PORSCHE 911 TURBO S - E-SCHIPPE STATT SCHNEE- SCHIPPE

Wolfgang Schaeffer

 · 11.03.2026

PORSCHE 911 TURBO S
Foto: Jasper Pape

Der Porsche 911 Turbo gilt seit jeher als Alleskönner unter den Sportwagen. Bestwerte auf der Rennstrecke, komfortabler Reisewagen und zu jeder Jahreszeit absolut alltagstauglich. Jetzt haben die Stuttgarter noch einmal eine Schippe draufgelegt. Mit 711 PS ist das Spitzenmodell der Baureihe Lder stärkste Serien-Elfer aller Zeiten. Lässt sich dieses enorme Leistungspotential des Allradlers auch bei extremen winterlichen Bedingungen beherrschen?

Fünf Grad unter Null, knapp zehn Zentimeter Neuschnee – da schlägt das Herz des Skifahrers gleich ein wenig schneller. Allerdings sorgt der andauernde kräftige Schneefall dafür, dass der Puls auch aus einem anderen Grund deutlich steigt. Schließlich steht vor der Tür der Porsche 911 Turbo S. Mit dem soll es an diesem frühen Morgen ins etwa 100 Kilometer entfernte Wintersportgebiet gehen. Und das überwiegend auf vermutlich kaum geräumten Landstraßen.

Zur Beruhigung rufe ich mir die Worte von Motorsport-Legende und Porsche-Markenbotschafter Walter Röhrl ins Gedächtnis: „Mit dem Heckmotor und dem Allrad hat der Wagen eine wahnsinnige Traktion. Er ist auch auf Schnee absolut souverän zu fahren. Solange der Unterboden im Tiefschnee nicht aufliegt, kannst du damit überall hinfahren. Auf einer schneebedeckten Straße bietet der Turbo ein gutmütiges und tolles Handling, das gut beherrschbar ist und jede Menge Spaß bietet.“

Den Fahrspaß und eine unfassbare Performance hatte der Elfer an den Tagen zuvor auf noch trockenen Fahrbahnen bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Schon der leiseste Druck aufs Gaspedal reicht aus, um vehement in den Sitz gepresst zu werden, selbst wenn die von Porsche angegebene Beschleunigungszeit von 2,5 Sekunden für den Sprint aus dem Stand auf Tempo 100 nicht angestrebt wird. Die beiden im Turbo S installierten elektrisch unterstützten Abgasturbolader funktionieren verzögerungsfrei. Deshalb ist der Vorwärtsdrang ab Sekunde Eins schlichtweg brachial-explosiv.

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DEUTLICHE VERBESSERUNG ZUM HERKÖMMLICHEN TURBO

Röhrl sagt uns dazu: „Ich finde das Ansprechverhalten in allen Situationen deutlich besser als bei einem herkömmlichen Turbomotor. Das ist einfach die nächste Antriebsgeneration. Ein Turboloch gibt es nahezu nicht mehr. Das Auto hängt in jedem Gang und bei jeder Drehzahl ganz unmittelbar am Gas. Jede kleinste Berührung des Gaspedals wird merklich in Vortrieb umgesetzt.“ Die Werte im Datenblatt belegen das. In sage und schreibe 8,4 Sekunden klettert die Tachonadel auf die Marke 200, die Höchstgeschwindigkeit gibt Porsche mit 322 Kilometern pro Stunde an. Die Spurtreue in wirklich flott gefahrenen Kurven ist absolut exakt. Der Wagen reagiert perfekt auf jeden Lenkbefehl. Die 18-Wege-Sportsitze Plus mit Memory-Funktion sind nicht nur bequem, sondern geben in diesen Situationen besten Seitenhalt. Gebremst werden kann der 4,55 Meter lange Sportler so gnadenlos wie es vorwärts geht. Dafür garantiert die Keramik-Bremse mit zehn Kolben und 420 Millimeter Scheiben vorn sowie vier Kolben und 410 Millimeter Scheiben hinten. Bremsen in dieser Art hat es zuvor im Elfer nicht gegeben.

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Optische Veränderungen hat der mit einem Carbon-Dach ausgestattete Turbo S ebenfalls zu bieten. Vorne gibt es beispielsweise eine aktive Frontspoilerlippe und fünf Kiemen-Luftklappen, die ebenso zu den Aerodynamik-Verbesserungen zählen wie stufenlos verstellbare Frontdiffusoren im Unterboden sowie Änderungen am Heckflügel. Ein neu gezeichnetes hinteres Leuchtenband ist ebenfalls ein Erkennungsmerkmal der neuen Turbo-S-Generation.

800 NEWTONMETER VON 2.300 BIS 8.000/MIN – KRAFT IN ALLEN LEBENSLAGEN!

Technisch sind es nicht nur die beiden eTurbos, die den Turbo 999.2 S im Vergleich zum Vorgänger zu einem fast komplett neuen Auto gemacht haben. Wie beim 911 GTS kommt beim Turbo S jetzt ein 3,6-Liter-Sechszylinder-Boxer mit einer Leistung von 640 PS zum Einsatz. Anders als beim GTS haben die Entwickler hier aber wie gesagt zwei elektrische Turbolader verbaut. Eine im Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe (PDK) integrierte E-Maschine trägt mit 52 kW (71 PS) zu der Systemleistung von 711 PS und dem unglaublichen Vorwärtsdrang des Elfers bei. Die Energie bezieht der E-Motor wie beim GTS aus einer kompakten Hochvoltbatterie mit einer Kapazität von 1,9 kWh. Und so mutiert der neue Turbo S wie bereits der GTS zu einem T-Hybrid. Der überzeugt mit einem Drehmoment von 800 Newtonmetern in einem kaum zu fassenden Bereich zwischen 2.300 und 6.000 Umdrehungen pro Minute.

Der T-Hybrid-Antriebsstrang bringt zudem noch weitere Vorteile für die Performance mit sich. Denn auch das Fahrwerk profitiert von dem Hochvolt-Bordnetz und dem Batteriesystem. So ist der Turbo S mit dem elektrohydraulisch gesteuerten Porsche Dynamic Chassis Control (ehPDCC) ausgestattet. Sie verringert die Wankneigung bei Richtungswechseln und steigert die Agilität in den Kurven. Das System arbeitet mit über Kreuz verschalteten aktiven Koppelstangen, in denen per Ölvolumenstrom je nach Fahrsituation Druck aufgebaut wird. Dies verbessert, so die Porsche-Ingenieure, sowohl den Fahrkomfort als auch die Fahrdynamik. Für die Alltagstauglichkeit ist das elektrohydraulische PDCC mit einem optionalen Liftsystem für die Vorderachse verfügbar, das dank der Einbindung in das 400-V-System wesentlich schneller agiert als beim Vorgänger. So dauert es lediglich noch 3,5 statt 5,3 Sekunden, bis die Front sich im Bedarfsfall hebt. Es sind aber weniger die nackten Zahlen des Datenblatts, sondern mehr die Erfahrungen der vergangenen Tage am Steuer des kraftstrotzenden Sportlers, die den Pulsschlag an diesem Morgen vor Fahrtbeginn in die Höhe treiben.

Und wo wir schon von Pulsschlag vor Fahrtbeginn reden: Den Skiträger sollte man in Ruhe montieren, vielleicht schon am Abend zuvor, denn das ist ein durchaus komplexes Unterfangen. Die Halterungen sind unter den seitlichen Gummileisten im Dach versteckt und müssen hochgeklappt werden. Das geht noch recht einfach. Das Aufsetzen des Trägers sollte aber in jedem Falle zu zweit erfolgen. Einerseits, um den Lack nicht zu beschädigen, andererseits lassen sich die beiden Seiten des Trägers so besser auf die Halterungen aufsetzen. Der Träger wird dann mit einem Inbusschlüssel und jeweils zwei Schrauben mit den Halterungen verbunden. Um die Ski leicht und problemlos unterzubringen, kann ein Teil des Porsche-Trägers erst zur Seite und dann wieder in die Ursprungsposition geschoben werden. Der Träger darf im Zusammenspiel mit dem Porsche Transportsystem maximal 75 Kilogramm Last aufnehmen.

BEREIT FÜR DIE FAHRT IN DEN SCHNEE

Dementsprechend gut vorbereitet wird das Triebwerk mit einem Druck auf den Startknopf, selbstverständlich links neben dem Lenkrad, zum Leben erweckt. Der Boxer meldet sich über die Titan-Abgasanlage, Endrohre und Endschalldämpfer sind jetzt aus dem sehr leichten Werkstoff, dezent grollend zur Arbeit bereit.

Die wird dann zunächst mit einem ganz, ganz vorsichtigen Druck aufs Gaspedal abgerufen. Schon nach wenigen Kilometern aber wächst der Mut und das Vertrauen ins Auto. Der Turbo S zeigt sich den Wetterbedingungen und den Fahrbahnverhältnissen absolut gewachsen. Und das auch, wenn das fahrerische Können um Lichtjahre von dem eines Walter Röhrl entfernt ist. Das Allradsystem vermittelt ein beruhigendes Gefühl. Souverän rollt der Elfer über die schneebedeckten Straßen, bleibt selbst in Kurven stabil in der Spur.

Ganz großes Kino zeigt der Turbo S wenig später auf dem Weg zur geplanten Skitour. Die Anfahrt erfolgt über einen tief verschneiten Waldweg. Wie war das? „Solange der Unterboden nicht aufsetzt…“ waren doch Walters Worte. Die maximale Bodenfreiheit liegt bei 103 Millimetern und die haben wir fast aufgebraucht! Aber die weiße Pracht ist weich, also los. Augenblicke später fräsen die Michelin-Winterreifen der Größe 245/35 R 20 (vorne) und 315/30 R21 (hinten) frische Spuren in den Schnee. Kein Rucken, kein Zucken. Ganz gleichmäßig geht es mit dem Supersportler auch auf diesem eher unwegsamen Terrain voran. Der Respekt vor den Entwicklern dieses Autos wächst und wächst.


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Technische Daten: Porsche 911 Turbo S

  • Motor: wassergekühlter Boxermotor, 6 Zylinder, 24 Ventile, 2 elektrische Abgasturbolader und E-Maschine im PDK
  • Bohrung: 97 x 81 mm Hubraum: 3.591 cm3
  • Leistung: 471 kW (640PS) bei 6.500/min
  • Drehmoment: 760 Nm bei 2.750/min
  • E-Motor: Permanenterregte Synchronmaschine, 60 kW
  • Drehmoment: 188 Nm
  • Traktionsbatterie: Lithium-Ionen, 1,9 kWh, 400 V
  • Systemleistung: 523 kW (711 PS) bei 2.300-6.000/min
  • Systemdrehmoment: 800 Nm
  • Gemischaufbereitung: Benzindirekteinspritzung
  • Kraftübertragung: Allrad, Porsche Torque Vectoring Plus, elektronisch geregelte Hinterachs-Quersperre
  • Getriebe: Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe (PDK)
  • Fahrwerk: Porsche Active Suspension Management (PASM), elektronisch geregeltes Dämpfungssystem, MacPherson-Achse mit einzeln an Querlenkern Längslenkern und Federbeinen aufgehängten Rädern (vorne), Leichtbau-Mehrlenkerachse mit einzeln an fünf Lenkern geführten Rädern (hinten), Hinterachslenkung, Porsche Torque Vectoring Plus, Dynamic Chassis Control (ehPDCC)
  • Bremsen: Zehnkolben-Aluminium-Monobloc-Festsattelbremsen; kohlefaserverstärkte Keramik-Verbund-Scheiben, 420 mm, innenbelüftet und gelocht (vorne), Vierkolben-Aluminium- Monobloc-Festsattelbremsen; kohlefaserverstärkte Keramik-Verbund-Scheiben, 410 mm, innenbelüftet und gelocht (hinten)
  • Radstand: 2.450 mm L x B x H: 4.551 x 2.033 x 1.305 mm
  • Reifen: 9,5 J x 20 mit 255/35ZR 20 (vorn), 12 x 21 mit 325/30 ZR 21
  • Leergewicht: 1.725 kg
  • Zul. Gesamtgewicht: 2.025 kg
  • Höchstgeschwindigkeit: 322 km/h
  • Beschleunigung 0-100 km/h: 2,5 s
  • Tankinhalt: 63 l
  • Durchschnittsverbrauch: 11,6-11,8 (Werksangabe)
  • Basispreis: 271.000 Euro (Testwagenpreis: 306.729,75 Euro)

Noch mehr, als auf einem etwas steileren Abschnitt ein dicker Ast auf dem Weg liegt. Hier stoppen und dann wieder anfahren? Oder lieber doch wieder rückwärts zurück ins Flache? Mut zur Lücke. Also angehalten, Ast zur Seite geräumt und – problemlos rollt der Turbo S wieder an.

Die Rückfahrt bergab durch die Waldpassage nach der Skitour gestaltet sich ebenso angenehm. Dank der Rückfahrkamera ist der Weg hinter dem Auto gut einsehbar und die Ausbuchtung zum Wenden bestens zu erkennen. Die serienmäßige Hinterachslenkung ist dann beim Rangieren eine echte Hilfe.

FAZIT: EINE WESTE, SO WEISS UND REIN WIE FRISCH GEFALLENER SCHNEE

Keine Frage, der Porsche 911 Turbo S hat seinen Ruf als Alleskönner an diesen Tagen absolut unterstrichen. Ein Alleskönner, der bei den winterlichen Verhältnissen und oftmals schwierigen Bedingungen einen Durchschnittsverbrauch von 13 Litern angezeigt hat. Das ist nicht allzu weit weg vom WLTP-Verbrauch, der mit 11,8 Litern angegeben ist. Wer die enorme Leistung des Autos öfters abruft, so wie wir ansatzweise vor dem Wintereinbruch, der muss vermutlich mit einigem Mehr-Durst des Boxers rechnen. Erst recht, wenn es auf die Rennstrecke geht. Dort brilliert der mit nun 1,8 Tonnen um 85 Kilogramm schwerer gewordene Turbo S. Auf der Nordschleife nimmt er mit einer Zeit von 7:03,92 Minuten dem Vorgänger ganze 14 Sekunden ab.

Kein Wunder also, dass der begeisterte Auto-, Ski-und Rennradfahrer Walter Röhrl geradezu ins Schwärmen kommt, wenn es um den 911 Turbo S geht. „Das Auto hat Werte eines Supersportwagen. Aber es fährt sich lammfromm, hat Manieren und ist kultiviert. Der 911 Turbo S ist meiner Meinung nach generell das beste Auto für alle Situationen. Man muss das mal von den Fahrleistungen her betrachten. Da bist du voll im Terrain von exotischen Supersportwagen. 2,5 Sekunden von Null auf Tempo 100. Das ist absoluter Wahnsinn. Aber diese exotischen Supersportwagen sind nur sehr begrenzt einsetzbar. Der Turbo S jedoch bietet die gleiche Performance, ist aber ein waschechter Allrounder. Ich kann damit easy zum Einkaufen fahren, ganz unaufgeregt Spazierenfahren, komfortabel Reisen oder am Wochenende zum Skifahren. Der 911 Turbo S ist für mich die eierlegende Wollmilchsau. Man ist schnell unterwegs und kommt entspannt an.“

​Erschienen in Ausgabe 3-2026