Porsche-Freunde – Zeitreise mit Christian GeistdörferFelsengrün

Porsche Klassik

 · 02.07.2023

Porsche-Freunde – Zeitreise mit Christian Geistdörfer: FelsengrünFoto: Tim Adler
Wie ein Chamäleon verschmilzt das G-Modell farblich mit seiner Umgebung. Carlo Marcati (links) und Christian Geistdörfer genießen den Rundumblick.
Foto: Tim Adler

Rechts Eingang, 50 links, Achtung, 300 geradeaus voll, 100 rechts, 200 geradeaus rechts voll. Hätte Christian Geistdörfer heute sein legendäres Gebetbuch in der Hand und säße damit auf dem Beifahrersitz, um den Fahrer die letzten Meter hinauf zur Michelsburg zu navigieren, würde sich das etwa so anhören. Heute aber pilotiert er selbst, seinen Porsche 911 Carrera 3.2, Modelljahr 1987, eines der ersten G-Modelle mit dem laufruhigen G50-Getriebe. Eines von nur 238 Exemplaren in Felsengrün-Metallic, 231 PS, mit Schiebedach, ohne Klimaanlage. »Ich habe nie konkret nach dieser Farbe gesucht, aber die Kombination mit dem Interieur in Olivgrün hat mich begeistert. Der Porsche wurde zwei Monate nach deutscher Auslieferung Richtung Rom exportiert und dort von einem Hotelier zugelassen«, erzählt der 66-Jährige und nimmt Bezug auf das Nummernschild, das noch immer mit »Roma« beginnt. »Wenn ein Fahrzeug einmal in Italien registriert war, darf das Nummernschild beim Auto bleiben. Sieht nicht nur gut aus, ist auch super für die Historie.«

Stichwort Historie: Zwischen 1980 und 1984 gewann der vielleicht beste Co-Pilot aller Zeiten mit Walter Röhrl viermal die Rallye Monte Carlo, in vier verschiedenen Autos; auf Schnee, Schotter und Asphalt im Wechsel. Nicht nur wegen der unnachahmlichen Ideallinie von Röhrl, auch dank ihrer akribischen Vorbereitung bezwangen die beiden immer wieder leistungsstärkere Konkurrenten. Sie waren ein eingespieltes Team und vertrauten sich gegenseitig das Leben an. Der erste Monte-Sieg im Jahr 1980 war für beide eines der schönsten Erlebnisse ihrer Karriere.

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Fast 40 Jahre später ist es ruhiger geworden um Christian. Könnte man meinen. Vor zwei Jahren veröffentlichte er seine Biografie »Walter und ich«. Beweisen muss er heute niemandem mehr irgendwas. Der gebürtige Münchner scheint nachdenklicher. Vorbei sind die wilden Partys, bei denen Geschirr zerschlagen und Stühle durch die Gegend geworfen wurden. Vor wenigen Wochen wurde er zum ersten Mal Großvater. Sein unbekümmertes Lächeln hat er sich bewahrt, ob er nun am Steuer sitzt und dem sägenden Geräusch bei mehr als 4.000 Umdrehungen lauscht – oder seinen Kumpel Carlo Marcati begrüßt.

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Die letzten Meter zur Michelsburg flacht der Sound des G-Modells ein wenig ab, Schritttempo, zu viel Schotter ebnet den Weg zu diesem historischen Bau, dessen Geschichte bis ins Jahr 995 zurückgeht, das Erbauungsjahr der gesamten Anlage ist mit 1091 angegeben. Carlo, geboren und aufgewachsen in Bruneck, träumte lange davon, in dieser Burg zu leben. Im Jahr 1990 schlug er zu, kaufte die dem Verfall preisgegebene Ruine im westlichen Pustertal und ließ sie fortan 20 Jahre lang originalgetreu nach strengen Denkmalschutzauflagen rekonstruieren. Der 69-jährige Immobilienverwalter und ehemalige Getränkegroßhändler bewohnt dort oben 1.800 Quadratmeter mit seiner Katze Luna und einem Falkenpärchen.

Christian und Carlo haben sich vor 42 Jahren beim Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel kennengelernt. Sieben Jahre lang koordinierte Christian die Sponsoring-Aktivitäten der Brauerei Warsteiner und gelangte so zur Formel 1, ewig her. Dort sowie später in der DTM arbeiteten die beiden immer wieder zusammen. In der kalten Jahreszeit treffen sie sich in Kitzbühel, jedes Jahr. Vergangene Saison stürzte Christian beim Skifahren so schwer, dass er bewusstlos 150 Meter den Hang hinunterrutschte, sich dabei den Rücken demolierte und das Gesicht am Schnee förmlich verbrannte. Äußerlich erinnert nur noch eine faustgroße Stelle auf der rechten Wange an sein Glück im Unglück. »Ich hatte bisher zwei Unfälle, bei denen mein Leben in Schwarz-Weiß-Bildern vor mir ablief. Beide Male sah ich Kindheitserinnerungen vor mir, die ich längst vergessen hatte. Beim Skiunfall hatte ich das Glück, bewusstlos gewesen zu sein, deshalb passierte mein Leben nicht Revue«, sagt er.

Auf seiner Internetseite unterteilt Christian sein Leben in drei Abschnitte: der Rallyeweltmeister, der Unternehmer, die Person. In dieser Reihenfolge. Über den Rallyeweltmeister hat er seine Biografie geschrieben, seine zweite Existenz als Unternehmer hat er bereits während seiner aktiven Zeit als Co-Pilot bestens geplant, unter anderem mit der Gründung einer Event-Agentur.

Die Person Christian Geistdörfer lebt privat eher zurückgezogen auf Malta und in München, ist jedoch nach wie vor bei allen möglichen Autoveranstaltungen anzutreffen. Wenn er sich in eine Dekade zurückbeamen müsste, dann würde er die Zeitmaschine sofort auf die 1980er-Jahre einstellen. »Damals ist alles langsamer gewesen. Heute lesen wir E-Mails, wenn wir auf Reisen sind, hängen ständig an unseren Smartphones, sind jederzeit erreichbar. In den 80ern war die Musik toll, das Leben entschleunigter und irgendwie auch lebenswerter«, fasst er zusammen, ohne dabei wie ein Früher-war-alles-besser-Nörgler zu wirken. Vielleicht ist genau das der Grund, warum er es so sehr genießt, in München in seinen Elfer zu steigen und loszufahren. Zu alten Freunden, die auf einer Burg leben, zu Freunden, die nicht auf einer Burg leben. Um die Ecke, jenseits der Landesgrenzen, einfach fahren, langsam und schnell im Wechsel, allein oder zu zweit, ohne Musik, nur mit dem Zuffenhausen-Sound der 80er-Jahre. Der Weg in die Zukunft könnte sich dann so lesen in Christians Gebetbuch: geradeaus voll, ab und an mal umdrehen, sich an die schönen Dinge erinnern und dann wieder geradeaus voll, hier und da schöne Kurven.