Porsche Klassik
· 03.05.2024
Manchmal haben Geschichten zwei Anfänge. Bei der Begegnung mit einem Porsche stellt sich die Frage nach diesen beiden Anfängen vor allem in der Entscheidung: links oder rechts einsteigen? Der Anfang meiner Geschichten wird immer wieder derselbe sein: links. Egal, wie oft ich in verwunderte Gesichter blicken muss.
Eingebettet wie in einer Schablone, passend zwischen Fahrersitz und Pedalerie, die Finger bestimmt um das schmale Lenkrad gelegt. Ein Gefühl, das vermitteln will: Hier gehörst du hin, hier bist du zu Hause. Natürlich verstehe ich auch diejenigen, die lieber einen Gang zurückschalten und genießen. Die nicht wie sonst im Leben immer das Steuer in der Hand haben wollen, sondern das Loslassen zelebrieren. Und ja, sich am Anblick eines Porsche zu ergötzen, ist sozusagen das Praeludium – die Einleitung einer Oper, die thematisch auf den ersten Akt hinführt. Ohne das wäre das Fahren selbst nicht dasselbe. Da muss ich meinem beifahrenden Kolumnisten recht geben.
Und doch ist das Fahren eines klassischen Porsche ebenfalls ein Sich-Zurücklehnen. Ankommen. Es geht nicht um Geschwindigkeit. Darf es, muss es aber nicht. Es geht um Entschleunigung. Um den Genuss. Sich etwa auf der Schwarzwaldhochstraße von Kurve zu Kurve zu wiegen, mit Feingefühl am Schalthebel den nächsten Gang einzulegen, immer und immer wieder im selben Rhythmus. Ein bisschen wie Meditation, ein Flow.
Auch deshalb, weil ein klassischer Elfer – wie in meinem Fall – im Vergleich zu aktuellen Fahrzeugen so minimalistisch ist. Die Essenz des Fahrens. Es braucht keinen Schnickschnack – okay, Radio sei erlaubt –, sondern nur das magische Drehen des Zündschlüssels auf der linken Seite, das heisere Röhren und den einzigartigen Geruch im Innenraum. Zusammen mit dem Grinsen und Winken der Menschen am Straßenrand entsteht daraus ein Momentum, das nur in Bewegung zu spüren ist. Eine gewisse Lebendigkeit, die beim reinen Betrachten von außen verstummen würde. Als liefe der Lieblingssong, aber so leise, dass man ihn kaum hören kann. Deshalb: regelmäßig laut links aufdrehen.
Warum die Sache mit dem Platztausch so friedlich abgelaufen ist? Im Handschuhfach liegt jedenfalls keiner dieser nützlichen Ratgeber, die zum Perspektivwechsel raten. Wenn sich ein Porsche bewegt, bewegt er automatisch alle. Das gilt links wie rechts.
Zugegeben, am Anfang fühlt sich das Beifahrerdasein an wie ein Gegenentwurf. Aber vielleicht ist es wirklich der wahre Luxus, die Dinge auch mal anders betrachten zu können. Der Horizont wird weiter, das Auge klebt nicht mehr magnetisch am Drehzahlmesser. Diese Weite braucht der Autor auch, nimmt er doch für das Pflegen Partei.
Sonntagspolitur, wo soll denn da das Problem sein? Machen doch fast alle. Aber es geht hier nicht um die höchste Pflegestufe, sondern um das noch größere Vergnügen, den Elfer zur Abwechslung einfach bloß anzustarren, statt ihn auszufahren.
Die schnelle Recherche wirkt beruhigend. Etliche Menschen auf der Welt stellen sich offenbar ihren Sportwagen ins Wohnzimmer, Jerry Seinfeld hat ihnen ein ganzes Stadthaus in Manhattan gebaut. Klar könnten sie auch bei jedem Concours d’Élégance mitmachen. Aber wenn schon Fingerabdrücke auf dem Lack, dann die eigenen.
Aber es reicht auch mal eine Weggabelung mit Baum und Parkbank auf der Schwäbischen Alb. Motor aus, Handbremse rein, Porsche-Idyll. Intensiv der Sonne zugucken, wie sie sich im Lack spiegelt. Und natürlich zu glauben, dass sie es ganz allein für dieses Auto tut.
Vermutlich hat die Freude am ungetrübten Glanz etwas mit frühkindlicher Prägung zu tun. Andere malträtierten ihre Matchbox-Autos in der Sandkiste, mein 550 von Siku glänzte lieber still für sich im Regal. Das hat sich im Maßstab eins zu eins fortgesetzt, der Beifahrer hat über seine Automobile auch zur Pflege der eigenen Seele gefunden. Natürlich muss es auch mal rasant oder schmutzig werden, das Leben ist ein Roadmovie. Erst das sorgt für die perfekte Porsche-Balance: Nur wer das Fahren kennt und liebt, kann sich auch mal mit dem Gucken begnügen. Mit Betonung nach links, zur fahrenden Kolumnistin: immer nur vorübergehend.