Bianca Leppert
· 22.12.2025
Es ist einer dieser flirrend heißen Sommertage. Sonnenstrahlen brechen durch die Luken des Heubodens und lassen den schwebenden Staub wie feinen Glitzer in der Luft tanzen. Die Jungs bewerfen sich gegenseitig mit Heu. Giggeln. Jagen sich über die alten Holzdielen, die unter ihren Schritten gefährlich knarzen. Bis plötzlich eine Stimme durch den Raum hallt: „Was macht ihr denn da? Ich hör euch doch!“
Mark Porsche hat gebaut, was für viele nur ein Gefühl bleibt: einen Ort, der das Vergangene in die Gegenwart holt. Die Flat6Ranch auf dem historischen Familienanwesen im österreichischen Bruck ist mehr als eine Hommage an seinen Vater F. A. Porsche
Vierzig Jahre später steht Mark Porsche, Sohn von Ferdinand Alexander Porsche, wieder auf genau diesen knarzenden Dielen. Und noch immer klingt die Stimme des Verwalters in seinen Ohren. Er lächelt – und denkt an jene Sommertage seiner Kindheit zurück. Der Heuboden war damals sein Abenteuerspielplatz – direkt neben dem kleinen Schloss Heuberg in Bruck bei Zell am See, in dem die Familie zurückgezogen, umgeben von grünen Wiesen und mit Blick auf die Berge, lebte. In den letzten Monaten war er oft hier – nun als Gestalter eines neuen Abenteuerspielplatzes. In der alten Scheune, die teils bis zu zwölf Meter hoch ist und insgesamt eine Fläche von fast 1.000 Quadratmetern hat, schafft er einen Ort, der an das Leben und die Werke seines Vaters erinnern soll.
Sonnenstrahlen brechen durch ie hohen Fenster des Heubodens und lassen den chwebenden Staub wie feinen Glitzer in der Luft
Am 11. Dezember wäre F. A. Porsche, von Vertrauten auch „Butzi“ genannt, 90 Jahre alt geworden. Er designte mit dem 911 eine Ikone für die Ewigkeit und entwarf mit dem 904 eines der schönsten Rennfahrzeuge. 1972 gründete er in Zell am See Porsche Design und setzte als Industriedesigner seine vielfach ausgezeichneten Visionen um. Was viele nicht wissen: Der vom reduzierten Bauhaus-Stil geprägte Kreative hatte eine Leidenschaft für Geländewagen wie den Willys Jeep, fuhr mit seinen Hunden gerne Land Rover Defender und hatte als Reiseauto auch mal einen Pontiac Station Wagon. „Der Hof und die traditionelle Landwirtschaft lagen ihm immer sehr am Herzen. Meine Mutter meinte einmal zu ihm: ‚Manchmal erinnerst du mich ein bisschen an John Wayne als dickköpfigen Rancher‘“, sagt Mark und lacht. „Deshalb nannten wir die Scheune, in der auch einige dieser Autos gelegentlich überwinterten, irgendwann nur noch die ‚Ranch‘.“
Hier lebt jemand genau das, wovon er spricht. Jedes Detail stammt aus seinem Kopf – durchdacht, bewusst gewählt und mit eigener Handschrift
Heute prangt das Logo „F6R“ auf Marks blauschwarzer Trucker Cap – es steht für „Flat 6 Ranch“. So nennt er die modernisierte Scheune, die ab Dezember als Eventlocation für Porsche-Clubs und Gleichgesinnte dienen soll. Daneben werden auch Autos seines Vaters wie der erste 904 Carrera GTS, ein Audi RS2 und der besagte Willys Jeep gezeigt. Folgt man dem 48-Jährigen mit olivfarbenem Longshirt, zerrissenen Jeans und dunklen Locken, die unter der Cap hervorlugen, durch das Gebäude, wird schnell klar: Hier lebt jemand genau das, wovon er spricht. Jedes Detail stammt aus seinem Kopf – durchdacht, bewusst gewählt und mit eigener Handschrift. Mit der Begeisterung eines kleinen Jungen erzählt er von der Modelleisenbahn, die rund um die drei Silos mit integrierter Bar fahren und Getränke transportieren soll. Schon sein Vater hatte ein Faible für Modelleisenbahnen. Auch die drei Silos standen früher schon hier – mussten aufgrund des strengen Geruchs zwar neu aufgebaut werden, tragen aber wieder die Originalbeschläge. Die Eventfläche selbst lässt sich über ein handbetriebenes Drehrad wie eine Ausziehcouch ein- und ausfahren – eine eigens dafür entwickelte Konstruktion. Im ehemaligen Pferdestall, heute ein Seminarraum, zeigt Mark stolz auf die dunkelgrünen Fliesen des Kachelofens: Sie haben die Form des 911. Nur eine sticht heraus – sie ist schwarz und entgegengesetzt angeordnet. „Den Bruch fand ich interessant“, sagt er.
Mark Porsche steht selbst für Kontraste. Ein Mann mit berühmtem Namen, Mitglied im Aufsichtsrat von MAN, Scania und Seat/Cupra – und zugleich jemand, der auf einer gemütlichen Eckbank in der Küche des Gutshofs bei Kaffee und Zwetschgenstreuselkuchen ganz bodenständig von seinen Ideen erzählt. Er erinnert sich an die Anfänge: Als die Vision der Flat 6 Ranch noch ganz frisch war, schlug ihm ein Architekt einen hochmodernen Fahrzeuglift und gläserne Erker in der Fassade vor, in denen die Autos wie Ausstellungsstücke hätten stehen sollen. „Das war aber etwas völlig anderes als das, was mir vorgeschwebt hatte“, sagt er und machte es ohne Architekten. Ihm ging es nie um moderne Perfektion, sondern um Atmosphäre – um Geschichten. Wie etwa im Weinkeller, dessen Gestaltung an den Film „Die drei Musketiere“ mit Gene Kelly erinnert – einen Film, der F. A. Porsche einst zum Fechtunterricht inspiriert hat. Oder im Obergeschoss, wo Teppiche, Tische und andere Einrichtungsstücke früher Mark und seinen Brüdern gehörten.
Zwölf Jahre sind vergangen seit der ersten Idee im Jahr 2012 bis zum Umbau. Der ist nun in den letzten Zügen. Weiße Stofftücher auf den Sofas der Empore – einer Lounge oberhalb der Silos – deuten an, dass der Countdown zur Eröffnung im Dezember läuft. Mark lehnt sich an das Geländer, sein Blick schweift über die Fläche. „Ich kann das noch gar nicht glauben“, sagt er leise. „Es ist wirklich so geworden, wie ich es mir immer vorgestellt habe.“ Man spürt es in jedem Winkel: Dieser Ort ist mehr als ein Projekt und schon gar kein Museum. Er ist gelebte Erinnerung – und vor allem eines: ein Ort mit Seele. Kein Wunder. Schließlich ist er aus der Fantasie eines Jungen entstanden, der hier schon vor 40 Jahren mit seinen Freunden gespielt hat.