Einmal tief Luft holen. Druck baut sich auf. Dabei geht es diesmal doch gar nicht darum, wer links und wer rechts sitzen darf. Der wichtigste Passagier residiert ohnehin weiter hinten. Zwischen starken Schultern und beeindruckendem Heckflügel. Möchte der Turbo einen Meinungsbeitrag platzieren, kündigt er das mit einem leisen Pfeifen an.
Verleiht er seinen Argumenten etwas mehr Nachdruck, ist das nicht nur zu spüren, sondern gleich zu hören. Klangfarbe satt. Genau meine Tonlage. Etwas mit Herbert von Karajan gemeinsam zu haben, das schafft nur der Turbo. Wäre doch schön, wenn das auch auf den Fahrer abfärbt.
Samt einer Turbine, die auch das Mindset antreibt, alles aus sich herauszuholen. Vor allem aber souverän zu bleiben, auch wenn es um die Frage geht, die in dieser Kolumne zur Debatte steht. Echten Streit gibt es darüber bei Porsche nicht, nur einen Wettbewerb der persönlichen Vorlieben. Wer wie der Turbo als Synonym für die ganze Marke gilt, hört sich auch einen Sauger gelassen an. Protzen allerdings ist nicht sein Ding. Ein Turbo weiß ja, was er kann. Manchmal auch bloß, was er könnte. Wenn er denn wollte. Das hat auch am Lenkrad etwas Beruhigendes. Herrlich, sich auf diesen Kraftausdruck verlassen zu können.
Der Turbo (nicht etwa die Beifahrerin!) ist es, der nach Auseinandersetzung verlangt. Der Motor herrscht, aber er will auch beherrscht sein. Verlangt vom Fahrer, sich ernsthaft auf die gewaltigen Möglichkeiten einzulassen. Die ganze Kraft zu erahnen, sie im richtigen Augenblick dosiert zu entfesseln. Bloß nicht in ein Loch fallen. Dass die Atmosphäre trotzdem ein bisschen aufgeladen ist, bedingt sich rein technisch. Doch was kann es Schöneres geben, als am ganzen Drehzahlband entlang ausgiebig über heiße Luft zu reden? Mögen sich andere an der Zwangsbeatmung stören, versetzt genau das der Turbo-Fraktion den entscheidenden Kick.
Ein Schrei nach Leistung, geäußert in dieser so süchtig machenden, leicht heiseren Tonlage. Begleitet vom Schub eines ewigen Versprechens: Der Atem wird dem Turbo so schnell nicht ausgehen. Wie herrlich, einfach von Luft und Liebe zu leben.
Durchatmen. Ganz ohne Druck. Das zeichnet den klassischen Sauger aus. Und den Vorsatz der Beifahrerin für das Schreiben dieser Kolumne. Denn das Thema Turbo erzeugt natürlich einen gewissen Druck, ist es doch eine wunderbare Technologie.
Schnell kommt die Frage auf: Darf man dem ikonischen Turbo überhaupt etwas entgegensetzen? Die Antwort: Vielleicht geht es vielmehr darum, dem Sauger zu etwas mehr Selbstbewusstsein neben dem Turbo zu verhelfen. Schließlich hat er im direkten Vergleich eher das Image des „Turnbeutelvergessers“.
Tatsächlich wollen wir hier so authentisch und ehrlich bleiben, wie es der Sauger selbst auch ist. Vorhersehbare und kontrollierte Beschleunigung. Keine in Szene gesetzten Überraschungen. Mag langweilig klingen, es sind aber diese inneren Werte, die den Sauger so verführerisch machen. Er muss keine Muskeln spielen lassen, er braucht keine äußeren Erkennungsmerkmale als Statussymbol. Er protzt zwar mit mehr Hubraum unter der Haube. Aber das ist ja wohl klassisches Understatement.
In seinem Gemüt ist er völlig ausgeglichen. Kein Schwarz-Weiß-Denken. Kein Entweder-oder. Kein Warten bei niedrigen Drehzahlen auf den Höhepunkt. Okay, es fehlen die überwältigenden Glücksgefühle ab einer magischen Drehzahl. Dafür kicken die Endorphine schon mit dem ersten Streicheln des Gaspedals. Ohne Boost, aber mit Wumms.
Dem Gefühl von Freiheit sind keine Grenzen gesetzt. Schier unendlich scheint das Drehzahlband. Der Sauger lässt dir immer Luft zum Atmen. Und so viel Luft nach oben. Raum und Zeit für Gedanken, die keine Grenzen haben. Es ist mehr ein Dahingleiten, ein Schweben über den Dingen – ohne jeglichen Bruch.
Den soll es auch zwischen Fahrer und Beifahrerin nicht geben. Sauger und Turbo wissen jeweils um ihre Stärken, sind erwachsen genug, sich in ihrer Andersartigkeit zu tolerieren. Eine Eigenschaft, die längst nicht mehr selbstverständlich ist. Ganz abgesehen davon: Der Sauger lässt sich sowieso nie unter Druck setzen.