßenrand singt wie im Song von Fox, haben Bernd Plöcker und Andrea Gramig nicht. Ihre Pensionswirtin steht am Straßenrand. Sie schwenkt nicht nur für die beiden, die regelmäßig bei ihr Urlaub machen, ihr Fähnchen, sondern für die gesamte Porsche-Parade. „Man stelle sich vor, wir hätten das miese Wetter heute gehabt“, sagt Plöcker, während er im strahlenden Sonnenschein nach der zweiten Mittagspause mit der Palüdseilbahn wieder hinunter ins Brandnertal fährt. Das Problem mit dem PanoramaLunch gegenüber dem Zweieinhalbtausender mit dem passenden Namen „Mittagsspitze“ und deftigem Büfett vor der Brust ist: Eigentlich will hier gar keiner mehr weg.
Für den größten Aufmarsch sorgen nicht die 169 Porsche, sondern die Kühe. Heute ist Almabtrieb
Nachdem alle beim Almabtrieb in Vorarlberg einige Geduld im Stau brauchten, fliegt die Zeit plötzlich. Nur die zwei, die sich auf den Sonnenstühlen fläzen, haben im Prinzip alle Zeit der Welt. Greta Lührmann und ihr Christian, beide 26 und seit Teenagertagen ein Paar, haben sich vor zwei Wochen das Jawort gegeben. Der Porsche Ausflug ist das krönende Finale ihrer Hochzeitsreise. Vielleicht drehen wir Peter Fox kurz den Ton ab, der im Song ständig von seinen 20 Kindern schwadroniert, aber wer weiß?
Als Kinder waren Gerhardus Kreyenborg und Johannes auf der Lanver ganz dicke. Sie gingen im westfälischen Greven auf dieselbe Schule, fuhren nach dem Abi im Käfer gemeinsam über die Alpen nach Italien und träumten schon damals davon, am Boxer zwei Zylinder mehr zu haben. Sie verloren sich aus den Augen und fallen sich 47 Jahre später bei der AvDRöhrlKlassik wieder in die Arme. Als sich Walter Röhrl und Schauspieler Hinnerk Schönemann vor dem Start begegnen, säuselt der TVKommissar und Tierarzt aus Schwanitz: „Schön, dich zu sehen. Ich habe dich vermisst.“ Der gut gelaunte Röhrl erwidert: „Ich dich nicht ganz so, ich seh dich ja jede Woche im Fernsehen.“ Schönemann war in der VIPWertung der Bessere. Navigiert von HistoMonteSieger Jens Herkommer, landete er mit seinem Porsche 964 Carrera auf Rang 63 und damit etwas hinter dem ersten Drittel. Röhrl kommt mit seinem früheren Beifahrer Christian Geistdörfer im mit fossilfreiem Sprit angetriebenen ClubsportCarrera aus dem Porsche Museum auf Platz 93 ins Ziel.
„Wir sehen das hier eher olympisch. Dabei sein ist für uns alles“, relativiert Geistdörfer das Ergebnis. Röhrl hat seine eigene Rechnung: „Wenn ich für jedes Autogramm an diesem Wochenende eine Zeitgutschrift bekommen hätte, läge ich eh weit vorn“, sagt er. In drei Tagen hat er sich von Bregenz bis Wangen allein in fünf Goldene Bücher der Stadt eingetragen. Das Highlight für den Ehrengast ist die Klettertour durchs Montafon, die über vier Bergrücken führt, der höchste ist der Flexenpass mit 1.773 Metern.
Brav und gesittet rollen sie durch das Städtchen. Großes Blasen veranstaltet nur das Begrüßungskommando
Für den weit gereisten Doppelweltmeister ist die vierte Röhrl-Klassik weitgehend Neuland, obwohl ein Teil durch sein Heimatland führt. „Ich war noch nie hier und noch nie in Neuschwanstein“, gesteht er dem Füssener Bürgermeister und lässt diplomatisch den Teil weg, wo es um chronische Abneigung gegen große Menschenansammlungen geht. Die nimmt er allerdings durchaus wohlwollend in Kauf, wenn es um seine Person geht. An den Durchfahrtskontrollen in Seeg und Oberstaufen tummelt sich reichlich Volk. Selbst in der Füssener Altstadt, wo es am Freitagmittag noch ordentlich wettert, sind die Gäste aus dem Straßencafé Lucca nicht zu vertreiben. Drinnen vor der Panoramascheibe sitzt Porsche-Fan Jürgen Zilonka schön warm und trocken. Feucht sind nur die Augen: „Ich habe immer von einem 930 Turbo geträumt, konnte mir aber nie einen leisten“, sagt der Mann aus Werne. Kaum rollt der nächste Elfer vorbei, sagt er ergriffen: „Kuck ma: Gänsehaut“, während Gattin Angelika nachsichtig lächelt.
Frauen unter den Teilnehmern sind bei der AvD-Röhrl-Klassik Standard. Tolle Strecken, tolle Landschaft, schönes Ambiente, gutes Essen, das alles hat sich rumgesprochen und nicht wenige der Teilnehmerinnen sind es leid, endlose Kilometer auf den schönsten Abschnitten mit Schnittcomputern, Stoppuhren und Tabellen abzuschrubben. Da fordern die 18 bewusst kurz gehaltenen Prüfungen nur eine kurze Umstellung vom Wellness- in den Wettbewerbsmodus. 88 Teams – und damit die Mehrheit – sind als gemischtes Doppel an den Start gegangen, bei sechs Besatzungen sitzen die Frauen am Steuer. Es wäre aber gelogen zu behaupten, dass allen Damen im Feld der Ehrgeiz fehlt. Senta Kim-Giesemann trägt in ihrem cremefarbenen 356 nicht etwa aus modischen Gründen unterschiedlich farbige Schuhe. Die Ärztin aus dem westfälischen Friesoythe verrät das Geheimnis des roten und des gelben Fußwerks: „Mit dem einen kann ich besser Gas geben, mit dem anderen, etwas breiteren, besser kuppeln.“
In den Tälern wabert noch die Waschküche, auf der Höhe werden die Targa-Dächer aufgerissen
Ex-Rallye-Beifahrer Peter Göbel hat als Aktiver selbst 21 Gleichmäßigkeits-Rallyes gewonnen, in seinem zweiten Leben als Organisator hat er bei 49 Rallyes insgesamt 9.049 Roadbook-Seiten angefertigt. 44.792 Strecken kilometer, mehr als eine Erdumrundung, kamen dabei zusammen. Aber noch nie lag ein reines Damenteam am Ende ganz vorn. 1982 gestand Walter Röhrl im „Battle of the Sexes“ gegen Rivalin Michèle Mouton, er wolle bei den Männern, die gegen Frauen den Kürzeren ziehen, nicht unbedingt den Anfang machen. Heute sagt er: „Für den Sport wäre es vielleicht besser gewesen, wenn es eine weibliche Weltmeisterin gegeben hätte.“ 43 Jahre nach seinem zweiten WM-Titel überreicht der Regensburger Julia Kraeplin und Lea Plischkaner auf der Bühne des Festspielhauses die Trophäen für Gesamtrang eins. Das Geheimnis der beiden Siegerinnen aus dem mecklenburgischen Plau am See: locker bleiben. Schließlich sind sie für das Team „Let’s have Fun“ an den Start gegangen.
Nach drei Tagen, 671 Kilometern und einer Siegerehrung in der Rekordzeit von unter 40 Minuten ist der Spaß aber nicht zu Ende: Als Rallye-Chef Göbel mit einem beherzten Tritt gegen einen herumliegenden Stecker für plötzliche Dunkelheit im Festsaal sorgt, machen die „Blackouts“ ihre Lichter an. Die Schweizer Tanztruppe war mit ihrer ausgefeilt choreografierten LED-Show in der weltbekannten Castingshow „Britain’s Got Talent“ die diesjährige Sensation. Die neuen Lichtgestalten des Showbusiness kamen aus ihrer nahen Heimat Walenstadt herüber, um Dauerbrenner Röhrl kennenzulernen. Nach dem Auftritt ist im gemeinsamen Plausch nicht mehr aufzulösen, wer am Ende von mehr Ehrfurcht ergriffen war.
Eine beeindruckende Lightshow gibt es am Ende auch draußen. Wie singt Peter Fox: „Und der Mond scheint hell auf mein Haus am See.“ Vollmondig lächelt der Erdtrabant vom Firmament. „Alles muss raus“, ruft er von Lindau herüber und streut reichlich Glitzerpulver aufs Wasser. Morgen zieht sich der Himmel wieder zu. Seit nunmehr 71 Jahren bekommt das Wetter vom Meteorologischen Institut Berlin Namen. Früher mussten für dunkle Wolken immer Frauen herhalten, seit 1998 sind in ungeraden Jahren bei Sturm und Regen die Herren der Schöpfung fällig. Ein Hochdruckgebiet kann heute jeder für 360 Euro kaufen, der für Geburtstage oder Hochzeitsjubiläen ein standesgemäßes Geschenk braucht. Bei Schietwetter gibt es Rabatt, ein Tief kostet nur 240 Euro. Peter Göbel schwört, er habe nichts bezahlt, aber Fakt ist: Das am Tag nach dem Zieleinlauf vom Atlantik heranrauschende Tief trägt den Namen Walter.