Porsche Klassik
· 06.11.2024
Erst waren es Mofas, später Mopeds. Mit 15 Jahren steckte Frank Stolz all sein Herzblut und seine Fingerfertigkeit in die Zweiräder, um sie wieder flottzumachen und ihnen neuen Glanz zu verleihen. Kaum hatte der heute 59-Jährige den Autoführerschein in der Tasche, nahm er sich einen ziemlich heruntergekommenen VW Käfer vor, den er technisch optimierte und unter anderem mit einer Zweivergaseranlage von TDE ausrüstete. Der Beginn einer bis heute andauernden Leidenschaft. „Alles in allem waren es wohl um die 50 Käfer, die ich nach und nach im Besitz hatte. Einige davon nur wenige Tage oder Wochen – eben so lange, wie es dauerte, sie entsprechend aufzupäppeln“, sagt Stolz.
2006 erfüllte sich der Straßenbau-Ingenieur, der zuvor bereits eine Ausbildung als Energiegeräte-Elektroniker gemacht hatte, seinen Traum vom ersten Porsche. Ein in den USA angebotener und für ihn bezahlbarer 964 hatte sein Interesse geweckt. Das Auto hatte zwar deutliche Gebrauchsspuren, war aber technisch in einem ordentlichen Zustand. Stolz machte sich auch bei diesem Wagen ans Werk und optimierte ihn über einen Zeitraum von sieben Jahren. Eine lohnenswerte Arbeit, denn er konnte den Elfer zu einem so guten Preis verkaufen, dass ausreichend Kapital vorhanden war, um einen speedgelben neuwertigen 911 (997 4 S) im besten Zustand zu kaufen. „Ein wirklich tolles Auto. Aber leider gab es daran nichts zu schrauben“, sagt Stolz.
Grund genug, sich von ihm zu trennen und stattdessen im Jahr 2016 in die Rohkarosse eines 911 aus dem Jahr 1966 zu investieren. „Ich hatte das Angebot eines Bekannten im Elferteam-Forum gesehen. Für mich war das die Initialzündung, mir einen 911 R nach meinen individuellen Wünschen und Vorstellungen zu bauen. Einen echten R hätte ich mir niemals leisten können“, sagt Stolz. Schließlich weiß er um die Rarität des Modells. Neben vier Prototypen wurden lediglich 20 Exemplare produziert. Eigentlich war für die GT-Homologation eine Stückzahl von 500 Fahrzeugen vorgesehen. Doch man fand nicht genug Abnehmer. Schließlich lag der kalkulierte Verkaufspreis bei stolzen 45.000 Mark und damit fast doppelt so hoch wie für einen regulären 911 S. Von den 20 gebauten 911 R blieben vier für Renneinsätze im Werk, die anderen 16 wurden an Privatfahrer verkauft.
Und so verhandelte Stolz nicht lange, sondern kaufte die Karosse des 911, der bei der Erstauslieferung an einen Kunden in Rom ging, irgendwann später nach Kalifornien exportiert wurde und 2010 in einem jämmerlichen Zustand wieder nach Deutschland kam. Schon beim Kauf hatte der erfahrene Freizeitschrauber ein Bild vor Augen, wie sein 911 R Individual später einmal aussehen sollte. Doch es gab eine Vielzahl von Hürden und Schwierigkeiten zu überwinden, ehe fünf Jahre später – im Juni 2021 – das Schmuckstück fertig war und zugelassen werden konnte. „Für mich war zunächst einmal wichtig, möglichst nah an das Gewicht des Originals zu kommen, ohne dabei aber auf einen gewissen Komfort zu verzichten“, erklärt Stolz. Immer in seinem Hinterkopf: Ehefrau Andrea. „Meine Frau trägt mein Hobby voll mit, schickt mich nach stressigen Arbeitstagen erst einmal in die Werkstatt zum Schrauben. Sie weiß, dass ich mich dabei entspanne. Und so war es mir wichtig, dass der Wagen nach Fertigstellung auch gemeinsam nutzbar ist.“
Das Ergebnis dieser Überlegungen kann sich sehen lassen. Trotz Dämmung und Teppichboden im Fußraum, eines eingezogenen Dachhimmels und einer im Schmuggler-Fach eingebauten Webasto-Standheizung wiegt sein 911 R gerade mal 855 Kilogramm (trocken). Nur 50 Kilogramm mehr als der damalige echte R.
Um dieses Level zu erreichen, hat Stolz an allen anderen erdenklichen Punkten Gewicht reduziert. Zum Beispiel mit den von ihm selbst entwickelten Classic-Race-Sitzen. Vorbild waren die Leichtbausitze von Singer. Aus GFK wurde ein Prototyp hergestellt, abgeformt und daraufhin die Schalen ebenfalls aus GFK laminiert. Anschließend folgten die Polsterung der Sitze und der Überzug mit einem geprägten und gelochten Leder, das wie Kunststoff aussieht. Diese Sitze werden inzwischen wie auch andere Entwicklungen über das 2012 gegründete und 2021 an dp Motorsport verkaufte Unternehmen Netzwerk-9elf vertrieben. Für seinen 911 R Individual hat Stolz sie mit speziellen Halterungen versehen, um sie tiefer anzubringen.
Wie beim originalen 911 R sind die vorderen Kotflügel, die Haube sowie die Stoßfänger aus GFK gefertigt. Die Heck- und die Seitenscheiben bestehen aus Polycarbonat. Bei der Motorhaube mit selbst gefertigten Edelstahlscharnieren und beim Unterfahrschutz hat Stolz Aluminium verwendet. Die Türgriffe sind wie einst beim R aus Kunststoff, die Zuggriffe innen aus Titan. Beim Lenkrad hat sich der Besitzer für eine lederbezogene Abarth-Version entschieden. „Mit einem Durchmesser von 370 Millimetern sind die Anzeigen nicht verdeckt und somit bestens abzulesen“, sagt Stolz.
In Sachen Tankanlage war für den Tüftler sofort klar: Eine Haubenbetankung muss her. Wie beim Original sollte es ein 100-Liter-Tank sein. Das gestaltete sich aufwendig. Man musste die seitliche Befüllöffnung des Tanks stumpf verschweißen, den Behälter oben für ein 100er-Rohr öffnen und anschließend über selbst gefertigte Flansche verstärken und abdichten. Mit einigen technischen Kniffen und einer Korkdichtung innen konnte Stolz die Probleme lösen. „So wie hier ist an dem kompletten Auto kaum etwas von der Stange, sondern in den meisten Fällen speziell angefertigt“, sagt der Straßenbau-Ingenieur, der übrigens das Asphalt-Konzept für die Fahrbahn auf dem Bilster Berg nach technischen Vorgaben umgesetzt hat.
Das Fahrwerk, dessen Buchsen ebenso wie die Aufhängungen von Motor- und Getriebelager aus Polyurethan (PU) bestehen, ist ebenfalls speziell. Die Drehstäbe hinten sind um einen Millimeter verstärkt, bei den Stoßdämpfern hat sich Stolz für Koni Rot entschieden. Gebremst wird mit innenbelüfteten und gelochten Scheiben vorne und hinten. Die Fuchsfelgen – vorn VA 6x15, hinten 7x15 – sind mit 185/70er-R 15Pirelli-P6000-Reifen bestückt.
Der 2,4-Liter-Motor mit Magnesiumgehäuse leistet 210 PS. Die Zylinderköpfe wurden im Einlass bearbeitet und Nowack-Nockenwellen JN930 verbaut. Der 46er-Weber-Vergaser mit GFK-Gehäuse sitzt auf Alu-Saugrohren. Bei den Luftfiltern hat Stolz seiner Experimentierfreudigkeit freien Lauf gelassen. So basieren die Unterteile auf originalen, aber gekürzten Luftfilterwannen in Verbindung mit modifizierten K+N-Unterteilen. Die Deckel kommen aus dem 3-D-Drucker, sind aus Kunststoff und deshalb sehr leicht. Und selbst die Auspuffanlage ist nicht von der Stange, sondern wurde von Eisenmann mit einem Sondermaß gefertigt, damit die Endrohre exakt in den hinteren Stoßfänger passen. Die sind übrigens in Karminrot lackiert. „Ich hatte einen Porsche in dieser Farbe in einem Showroom gesehen. Da war mir sofort klar, dass die Stoßfänger diesen Farbton haben müssen. Dafür habe ich auf die typischen R-Streifen auf der Karosserie verzichtet“, sagt Stolz.
Was man nicht direkt sieht: Zwölf Lackschichten mussten entfernt werden, ehe der Wagen in Hellelfenbein glänzte. Stolz fährt seinen R aber nur bei schönem Wetter oder auf der einen oder anderen Rallye. Seit der Anmeldung im Juni 2021 hat er 8.000 Kilometer abgespult. „Jeder einzelne hat unfassbar viel Spaß gemacht“, sagt Stolz. Und ist dabei verdammt stolz.