Porsche-DNAKongenialer Geist

Porsche Klassik

 · 22.02.2024

Porsche-DNA: Kongenialer GeistFoto: Uwe Kristandt, Staud Studios & Porsche-Werksbilder
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Foto: Uwe Kristandt, Staud Studios & Porsche-Werksbilder

Porsche feiert. 70 Jahre Sportwagen. Am 8. Juni 2018 war es offiziell so weit. Noch am selben Tag pflanzten sie in Zuffenhausen einen neuen Traum: den Porsche 911 Speedster Concept. Ein Jubiläumsmodell. »70 / Porsche / 1948 – 2018« ist auf dem transparenten Plexiglas-Windschott des dachlosen Sportwagens zu lesen. »Die Konzeptstudie gibt einen Ausblick auf ein mögliches Serienmodell, das 2019 vorgestellt werden könnte«, streut Porsche. Möge es geschehen. Denn der 911 Speedster Concept schlägt virtuos die Brücke über die Jahrzehnte zu den frühen, offenen 356ern.

Der Riesentöter mischte einst in den USA mit Bruce Jennings die viel stärkeren Corvette und Ferrari auf. Jahrzehnte später lieferte er jetzt die optische Vorlage für den neunten Porsche Speedster.

Die Studie stellt unter Beweis, dass der kongeniale Geist eines Ferry Porsche noch immer in den zweitürigen Sportwagen der Marke spürbar ist. Ein 500 PS starker Leichtbau-Zweisitzer, dessen Optik eine Hommage an einen 1959 ausgelieferten Porsche 356 A Carrera GT Speedster ist – jenen »Riesentöter«, mit dem der US-Rennfahrer Bruce Jennings (1926 bis 1997) einst den Fahrern weitaus leistungsstärkerer Corvette und Ferrari das Fürchten lehrte. Fahrern wie Stirling Moss. PORSCHE KLASSIK stellte genau diesen Wagen bereits 2014 vor –
damals nicht ahnend, dass er einst das historische Vorbild für die Konfiguration des neunten Speedster der Porsche-Geschichte und damit einer Sportwagenkategorie werden würde, die vielleicht mehr als jede andere ein Spiegelbild der Porsche-DNA ist.

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Im 356 Speedster war der Fahrer schonungslos den Elementen ausgesetzt. Trotz seines Purismus und des verkürzten Scheibenrahmens umschließt der 911 Speedster den Fahrer mit der Sicherheit der Neuzeit.

Retrospektive: Der Countdown der ersten 25.550 Tage der Porsche-Geschichte zählt zurück bis zum
8. Juni des Jahres 1948. Wenige Tage vor der Einführung der D-Mark und dem Beginn der amerikanischen Luftbrücke nach Berlin erhielt das Start-up Porsche – damals in einer Holzbude im österreichischen Gmünd beheimatet – von der Kärntener Landesregierung die Betriebserlaubnis für den ersten Porsche 356 – einen Roadster mit der Fahrgestellnummer 356-001. Ferry Porsche hatte damit die Blaupause jener Sportwagen auf die Räder gestellt, die fortan den Familiennamen hinaus in die Welt tragen sollten. Da der Roadster-Aufbau aus leichtem Aluminium bestand und ansonsten kaum Ausstattung an Bord war, wog der 356 »Nr. 1« Roadster lediglich 585 Kilogramm. Und so reichten ihm die 35 PS seines Vierzylinder-Boxermotors, um 135 km/h schnell und sehr agil zu sein. Damit hielt der Porsche in der frühen Nachkriegszeit gängige Wagen wie die komplette Range der Mercedes-Benz 170er locker auf Abstand. Und genau das war es, was Ferry Porsche wollte: »Uns schwebte ein kleines, leichtes Fahrzeug vor, das die Leistungen eines großen, leistungsstarken Wagens übertreffen sollte.« Und so verankerte Ferry Porsche bereits mit dem ersten 356 die Lehre des reinen Sportwagenbaus in der DNA der Marke.

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Die ersten in Serie gefertigten Porsche »356/2« waren jedoch keine Roadster mehr, sondern via Heckmotor befeuerte Coupés und Cabriolets. Erst der US-Importeur Max Hoffman regte an, dass Porsche doch bitte einen offenen Roadster im Stil des 356 »Nr. 1« bauen solle, der seinen Showroom in der New Yorker Park Avenue veredeln und die Kundschaft anlocken könnte. Der gebürtige Wiener besaß ein untrügliches Gespür für den Geschmack der Amerikaner. Zudem ahnte er, dass Porsche in den USA über den Rennsport stark an Popularität gewinnen würde. Und nichts war dazu in den frühen 50ern besser geeignet als ein kleiner, offener Roadster respektive Speedster. Der Rest ist Geschichte: Porsche entwickelte den 356 1500 S American Roadster. Dessen Aluminium-Karosserie entstand zwischen 1952 und 1953 bei der deutschen Firma Heuer. Trotz eines für die USA damals sehr hohen Preises von 4.600 Dollar konnte der – je nach Quelle – 16- bis 21-mal gebaute Roadster die Herstellungskosten nicht einspielen. Heuer musste sich daraufhin ebenso von der automobilen Weltbühne verabschieden wie der 356 American Roadster. Doch weder Hoffman noch Porsche gaben auf.

1954 (Modelljahr 1955) folgte der 356 A Speedster, dessen Verkaufszahlen auch in den USA durch die Decke gingen. In Deutschland war er als 1500 mit 55 PS ab 12.200 D-Mark zu haben, in den USA für 3.000 Dollar. Immer stärkere Versionen entstanden. Ein Highlight: der ab 1956 (Modelljahr 1957) gebaute 356 A 1500 Carrera GT Speedster – 110 PS stark, 200 km/h schnell. In Deutschland kostete er 17.300 D-Mark, in den USA runde 5.000 Dollar. Die perfekte Basis für den rennbegeisterten Bruce Jennings, der sich zuerst als Bordingenieur bei der U.S. Air Force verdingte und dann mit dem Versicherungsunternehmen seines Vaters die finanzielle Basis schuf, um im schon damals teuren Rennsport durchstarten zu können. Bis zu fünf Carrera GT Speedster hatte er gleichzeitig in seinem Rennstall, jeder individuell abgestimmt auf bestimmte Rennstrecken. So wie der am 7. Januar 1959 ausgelieferte Wagen, der heute im Besitz eines deutschen Sammlers ist und als Inspiration für den 911 Speedster Concept diente. Das allerdings mit deutlich mehr als 110 PS: Der gebürtige Hannoveraner und in die USA ausgewanderte Motorenspezialist Heinz Werner Bade (1929 bis 2017) war es, der für Jennings die Leistung der Fuhrmann-Motoren gekonnt in die Höhe trieb –
in diesem Fall auf 160 PS. Die Höchstgeschwindigkeit des Porsche schnellte damit um 20 auf 220 km/h hoch und katapultierte ihn formatfüllend in die Rückspiegel der Achtzylinder- und Zwölfzylinder-Rennwagen. Gegenwart: Optisch auffallend am 356 A Carrera GT Speedster mit der Fahrgestellnummer 84926 ist nicht nur die für die Jennings-Autos typische »77« als Startnummer, sondern auch die silberne Frontmaske auf der in »Rubinrot« lackierten Karosserie. Diese unverwechselbare »Kriegsbemalung« des 356-Rennwagens hat Porsche auf den 911 Speedster Concept übertragen. Hier ist die Frontmaske in »Weiß« ausgeführt; die Karosserie trägt den ebenso klassischen Porsche-Farbton »GT-Silber«. Vom Jennings-Porsche
adaptiert wurde zudem der Außenspiegel in der »Talbot«-Form, der allerdings nicht nur auf der Fahrerseite wie beim 356, sondern auch auf der Beifahrerseite zum Einsatz kommt. Ein weiteres Detail von einst, das in die Neuzeit transferiert wurde, ist eine leichte Persenning – ein Tonneau Cover. Es schützt den geparkten 911 Speedster bei Regen und wird mit acht Tenax-Knöpfen (Druckknöpfe mit einer Selbstsicherung) befestigt.

Diese wunderbaren Details ziehen sich wie ein roter Faden durch das Ex- und Interieur der Studie. Die konzeptionelle Basis für die Karosserie bildet das 911 Carrera 4 Cabriolet. Allerdings bestehen die Fronthaube, die Heckabdeckung mit einer Doppelhutze als Verkleidung der Überrollschutzstruktur und die Türen aus Kohlefaser. Ein optisches Meisterwerk ist der Bereich um das Windschott, das nach oben durch einen schwarzen Steg begrenzt wird, in den als Bremslicht der Porsche-Schriftzug integriert ist. Ein verkürzter Scheibenrahmen sorgt indes vorn dafür, dass dieser 911 nicht nur Speedster heißt, sondern auch wirklich so aussieht. Allerdings weisen darauf auch gefräste und vergoldete Speedster-Schriftzüge am Heck und an den B-Säulen hin. Coole Details sind der wie beim Jennings-Speedster in die Fronthaube integrierte Tankverschluss und die mattierten Scheinwerferabdeckungen, die innen ein aus klarem Werkstoff geformtes Kreuz besitzen und damit die typische Abklebung früher Rennwagen als Schutz vor splitterndem Glas imitieren. Ein Highlight für jeden 911-Fahrer sind die im Fuchs-Design ausgeführten 21-Zoll-Felgen mit Zentralverschluss und hochglanzpolierten Speichen. Innen verzichtet der Speedster durch das Weglassen jeglichen Infotainments und Kühlsystems sowie mit braunem Anilin-Leder (»Cognac 356«) bezogenen Carbon-Vollschalensitzen ebenfalls auf jedes Gramm. Das Fahrwerk indes stammt wie der 4,0-Liter-Saugmotor und das Sechsgang-GT-Getriebe vom aktuellen 911 GT3. Bei diesen Zutaten träumt man sich an einem Sommertag nach Kärnten auf eine der Landstraßen bei Gmünd, um sich wie einst im Juni vor 70 Jahren vom Boxermotor in Richtung des rund 340 Kilometer entfernten Schüttgut der Familien Porsche und Piëch in Zell am See treiben zu lassen. Vielleicht hat auch Ferry Porsche genau das am 8. Juni 1948 mit seinem Sportwagen gemacht? Dem 356 »Nr. 1« Roadster.