Christoph Mäder
· 01.01.2026
Eine Leichtbau-Version des 964 Turbo 3.6 gab es nicht, also stellte man sie einfach selbst zusammen
Die Geschichte dieser drei speziellen 911 Turbo 3.6er beginnt bei Matthias Nonn, Kfz-Meister in einer mittelgroßen Kleinstadt in den Kasseler Bergen. Um die Geschichte von Anfang an zu erzählen, müssen wir jedoch etwas ausholen. Damals, 1986, als Diego Maradona und zehn weitere Argentinier Deutschland beim WM-Finale in Mexiko bezwangen, war der 25-jährige Mat thias Nonn alles andere als ein Porsche-Anhänger: „Zu schmal, zu viel Käfer. Das Thema Porsche hatte mich überhaupt nicht interessiert“, erinnert er sich.
Das sollte sich ändern. Nonn über seine erste Begegnung mit dem 911 Turbo: „Ich bin mit meiner Frau Gisela nach Sardinien zum Surfen gefahren. Kurz vor Genua zischt so ein Turbo an mir vorbei. Zehn Minuten später der zweite. Da habe ich gedacht: Was ist denn das für ein geiles Auto?“ In diesem Moment hat sich der junge drahtige Mann etwas in den Kopf gesetzt. „Ich bin mit meinem BMW 323i nach Kassel zum Porsche Zentrum gefahren – ich hatte Wildleder-Cowboyschuhe an und trug einen Oberlippenbart. Ich bin rein und hab gesagt: Ich suche einen gebrauchten Porsche Turbo! Der Verkäufer hatte wahrscheinlich Mitleid mit mir. Er hat mir gesagt, er müsse einen Turbo in Zahlung nehmen. Der sei aber nicht mehr so gut, der Vorderwagen müsste auch lackiert werden.“
Der Verkäufer gab Nonn die Kontaktdaten des Besitzers, ein Arzt. Bei der Besichtigung des Wagens fiel Nonn auf, dass der Händler mit seiner Beschreibung nicht danebenlag. „Der Wagen lag hinten zu tief, vorne zu hoch, total versaut, der Auspuff eingedrückt, verrostet, der Aschenbecher übergequollen. Aber der Doktor war in Ordnung.“ Nonn wollte den Porsche nur haben, „um einen auf dicken Max zu machen“, wie er sagt. Bei der Probefahrt wandelten sich die Beweggründe. Nonn erinnert sich: „Das war wie damals, wenn du in den Urlaub geflogen bist: Der hat Gas gegeben und dann drückt dich das in den Sitz rein und ab ging die Luzi.“ Der Arzt wollte auf einen 928 umsteigen. Man wurde sich beim Preis allerdings nicht einig.
Wenn eine kühne Idee einiger Freunde Wirklichkeit wird
Sechs Wochen später folgt Anlauf Nummer zwei. Matthias und sein Dachdecker-Kumpel Armin fahren zum Porsche Zentrum nach Paderborn. Die beiden Mittzwanziger geraten im PZ an einen gewissen Gerhard Dechow, die graue Eminenz des Hauses und Mitbegründer des Porsche Clubs Paderborn. „Der Geschäftsführer saß da in seinem Glaskasten, Krawatte, alles vom Feinsten. Ich stehe in meinen Cowboystiefeln im Türrahmen und sage: ‚Ich bin der Matthias Nonn und habe da eine Idee, Herr Dechow.‘“ Der Geschäftsführer nimmt den jungen Mann und dessen Idee ernst. Sie lautete: Das PZ solle dem rauchenden Arzt einen neuen 928er verkaufen, den runtergerockten Turbo in Zahlung nehmen und direkt an Nonn weiterreichen. Dechow griff kurzerhand zum Hörer, der Arzt nahm auf der anderen Seite direkt ab. „Der Herr Dechow sagte diesen einen Satz: ‚Herr Doktor, wir sollten den Turbo jetzt wegmachen.‘“ Zu den beiden Jungs, immer noch im Türrahmen stehend, gewandt: „47?“ Nonn nickte und war Besitzer des wahrscheinlich schlechtesten 3,3-Liter-Turbos, der zu diesem Zeitpunkt auf dem Markt verfügbar war. Zum PZ Paderborn entwickelte sich eine enge Beziehung. Mindestens einmal jährlich ging es zu einem Fahrsicherheitstraining auf den Nürburgring, nach Zolder oder Zandvoort. Aus diesen Trackdays entstanden Freundschaften mit Gleichgesinnten.
In der Zwischenzeit kam die Generation 964 auf den Markt und Matthias Nonn war bereit, sich seinen ersten neuen Porsche zu kaufen. Es sollte das sportlichste Turbo-Modell sein: der 964 Turbo S Leichtbau. Eine Sonderserie, von der nur 86 Exemplare gebaut wurden. In Nonns Augen gab es beim Turbo S Leichtbau jedoch einen Wermutstropfen: Der Motor war der alte 3,3-Liter-Turbomotor, wie er seit 1978 verbaut wurde. Ladeluftkühler, Motorelektronik und Kats waren über die Zeit hinzugekommen, aber mechanisch gesehen, war das Aggregat nicht wirklich State of the Art. Porsches neue Motorengeneration existierte schon mit dem 3,6-Liter-Block M64.
Beruflich zerlegte Kfz-Meister Nonn tagtäglich auch Sechszy-X88-WLS-Kits. Man konnte die Blenden für 1.000 DM auch ohne WLS bestellen lindermotoren, deswegen war ihm das Motorthema auch so wichtig. Und er lag richtig: Für das Modelljahr 1993 überarbeitete Porsche das Modell 911 Turbo, das fortan Turbo 3.6 hieß. Durch die größeren Zylinder im Zusammenhang mit dem neuen Kurbelgehäuse sowie den neuen Zylinderköpfen kam der Turbo 3.6 auf 360 PS in der Basisausführung. Leider hatte die Sache für ihn einen Haken: Porsche baute keine Leichtbau-Version vom neuen Turbo 3.6. Also beglückte Matthias Nonn das PZ Paderborn mit einer neuen Idee. Könnte man nicht den ganzen Komfort-Schnickschnack einfach abbestellen? Und vielleicht das XD6Sportfahrwerk hinzubestellen? Genau jenes 40 mm tiefer gelegte Fahrwerk, welches im Vorjahr im Carrera RS und in ebenjenem Turbo S Leichtbau montiert wurde. Nonn ließ nicht locker.
Letztlich war Matthias Nonn so überzeugend, dass die Rücksitzanlage abbestellt und die Verkleidungspaneele samt Hutablage und den hinteren Lautsprechern durch den puristischen Teppichsatz des RS ersetzt wurden. Selbst einen Turbo 3.6-Schriftzug stickte das Werk für ihn ein. Ebenfalls per sogenanntem Z-Antrag gelang es, den serienmäßigen Heckscheibenwischer abzubestellen. Das Schiebedach – von der „normalen“ Turbo-Klientel häufig geordert – wurde ignoriert. Außerdem wurden die elektrisch verstellbaren Komfortsitze zugunsten deutlich leichterer Recaro-Schalensitze getauscht. Dadurch sank das Leergewicht des serienmäßig 1.470 kg wiegenden Turbo 3.6 auf unter 1.400 kg. Das mit dem XD6-Fahrwerk klappte, hinzu kam die XD7-Domstrebe an der Vorderachse. Nonn: „Nur die wenigsten wissen, dass das damals wählbar war bei Porsche. Es ist im Grunde genommen auch das 964 RS-Fahrwerk, also auch das Turbo S-Fahrwerk – ist alles identisch. Der Turbo hat nur andere Stabis wegen der breiteren Spur. Das Auto ist dadurch wirklich extrem gut fahrbar. Und es sieht toll aus. Ihr seht die Fahrzeughöhe. Da steckt kein Tuning oder so dahinter. Das kam genau so aus dem Werk.“
Bei so vielen Sonderwünschen ihres Gatten befand Gisela, dass es keine norma-le Farbe für den Elfer sein dürfe. Die beiden fuhren extra nach Stuttgart, wo ein mintgrün lackierter Turbo 3.6 als Rechtslenker für die Ausstellung in Birmingham verladen werden sollte, um sich von dem Farbkonzept zu überzeugen. Genau diesen Wagen findet man auch auf YouTube – gefahren von Tiff Needell für die damalige Top-Gear-Folge. Getreu dem Motto „Wenn schon, denn schon“ wurden Felgensterne und Türgriffe ab Werk in dieser Farbe lackiert und das Interieur in Cobaltblau chromatisch stimmig abgesetzt. Die Recaro-Sitze wurden an das Farbkonzept angepasst Nonn hatte sein ganz persönliches Modell geschaffen, einen „Turbo 3.6 Leichtbau“, ein Modell, welches Porsche 1993 gar nicht im Programm hatte. Seine Freunde nahmen mehr als nur Notiz von Nonns Einhorn. Sie waren nicht nur alle im Porsche Club Paderborn, sie trafen sich auch bei organisierten Rennwochenenden. Mit dem Satz „Das, was der Nonn da bekommen hat, das wollen wir auch haben“ wurden sie bei ihren Porsche Zentren vorstellig. Insgesamt wurden vier Autos in dieser Konfiguration bestellt.
Die vier auf Leichtbau getrimmten, speziellen Porsche Turbo 3.6 weisen leichte Unterschiede auf. So erhielten der indischrote und der ferrarigelbe zusätzlich zum XD6-Sportfahrwerk auch noch die X88-Werksleistungssteigerung mit geänderten Nockenwellen, modifiziertem K27-Turbolader und 385 PS.
Die Gruppe trifft sich heute noch, wobei der rote von seinem Erstbesitzer an Matthias’ Bruder Stefan verkauft wurde. Der gelbe blieb ebenfalls im Freundeskreis. Lediglich der vierte im Bunde, der nachtblaumetallic-farbene Turbo 3.6, ist etwas abtrünnig geworden und residiert nicht weit entfernt in Düsseldorf. Matthias und Gisela fahren weiterhin mit ihrem mintgrünen Turbo durch die Kasseler Berge. Eine neue Idee hat Matthias auch: Man könnte doch eine straßenzugelassene Replica der legendären fünfzehn IROC Carrera 3.0 RSR bauen. Farblich würden die Autos auf jeden Fall zueinanderpassen.
911 Turbo 3.6 Coupé (Mintgrün)
911 Turbo 3.6 Coupé (Indischrot)
911 Turbo 3.6 Coupé + X88 (Ferrarigelb)