PORSCHE 911 TARGA – SOMMER-TRAUM-GELB

Dino Eisele

 · 15.04.2026

Porsche 911 Targa
Foto: Dino Eisele

Der Schlüssel ist klein, fast unscheinbar, und doch trägt er die ganze Geschichte in sich. Ein kurzer Dreh und ein Moment gespannter Stille – dann erwacht der luftgekühlte Sechszylinder-Boxer im Heck: Erst ein trockenes Drehen des Anlassers, dann dieses unverwechselbare, mechanische Leben: die leise tickenden Ventile, das verhaltene Heulen des Lüfterrads, ein raues, ehrliches Standgas. 2,0 Liter Hubraum, rund 130 PS – Zahlen, die heute niemanden beeindrucken würden, und doch genügt ein einziger Gasstoß, um klarzumachen, dass hier nicht Leistung zählt, sondern Charakter. Der bahamagelbe Porsche 911 Targa von 1966 steht im warmen Licht des späten Nachmittags wie ein technisches Versprechen.

Das Softwindow ist geöffnet, die Kunststoffscheibe eingerollt, der Targa-Bügel wirkt filigran, fast elegant. Kein Dach, kein Glas zwischen Fahrer und Welt – nur Wind, Licht und Mechanik. Der Blick über die zwischen den Kotflügeln nach unten gezogene Kofferraumhaube, die zarten Chromspiegel, das dünne Lenkrad mit seinem großen Durchmesser: Alles hier ist funktional, nichts lenkt ab.

Man sitzt tief, die Pedale leicht versetzt, der Schalthebel lang, mit diesem leicht hakeligen Widerstand, der jeden Gangwechsel zu einer bewussten Handlung macht. Die Straße aus den Bergen hinter Ventimiglia beginnt schmal und unaufgeregt. Der Asphalt ist nicht perfekt, aber genau das passt. Das Fahrwerk – vorn Querlenker mit Dämpferbeinen, hinten die klassische Schräglenkerachse, beides drehstabgefedert – arbeitet sichtbar und spürbar. Jede Bodenwelle, jede kleine Unebenheit wird ungefiltert weitergegeben, nicht störend, sondern informativ. Der Porsche spricht mit seinem Fahrer, ständig.

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„KEIN KÜNSTLICHER SOUND – NUR LUFT, BENZIN UND MECHANIK IM EINKLANG.“

Das direkte Zahnstangenlenkung ohne Servounterstützung verlangt Aufmerksamkeit, belohnt aber mit einer Präzision, die man heute kaum noch findet. Mit zunehmender Drehzahl nimmt der Porsche Fahrt auf, der Boxer hängt sauber am Gas. Ab etwa 3.500 Umdrehungen wird der Klang heller, freier, fast musikalisch. Kein Auspuffknallen, kein künstlicher Sound – nur Luft, Benzin und Mechanik im Einklang. Der Motor sitzt dort, wo er hingehört, weit hinten, und verleiht dem Wagen diese spezielle Balance, die Respekt verlangt, aber Vertrauen schenkt. Man fährt nicht gegen das Auto, man fährt mit ihm. Während sich die Straße in engen Radien talwärts windet, verändert sich die Umgebung. Der Geruch der Bergwelt – trockene Erde, Pinien und wilde Kräuter – strömt durch das offene Targa-Dach in den Innenraum. Der Fahrtwind trägt ihn direkt ins Gesicht, unverfälscht, intensiv. Die Sonne steht bereits tief, ihr Licht bricht sich in den Chromleisten, legt einen goldenen Schimmer über das Armaturenbrett mit seinen fünf klar gezeichneten Rundinstrumenten.

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Drehzahl, Öltemperatur, Öldruck – alles da, wo es Sinn ergibt. Technik als Vertrauensbasis, nicht als Ablenkung. Dann, nach einer letzten Kuppe, öffnet sich der Blick. Weit unten liegt das Meer, ruhig und glitzernd, als hätte jemand eine Metallfläche poliert. Das Blau wird dunkler, tiefer, während der Himmel langsam in warme Orangetöne kippt. Von hier oben wirkt Ventimiglia klein, fast zerbrechlich, eingebettet zwischen Berge und Wasser. Und weiter im Hintergrund, wie eine ferne Kulisse, schimmert Monaco – ein leiser Hinweis darauf, dass diese Küstenstraße seit Jahrzehnten ein Magnet für Automobile und ihre Geschichten ist. Man nimmt den Fuß etwas vom Gas, nicht aus Vorsicht, sondern aus Ehrfurcht. Der Moment verlangt danach, ausgekostet zu werden. Der Motor läuft jetzt im Schubbetrieb, dieses typische, leicht raue Knurren beim Gaswegnehmen, begleitet vom leisen Pfeifen des Windes. Es beginnt nach Meer zu riechen, salzig, und einem Hauch Benzin.

„DIE KAROSSERIE IST SCHMAL, BEINAHE ZIERLICH ZWISCHEN DEN YACHTEN.“

Am neuen Hafen von Ventimiglia ist es ruhig. Motor aus. Die Stille danach ist fast überwältigend. Nur das leise Knistern des abkühlenden Metalls, das Knarzen von Wanten der Segelboote im leichten Wind. Der Geruch des Meeres ist jetzt deutlich, vermischt sich mit Benzin, warmem Öl und Leder. Es ist diese Mischung, die man nicht konservieren kann, die man nicht kaufen oder nachstellen kann. Sie existiert nur hier und jetzt. Man steigt aus, blickt zurück auf den Porsche. Die Karosserie ist schmal, beinahe zierlich zwischen den Yachten, die Linien klar, frei von Übertreibung. Dieses Auto ist kein Statement, es ist eine Haltung. Die Weiterfahrt hinauf

„DIE SONNE VERSINKT HINTER DEN BERGEN, FÄRBT DEN HIMMEL ROSA UND ORANGE, WÄHREND DER PORSCHE WIE EIN ZEITREISENDER WIRKT, DER SICH NICHT ERKLÄREN MUSS.“

in die Hügel von Ventimiglia ist fast meditativ. Der Verkehr wird dichter, moderne Autos ziehen vorbei, leise, effizient, perfekt isoliert. Und doch wirkt der alte 911 nicht fehl am Platz. Im Gegenteil. Er erinnert daran, dass Autofahren einmal ein bewusstes Zusammenspiel aus Technik, Mensch und Umgebung war. Dass Geschwindigkeit nicht das Ziel ist, sondern Intensität. Die Sonne versinkt hinter den Bergen, färbt den Himmel rosa und orange, während der Porsche wie ein Zeitreisender wirkt, der sich nicht erklären muss. Menschen drehen sich um, nicht wegen der Lautstärke, sondern wegen der Ausstrahlung. Dieses Auto erzählt Geschichten, ohne ein Wort zu sagen. Als die Sonne schließlich im Meer versinkt und der Himmel langsam dunkel wird, endet diese Fahrt. Sie war kurz, gemessen in Kilometern. Aber sie war reich an Eindrücken, an Geräuschen, an Gefühlen.

Genau das macht diese kleinen Ausfahrten an besondere Orte so wertvoll. Sie brauchen keinen großen Anlass, keine lange Vorbereitung. Nur ein Auto mit Seele, eine Straße mit Charakter und die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Man schließt die Tür, hört das satte Klacken des alten Schlosses, und weiß: Diese Fahrt bleibt. Nicht als Datenpunkt, nicht als Ziel auf einer Karte, sondern als Erinnerung.

Und vielleicht ist das die größte technische Leistung dieses Porsche 911 Targa von 1966 – dass er es schafft, aus ein paar Kilometern ein ganzes Kapitel zu machen.

​Erschienen in Ausgabe 3-2026