Porsche 911 Carrera RS 2.7(K)ein happy End

Bianca Leppert

 · 28.04.2026

14 Jahre waren Felix Jörgens und der einstige 911 Carrera RS 2.7 seiner Eltern getrennt. Bis er ihn – obwohl er gar nicht nach ihm gesucht hatte – in Amerika wiederfand und zurückkaufte. Eine emotionale Begegnung …
Foto: Niklas Koppitsch

Er spürt, wie das Auto durch die Kurven schaukelt, und mit jedem sanften Ruck fällt er tiefer in den Schlaf. Die Stimmen vorne sind nur noch ein leises Murmeln. Er merkt nicht, wohin sie fahren. Es reicht, dass sie fahren. Wenn Felix Jörgens als Kind nicht schlafen wollte, taten seine Eltern das, was viele tun, um die Kleinen zu beruhigen: Sie fuhren ihn im Auto spazieren, bis er weggeschlummert war. Nicht in irgendeinem Auto. Sondern in einem Porsche 911 Carrera RS 2.7, Baujahr 1973, zum Rallye-Auto mit 5-Punkt-Gurten und Schalensitzen umgebaut.

Der CARRERA RS 2.7 war schon früher das NONPLUSULTRA

Vierzehn Jahre lang hat er dieses Auto nicht mehr gesehen – damit ist er groß geworden. Heute sitzt Felix, 25, selbst am Steuer. Ein kurzer Stoß aufs Gaspedal, der kernige Klang des 2,7-Liter-Boxers weckt Erinnerungen, vierter Gang. Er hat es vermisst. Damals, als kleiner Junge, konnte er kaum über das Armaturenbrett schauen, jetzt folgen seine Augen immer wieder dem mittig sitzenden Drehzahlmesser, der beim Beschleunigen nach rechts ausschlägt. Die Bäume der Allee an der Landstraße stehen Spalier, als säße ein Publikum auf beiden Seiten des Weges und applaudierte leise, während der hellgelbe Porsche mit dem ikonischen Heckspoiler, Entenbürzel genannt, hindurchfährt.

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Er macht kein Geheimnis aus seiner Bestimmung. Im Innenraum dominiert Schwarz, abgesetzt von silbernen Zierleisten. Das Vierspeichen-Lenkrad ist mit Echtleder bezogen, der Lenkradkranz aufgepolstert, um eine bessere Griffigkeit zu bieten. Kein Radio, kein Schnickschnack. So wie das Kürzel RS, das für Rennsport steht, ist auch dieser Elfer puristisch. In der Leichtbau-Version wiegt er gerade mal 960 Kilogramm, in der Touring-Version, wie hier, 115 Kilogramm mehr.

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Kein Statussymbol, sondern ein Sportgerät

Von Anfang an ist der RS 2.7 als straßenzugelassenes Fahrzeug konzipiert, das auch bei Rennveranstaltungen funktioniert. Zunächst plant Porsche 500 Einheiten, die Mindestanzahl für die Homologation in der Gruppe 4, Spezial-GT-Fahrzeuge. Bis Juli 1973 werden es 1.580 Exemplare sein. 210 PS bei 6.300 U/min, was den Sprint von null auf 100 km/h in der Sport-Version in 5,8 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit jenseits von 245 km/h möglich macht.

In einer Werbung heißt es: „Sein Repertoire: Per Achse zum Rennen und wieder nach Hause. Montag ins Büro. Dienstag nach Genf. Abends zurück. Mittwoch zum Shopping. City. Stauung. Kriechverkehr, aber keine Kerze verrußt, keine Kupplung streikt. Donnerstag Landstraße, Autobahn, Serpentinen, Feldwege, Baustellen, Freitag nur Kurzstrecke und immer wieder Kaltstarts. Samstag mit Urlaubsgepäck nach Finnland. Carrera RS – beim Sprint wie beim Marathon voll unerschöpflicher Reserven.“

Anhand der RENNHISTORIE erkennt Jörgens DEN ELFER wieder

Bei Felix’ Eltern ist dieser Werbetext Programm. Der Carrera RS 2.7 hatte zwei Vorbesitzer, ehe sein Vater ihn, damals noch in Weiß, kaufte – nicht als Statussymbol, sondern als Sportgerät, um damit Rallyes zu fahren. Gemeinsam nahmen seine Eltern an Oldtimerwettbewerben teil, wie der Tour de España Classic 2011 oder der durch Frankreich führenden Tour Auto. Diese Rallyes sind wie die Lebenslinien des Autos – vergleichbar mit den Lachfalten im Gesicht eines Menschen, die Geschichten von gelebten Momenten erzählen. Anhand dieser Spuren erkennt Felix das Auto nach 14 Jahren zufällig wieder – in den USA.

Der 911 wird berühmt – als Kunstwerk von Daniel Arsham

„Ich habe immer mal wieder nach einem Carrera RS 2.7 gesucht und bin dabei auf der Webseite von Bruce Canepa über einen gestolpert“, sagt Felix. „Zwei Tage später saß ich im Flugzeug nach San Francisco. Das war im November 2025.“ Im Inserat war die Rennhistorie aufgelistet, sofort war ihm klar, dass es sich um exakt das Auto handeln musste, das im Familienbesitz war – auch wenn es inzwischen wieder die Auslieferungsfarbe Hellgelb hatte.

Seine Eltern verkauften den Elfer damals an einen Händler in Deutschland, der ihn wiederum in die USA an den New York Head of Stock Exchange Richard Grasso weiterverkaufte. Danach wurde das einstige Familienjuwel sogar weltweit berühmt, denn der Künstler Daniel Arsham machte daraus ein eigenes Kunstwerk namens „RSA“, das es sogar als Modellauto gab.

„Als ich den RS 2.7 bei Canepa zum ersten Mal sah, musste ich ihn mir erst 15 Minuten aus der Ferne anschauen. Ich konnte es nicht realisieren“, sagt er. Canepa, ein echter Porsche-Spezialist, hat den Carrera RS 2.7 originalgetreu restauriert und in den Auslieferungszustand versetzt. Doch es gibt sie, die Zeichen. Der Aschenbecher hat noch immer dieselben gebohrten Löcher, die einst zur Befestigung des Tripmasters seiner Eltern dienten.

Heimkehr ins Ruhrgebiet

Heute schreibt er aus den Erinnerungen von damals seine eigenen. Felix – hochgewachsen, mit Sonnenbrille und einem Hauch Dandy-Style – fährt als erstes die Straßen von früher wieder ab. Durchs Industriegebiet von Krefeld, mit der Fähre rüber nach Düsseldorf und Duisburg, nach Büderich, einem Stadtteil von Meerbusch, wo sich goldene Klingelschilder, Palmen im Garten und Pferdetransporter vor den Prachthäusern begegnen. Mitten im Ruhrgebiet könnte der Kontrast zu den Backsteinhäusern nicht größer sein.

Dieser 911 war ein Auto für die Fahrt ZUM BÄCKER und für die Rennstrecke

So wie damals, als der 911 Carrera RS 2.7 ein Kontrast zu allem anderen war, das es schon gab. „Er war das Nonplusultra“, sagt Felix. „Ich mag auch, dass er so schmal und leicht ist. Du konntest damals damit zum Bäcker fahren, ohne aufzufallen, und gleichzeitig alle auf der Landstraße überholen.“ Selbst auf dem Beifahrersitz spürt man die Welten, die zwischen einem gewöhnlichen F-Modell und dieser Rakete liegen. Der Carrera RS 2.7 fühlt sich wesentlich straffer an, aber nicht zu hart – mit ordentlich Wumms aus den Ecken. Die beeindruckende Traktion ist kein Zufall.

Weil das Gewicht an der Hinterachse am größten ist, wollten die Ingenieure mit breiten Reifen dort Traktion und Fahrbarkeit verbessern. Erstmals erhielt bei Porsche ein Serienfahrzeug unterschiedliche Reifengrößen an Vorder- und Hinterachse. Vorne sitzen Fuchs-Schmiederäder 6 J x 15 mit 185/70-VR-15-Reifen, hinten 7 J x 15 mit 215/60-VR-15-Reifen. Der berühmte Entenbürzel wurde sogar patentiert. Er drückt den 911 Carrera RS 2.7 bei schneller Fahrt Richtung Straße und versorgt den Heckmotor gleichzeitig mit zusätzlicher Kühlluft. Diese Alleinstellungsmerkmale weiß der Markt zu schätzen: Der RS 2.7 wird heute für weit über eine halbe Million Euro gehandelt.

Nur 2.800 KILOMETER mehr stehen nach 14 JAHREN auf dem Tacho

Für Felix Jörgens war das nie von Bedeutung. Er zog mit 18 aus, lebte in Paris, Australien und anderen Orten und ist derjenige in der Familie, dem die Geschichte dieser Autos noch immer sehr wichtig ist. Er lebt diese Kultur. Das Verrückte: Nach 14 Jahren stehen nur 2.800 Kilometer mehr auf der Anzeige – Kilometer, die Felix nicht miterlebt hat. „Es wurde etwas verkauft, das nie hätte verkauft werden dürfen“, sagt er, lehnt sich an das Heck und weiß, dass diese Geschichte diesmal nicht endet, sondern noch lange weitergeschrieben wird.

Porsche 911 Carrera RS 2.7 (Touring-Version)

  • Motor: 6-Zylinder Boxer, luftgekühlt Hubraum: 2.700 ccm
  • Max. Leistung: 210 PS /6.300/min Max. Drehmoment: 255 Nm bei 5.100/min Getriebe: 5-Gang manuell
  • Gewicht: 1.075 kg 0 – 100 km/h: 6,3 s
  • Spitze: 245 km/h