Jan-Henrik Muche
· 02.01.2026
Es klingt nach zu dick aufgetragen, wie es zu diesem Elfer ja auch gut passen würde, aber als vor rund zehn Jahren Teile des Vorderwagens an der Verriegelung des Garagentores erst hängen- und dann liegenblieben, kam der tausendmal gelesene, übertrieben klingende Warnhinweis „Achtung: Tiefergelegtes Fahrzeug“ im Tachometer einen Moment zu spät. „Die Spurrinnen vor der Garage waren über die Jahre zu tief geworden, es ging um Millimeter“, sagt Holger Seidel. Sein 911-F9-Folger-Umbau war wieder ein Fall für den Karosseriebauer und Lackierer.
Vor 40 Jahren, als der Spoiler- und Breitreifen-Markt seinen grellen Höhepunkt erreichte und die Tuningwelle kurz vorm Kippen stand, gehörte die Firma Folger Karosserie Styling aus Paderborn-Elsen zu den etablierten Größen der Szene. Neben Bauteilen für VW Käfer und Golf sowie Dreier-BMW gehörten bei Hans-Günter Folger eine ganze Reihe von Body-Kits für verschiedene Porsche-Typen sowie individuell gestaltete Innenausstattungen zum Programm: Breitbauteile für den 924, Turbolook für den 944 mit Saugmotor sowie mehr oder weniger von der Gruppe 5 inspirierte Tuning-Ausbaustufen für den 911.
Die Passform, so Firmengründer Folger, sei so gut, dass talentierte Bastler die Kits auch selbst installieren könnten. Spitzenprodukt des Hauses war der für 911 und 964 konzipierte Umbausatz F 2000 im 959-Look (s. PORSCHE FAHRER 4-2015), der den handelsüblichen Elfer zum Preis von rund 33.000 Mark zumindest in Sichtweite des 420.000 Mark teuren Vorbilds rückte – und zwar noch bevor Porsche das erste Original an die handverlesene Kundschaft auslieferte.
Sogar eine extrabreite, allerdings nur ab Paderborn fertig montiert erhältliche Cabrio-Version des F 2000, ausgerüstet mit dem Digitalanzeigen-Cockpit des Opel Senator B, führte Folger ab 1987 im Programm.
Für die Porsche-Rechtsabteilung war klar, dass der Tuner damit ein Plagiat des Supersportwagens geschaffen hatte. Zu einer Klage gegen den Produzenten des Nachahmer-Produkts kam es jedoch nie, weil der Gebrauchsmusterschutz schon vor dem offiziellen Verkaufsstart abgelaufen war.
An der Modeerscheinung Flachbau, die 1977 mit dem 935 in der Gruppe 5 ihr Debüt feierte, versuchten sich ab Ende der Siebzigerjahre gleich mehrere Tuning-Anbieter und Hersteller von Karosseriebauteilen. Folger führte im Laufe der Zeit gleich mehrere Typen im Angebot: mit runden sowie mit paarweise angeordneten, kleinen eckigen Scheinwerfern im Frontspoiler und Klappscheinwerfern in den Kotflügeln.
Während der Karosserie-Kit F4 mit Flachbau-Front zwei Seitenschwellern und großem Heckspoiler vergleichsweise günstige 2.519 Mark kostete, lag der Preis für die Transformation zum extrabreit bauenden F9 inklusive neuem Heck bei 28.800 DM. Mehr konnte ein Elfer der F- oder G-Serie im Folger-Kosmos nicht werden!
Zum „GFK-Bausatz mit TÜV-Gutachten für 911/930“ gehörten die einteilige Frontpartie mit angeschraubtem Frontspoiler, zwei Türschweller, eine ebenfalls einteilige Heckpartie und die passende Motorhaube mit PU-Doppelflügel. Ebenfalls enthalten waren ein Sportauspuff, dreiteilige Räder des Herstellers Gotti, Koni-Fahrwerk und Tieferlegung sowie ein abschließendes Vermessen des Fahrzeugs und die Vorfahrt beim TÜV. Montage und Lackierung waren ebenfalls im Preis enthalten, Metallic- oder Perlmutt-Lackierungen kamen extra. Ein gelb lackierter Folger F9 schaffte es sogar in ein Tuning-Quartett.
Sehr wahrscheinlich lieferte Holger Seidels tiefschwarz glänzender Folger-Umbau die Blaupause und stellt sogar das F9-Urmodell dar – als einer von zwei Paderborner „Werksumbauten“, so der letzte Wissensstand zur Historie, soll der Wagen bei der IAA 1981 in Frankfurt den Folger-Messestand geschmückt haben.
1996 entdeckte Holger Seidel den Folger F9 im Vorbeigehen bei einem Autohändler, der Blick blieb am hoch auf ragenden Heckspoiler hängen. „Ich hatte vorher schon einen 911 Targa besessen, aber mit der Geburt des zweiten Kindes endete die Porsche-Zeit vorerst“, sagt Seidel (73). „Aber als ich den Wagen sah, wollte ich wieder einen Elfer haben. So etwas hat nicht jeder, dachte ich mir. Und so einen 911 will aber auch nicht jeder. Gottseidank!“
Dass solch ein Extrem kein Auto für immer ist, war Holger Seidel damals schon klar – folgerichtig kamen in rund 30 Jahren nur um die 20.000 Kilometer zusammen. Dabei blieb die technische Basis bei allen wilden Tuningmaßnahmen unverändert: Unter dem ganzen GFK steckt ein serienmäßiger 911 des Baujahres 1977 mit 165 PS.
Alles andere am Folger F9 ist allerdings große Show und maximale Eskalationsstufe, was die Theorie vom Ausstellungsstück untermauert oder zumindest sehr glaubhaft macht. Der betriebene Aufwand und die Anzahl der Modifikationen sind enorm. Angefangen von der breitest möglichen Kombination von dreiteiligen, polierten Gotti-Rädern im Format 11 x 15 mit Reifen der Größe 295/40 ZR 15 vorn und 14 x 15 mit 345/35 ZR 15 an der Hinterachse bis zum Bildschirm des Mini Star 416 C, ursprünglich ein tragbarer Fernseher zum Mitnehmen, oberhalb des Schalthebels. Funktioniert habe der aber noch nie, sagt Holger Seidel.
„SO ETWAS HAT NICHT JEDER, DACHTE ICH MIR. UND SO EINEN 911 WILL ABER AUCH NICHT JEDER.“ Holger Seidel
Dem Vorbild 935 kommt der F9 gestalterisch nah, jedoch ohne dabei, im Gegensatz zu manch anderer Folger-Kreation, unausgegoren oder völlig exaltiert zu wirken. Das Design der Front mit runden Scheinwerfern hinter Plexiglas, flach über dem Boden schnüffelnder Frontspoilerlippe und angedeuteten Entlüftungsschlitzen in den flach gezogenen Kotflügeln ist am schlüssigsten. Die Verbindung zum breiten Heck mit Kiemen-Attrappen stellen breite Schwellerverkleidungen her, die geschlitzte, gerade auslaufende Motorhaube ziert ein Flügel der Extraklasse mit Folger-Typenstempel. Original und unverändert sind hier nur die Heckleuchten des 911. Spoiler-Alarm aus den Achtzigern!
Passend dazu dreht der in Vollleder gehüllte Innenraum im tiefroten Bereich, bis hin zu den rot hinterlegten Instrumenten im individuellen Design mit Folger-Schriftzug und Ziffern im digitalen Look. Dass sowohl der bis zur 10.000 U/min-Markierung reichende Drehzahlmesser wie der Tachometer, der erst bei 360 km/h endet, schamlos übertreiben, ist Teil des Spiels.
Da sind Kassetten-Schubfächer ebenso Pflicht wie jede Menge Lautsprecher. Hier sind es in Summe zwölf: Je drei Lautsprecher sind in Fahrer- und Beifahrertür und die zusätzlich maßgeschneiderte Armauflage eingelassen, die gleiche Paarung wie auf Fahrer- und Beifahrerseite findet sich noch einmal in doppelter Ausführung im Fond.
Ob der technoide Hella Pilot II-Bordcomputer, der vor 40 Jahren Funktionen von Außentemperaturanzeige bis Alarmanlage bündeln sollte, jemals funktioniert hat, scheint zumindest mal fraglich. Dieser Umbau sollte auffallen – und sorgt noch 40 Jahre später für Eindruck, wenn Holger Seidel gemeinsam mit Tochter und Schwiegersohn zu Tuningtreffen im Umland von Hannover aufbricht. Der Folger-Umbau im vollen Ornat der enthemmten wie unschuldigen Achtziger gehört dort zu den Stars. „So einen 911 hat nicht jeder!“