Jan-Henrik Muche
· 20.12.2025
An den Rädern, sagt Tim Bieler, störten sich die meisten. „Wie oft mir schon gesagt wurde, ich sollte mir mal richtige Turbo-Felgen kaufen“, sagt er. Und doch gehörten sie zu jenen Details, die seine Aufmerksamkeit erregten, als er im Internet auf der Suche nach einem Elfer der Nullerjahre war und auf diesen einen, in jeder Hinsicht besonderen Elfer stieß. „Klar war, dass es ein 996 sein musste. Ein Turbo war der Traum.“
Wasser statt Luftkühlung! Menschen in den Zwanzigern und Dreißigern blicken völlig anders auf die 911-Palette, als es viele andere Porsche-Enthusiasten tun, die mit G-Serie, 964 und 993 sozialisiert wurden. Ein 996 ist begehrenswert für das, was er ist. Und nicht, weil er erschwinglicher oder komfortabler sein mag als ein Elfer der Vorgänger-Baureihen.
Trotzdem fragte sich Tim Bieler (27), ob er den 996 Turbo allen Ernstes gut finden sollte, den er 2023 auf seiner Suche bei einem Händler entdeckte. „Schwarz oder Silber kamen nicht infrage, ich wollte unbedingt eine richtige Farbe. Und Schaltgetriebe war Pflicht. Das Indischrot fand ich toll, aber bei all den Anbauteilen habe ich mir zuerst gedacht: Ganz schön verbastelt, die Kiste. Aber kann man bestimmt zurückrüsten. Und ja, die teilweise in Wagenfarbe lackierten Räder fand auch ich lange schwierig.“
„XRC – 18" Sport Techno Felge“ und „XD9 – Felgensterne lackiert“ lauten die Porsche-Kürzel für diese beiden Sonderausstattungen aus der Tequipment-Serie. 31 Punkte, vom elektrischen Hebe-/Schiebedach (M650) über die mechanische Hinterachs-Quersperre (X75), die 17-mm-Distanzscheiben (XRN) bis zu den Porsche-Wappen auf den Kopfstützen (XSC) und den verchromten Edelstahl-Endrohren (X54), zählt die laaaaange Liste der Extras. In der Summe seiner Optionen ist dieser 996 Turbo ein Auto der Extraklasse, in jeder Hinsicht extrem und exklusiv.
War er ein Pressefahrzeug oder ein Vorzeigemodell, ein ausdrucksstarkes Beispiel für die Leistungsfähigkeit von Porsche Exclusive? Tim Bieler kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, ist bei der Recherche aber auf Bilder eines Porsche-Kalenders von 2005 gestoßen, auf denen sein Auto zu sehen ist.
Mit dem Ende der Neunzigerjahre nahm das Thema Fahrt auf. Die neuen Modelle Boxster und 996 sorgten für eine enorme Steigerung der Stückzahlen bei Porsche und einen konsequenten Ausbau der Individualisierungsmöglichkeiten, von der Carbon-Einstiegsleiste beim 996 bis zum Speedster-Heck für den 986. In der „Fitting Lounge“ des Porsche Zentrums konnten Kunden mit Farben, Materialien und Extras spielen und aus dem Serienprodukt einen individuellen Porsche nach Maß schneidern. Auch aus wirtschaftlicher Sicht eine absolute Erfolgsstory.
Zeitweilig lag die Einschätzung des Exclusive-Potenzials aber auch krass daneben. Der Bedarf für einen neuen 996-Frontspoiler wurde weltweit auf sechs (!) Einheiten geschätzt, aber nichtsdestotrotz wurden 500 Stück produziert – und am Ende rund 6.000 Spoiler verkauft.
Porsche verzeichnet dabei durchaus statistische Auffälligkeiten: „Bei Nordamerikanern war beispielsweise die Farbkombination Indischrot (außen) und Savannabeige (innen) oft gewünscht, während Japaner zu begeisterten Nutzern von Aerokits und Leistungssteigerungen avancierten“, heißt es in im „Porsche Exclusiv“-Buch der Edition Porsche Museum. Tim Bielers indischroter 996 Turbo, obwohl für den deutschen Markt individualisiert, verfügt über beides: Aerokit Turbo und Leistungssteigerung Turbo!
Die Vorstellung des leistungssteigernden X50-Pakets fällt in eine Zeit, als die 996-Baureihe in alle Richtungen expandiert. Den Anfang macht jedoch das X51-Paket, das Ende 1999 für den 911 Carrera und Carrera 4 mit Schaltgetriebe ins „Exclusive & Tequipment-Programm“ genommen wird.
Durch modifizierte Zylinderköpfe, geänderte Ansauganlage, Nockenwellen und Abgaskrümmer sowie weitere Änderungen stieg die Leistung des 3,4-Liter-Motors um 20 PS auf 320 PS. Der Preis des „Carrera Powerkit“ liegt bei 17.850 Mark. Auch für die zwei Jahre später vorgestellte, modellgepflegte 3,6-Liter-Variante wird die X51-Option erhältlich sein und die Motorleistung von 320 auf 345 PS steigern.
Am anderen Ende der Modellpalette, an der Spitze der Nahrungskette, steht der zum Modelljahr 2001 vorgestellte 911 GT2. Mit 462 PS das stärkste deutsche Serienauto des ausgehenden Jahrtausends, 315 km/h schnell und trotz Heckantrieb und Komforteinbußen laut Porsche ein „Gran Turismo der Sonderklasse“.
Während die Triebwerke des 996 Turbo und 996 GT2 die Typennummern 96/70 und 96/70 S tragen, erhält der Motor des Turbo mit Leistungssteigerung das Kürzel 96/70 E.
Beim Umfang der eingesetzten Technik sowie bei der gelieferten PS-Zahl baute die ab November 2001 zu einem Preis von 24.730 Mark verfügbare Leistungssteigerung Turbo (X50) näher am GT2 als am Turbo. „Beinhaltet u. a. modifizierte Turbolader, Ladeluftkühler, Steuergeräte sowie ein modifiziertes Schaltgetriebe. Hinweis: Auch für Tiptronic S“, heißt es dazu kurz und knapp im Handbuch der für den 911 verfügbaren Ausstattungsdetails. Statt K16 werden größere K24-Lader verbaut, der Ladedruck steigt von 0,8 auf 0,9 bar. „Lader, Ölpumpe, Ladeluftkühler und Endschalldämpfer kommen vom GT2“, ergänzt Tim Bieler.
Mit diesen Änderungen, die beim neuen 996 Turbo S ab 2004 in die Serie einfließen, kommt der X50-Motor auf eine Leistung von 450 PS bei 5.700 U/min und ein maximales Drehmoment von 620 Nm bei 3.500 bis 4.500 U/min. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass der M96/70 E-Motor sein Leistungsplus von 30 PS im Vergleich zum normalen Turbo bei einer um 300 U/min niedrigeren Nenndrehzahl erreicht und das maximale Drehmoment um satte 80 Nm zulegt.
Die Höchstgeschwindigkeit steigt bei der X50-Variante von 305 auf 307 km/h, die Zeit von 4,2 Sekunden für die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h bleibt hingegen unverändert.
Analog zu den Werksleistungssteigerungen X51 für den 911 Carrera und X50 für den 911 Turbo führt Porsche Tequipment die Karosseriebausätze Aerokit Cup und Aerokit Turbo (und sogar ein Aerokit Boxster) im Programm.
„Aerodynamisch im Porsche-Windkanal optimierte Komponenten“, schreibt Porsche zum Cup-Kit. „Sie reduzieren die Auftriebswerte an Vorder- und Hinterachse und betonen die sportliche Anmutung des Fahrzeugs. Dazu zählen: neue Bugverkleidung mit integriertem Frontspoiler und Seitenschwellern. Ein Doppelflügel (der obere Flügel ist mechanisch einstellbar) ersetzt den elektrischen Serienspoiler. Front- und Heckspoiler sind nur gemeinsam für den Straßenverkehr zugelassen.“
Cup-Kit und Turbo-Kit unterscheiden sich im Design und bei den Bauteilen. Zum 9.959,87 Mark teuren Aerokit Turbo gehören, unter Beibehaltung der unveränderten Frontschürze mit den großen Lüftungsöffnungen, eine lackierte Frontspoilerlippe („Achtung: deutlich reduzierte Bodenfreiheit bzw. Böschungswinkel.“), lackierte Schwellerverkleidungen und ein Doppelflügel-Heckspoiler mit integrierter dritter Bremsleuchte.
Bei aller Exklusivität geht die Liste der X-Ausstattungen bei Tim Bielers 996 Turbo noch weit über Motor und Turbo-Kit hinaus. Dazu gehört das „Interieur-Paket Carbon klein“ (E77) um die passend zur Wagenfarbe abgestimmten Instrumente, an der Schalttafel um Lüftungsdüsen und PCM, an Schalt- und Handbremshebel. Typisch für viele Exclusiv-Elfer dieser Zeit: die mit Leder verkleidete Zündschlossrosette sowie die mit Leder bezogenen Bedienhebel der elektrischen Sitze, Lautsprecherblenden und Lüftungslamellen. Hier ergänzt mit roten Ziernähten und geprägtem Turbo-Schriftzug auf der Mittelarmlehne sowie Sicherheitsgurten in Indischrot (XSX) und lackierten Rückenlehnen (XSA).
Was fehlt, ist das ultimative Hightech-Feature des neuen Porsche-Jahrtausends, die 2000 eingeführte Keramik-Bremse PCCB, die im Vergleich zur Standard-Bremsanlage 16,6 Kilogramm Gewicht einspart. „Zum Glück! Ersatzteile kosten ein Vermögen“, sagt Tim Bieler. Manchmal ist weniger eben doch mehr – und Vollausstattung nicht unbedingt wünschenswert.