Michael Orth
· 04.01.2026
Durch die Fenster weht der Wind und wirbelt Verena Proebst die blonden Haare um den Kopf, so wie der Wind an einem schwarzen Band links vor der Scheibe wirbelt, das der Porsche um den Antennenfuß geknotet trägt: ein Andenken an ihre Mutter, die 2010 so plötzlich, mit 64 Jahren nur, gestorben ist.
„Mei“, entfährt es Verena, „ich liebe dieses Auto. Ich bin richtig verrückt danach. Ich liebe es so sehr, es zu fahren“, sagt sie, als sage sie es auch sich selbst, wie ein intimes Eingeständnis, in dem viel Freude und noch mehr Erleichterung liegt. Lange war das ganz anders gewesen. Da hatte sie sich dem Elfer, der in einer Garage ruhte, eingestaubt und die Scheiben blind vom Schmutz, nicht nähern wollen. „Ich denke“, sagt die 40-Jährige, „es war einfach zu viel für mich.“ Es war zu viel, weil dieses Auto eben nicht nur ein Auto ist. Den Porsche mit schärferer Nockenwelle und kurz übersetztem Getriebe hatte ihr Vater Walter ihrer Mutter Hilde zu einem Jahrestag geschenkt und dazu einen Liebesbrief ins Auto gelegt. „Das war ganz untypisch für ihn. Er war kein Romantiker. Er war ein totaler Technik-Freak, stur auch und egoistisch und ein typischer Rennfahrer. Ich glaube, er hat sie nie ausgeführt oder Blumen mitgebracht. Der
Porsche und der Brief – ich habe ihn später gelesen – waren, denke ich, eine besondere Geste der Dankbarkeit, als ihm klar wurde, dass meine Mutter ihm stets zur Seite stand.“
Jahre brauchte sie und schließlich die Ermutigung eines Freundes, um die Garage zu öffnen. „Ich weiß noch, dass ich nicht so viel Positives gespürt habe, als ich das Auto dort sah“, erinnert sie sich. Erinnert sich aber auch „an Mama, wie sie nach einem Rennen mit dem Porsche ins Fahrerlager zurückrollte, und aus den Felgen qualmte es, so heiß waren die Bremsen. Ab und zu bin ich auch mit ihr gefahren. Sie war so furchtlos.“
Weitere Jahre wird Verena sich in Hildes Porsche nicht reinsetzen wollen, bis sie eines Tages merkt, dass es ihr „guttut, neben dem Wagen zu stehen“. Wenn du so weit bist, versprechen ihre Freunde, richten wir ihn her. Sie kümmern sich um alles – Bremsen, Leitungen, Tank, Fahrwerk und Elektrik, die Freundin Selina um den Motor. Als sie das Auto 2021 das erste Mal bewegt, sind ihre ersten Worte: „Oh je, ich hab Angst. Das ist total komisch“, und vielleicht meinte sie damit nicht nur das Fahrverhalten dieses Elfers, sondern genauso diese Art der Begegnung mit ihrer „Mam“. „Ich muss manchmal zusehen“, gesteht sie, „dass ich nicht zu sehr in der Vergangenheit und den Erinnerungen lebe.“ Wobei ihr die Vergangenheit und die Erinnerungen gleichwohl auch helfen. Von ihrem „Dad“, der nicht nur Rennfahrer, sondern auch ein Sammelwütiger war, hat Verena mit dem Automuseum Adlkofen um die 110 Motorräder und über 70 Autos geerbt. Und die Verpflichtung, seinem letzten Wunsch gerecht zu werden. „Mietzi“, hatte er am Tag seines Todes 2017 noch zu ihr gesagt, „Mietzi, kümmere du dich um die Sammlung und schau, dass sie zusammenbleibt.“ ›
Die Autos bringen Emotionen in mir hoch, die nichts anderes hochbringt. An ihnen hänge ich
Sie legt die Hand kurz über den Mund und hält inne. Zwischen einer Pagode, einem Mistral und einem TR4 toben die Hunde Leni und Rosi, jagen an einer Reihe Formelwagen entlang, bis auf der Höhe eines Fulvia Coupés und eines Maserati 3500 GT die eine die andere wieder gestellt hat. Seppi, schon älter, liegt lieber neben einem braunen Ferrari 400 und in Verenas Nähe.
Für die Autos ist sie geblieben, als sie, beruflich mal im Tourismus zu Hause, hätte auswandern wollen. Für sie ist sie nicht in die Welt gegangen, so viel bedeuten sie ihr. „Ich habe zu ihnen allen“, sagt Verena Proebst, „eine Beziehung.“ Und wenn sie „Beziehung“ sagt, heißt das nicht „Bezug“. Es heißt, dass da ein sehr persönliches Verhältnis besteht. „Die Autos bringen Emotionen in mir hoch, die nichts anderes hochbringt. Ich hänge an ihnen, weil an ihnen auch die Geschichte meiner Familie hängt. Sie sind das, was ich von meinen Eltern noch habe.“
Ein grüner 928 ist darunter, in dem sie ihre „halbe Kindheit verbracht“ habe, weil mit dem Porsche, auf dem Anhänger ein Rennwagen, zu Rund- und Bergrennstrecken gereist wurde. „Das waren“, sagt sie, „wirklich schöne Zeiten.“ Im Handschuhfach knüllen sich noch immer die Zufahrtstickets und Parkberechtigungen, nie geleert wurde der Aschenbecher. Von einem letzten Lauf war man nach Hause gekommen und der Wagen so abgestellt worden, wie er auch jetzt dort steht. „Ich will nicht so viel verändern“, sagt Verena, „weil es ja ein Andenken ist, das hier weiterlebt. Vielleicht kann man den ein oder anderen wieder auf die Straße bringen und der könnte dann mal bei den Falkenhausen Classics mitfahren.“ Auch die Rallye durch Niederbayern ist ein Erbe. Ins Leben gerufen von ihrem Vater Ende der 80er, beschäftigen Organisation und Durchführung Verena neben einigen Fotojobs unterdessen voll. Wenn sie sich nicht gerade der Suche nach einem lange Verschollenen widmet. Sie kennt ihn nur aus Erzählungen und von Bildern. Die halb transparenten Zwischenseiten knistern und rascheln, als Verena in einem Album blättert. Da ist das Foto: ihr Vater mit Jethelm und Sonnenbrille, sein Blick konzentriert, das Gesicht angespannt, die Linkskurve eng, das Tempo hoch in einem Porsche 910.
Als Walter Proebst den Porsche 910/6 im Rennen sieht, weiß er sofort: So einen brauche ich
„Passau 72“ steht unter der Schwarz-Weiß-Aufnahme. Verenas Vater Walter ist Anfang der 70er um die 40, Angestellter einer Ölfirma und nebenher ein Rennfahrer, der, so schrieb er darüber, „ein Leben auf des Messers Schneide lebt. Es fehlte mir an fast allem: Rennreifen kaufte ich bei erfolgreichen Kollegen gebraucht oder bekam sie sogar geschenkt, meine Motoren reparierte und frisierte ich selbst, häufig unter freiem Himmel.“ Als er bei einem Rennen in Salzburg den 910 sieht, weiß er sofort: Den brauche ich. Seinen Elfer muss er in Zahlung geben, um den Rennwagen zu kaufen, der „schon auf dem Zahnfleisch ging“. Später wird er ihn, finanziell wieder klamm, zwei Amerikanern verkaufen, woraufhin sich die Spur des Autos verliert und ihn sofort die Reue plagt. „Wann immer wir bei Rennen waren und er so einen entdeckte, stupste er mich an. ,Mietzi‘, hieß es dann, ,schau doch mal, ob er das ist.‘ Ich wusste bald genau“, sagt Verena, „wo ich nach der Nummer zu gucken hatte.“ Doch seinen 910 wird der Vater nie wieder sehen.
Verena aber die Suche nicht aufgeben. Andere 910-Besitzer helfen ihr dabei, auch weil es sein kann, dass der 910 ihres Vaters der Erste überhaupt ist, die Seriennummer 001. Viele Hinweise laufen ins Nichts, bis Verena im Frühjahr dieses Jahres einen Anruf erhält. Er restauriere dieses Auto, behauptet der Mann am Telefon und spricht von Details, die er nur kennen kann, wenn er tatsächlich dieses Auto vor sich hat. „Es wäre“, sagt Verena, „eine Belohnung, ihn zu finden. Ich will einfach wissen, wie es ihm geht, ich will ihn sehen und ihn auch hören, wenn sie mich lassen.“ Sie spricht vom Porsche 910, aber sie meint dabei nicht allein den Wagen.
Infos zum Automuseum Adlkofen
Instagram: @verena.proebst