Zagato ist ein lebender Porsche-Mythos, einer, der sich gekonnt selbst zitiert, denn der italienische Karosseriebauer will mit der Wiederauflage eines ganz besonderen Porsche-Modells an die Zusammenarbeit beider Marken erinnern. Um mehr über dieses Projekt zu erfahren, haben wir uns auf den Weg nach Mailandgemacht, um am Zagato-Stammsitz im Vorort Rho als weltweit erste Publikation zu erfahren, worum es sich handelt. Wer sich mit der Geschichte der Marke gut auskennt, wird wissen, dass es Anfang der 60er Jahre eine Kleinserie von 20 Porsche 356 Carrera Abarth GTL mit einer Karosserie von Zagato gab. Bei dem Auto, das heute unser Interesse weckt, handelt es sich aber um ein noch sehr viel selteneres Modell. Wir sprachen mit Zagatos CEO und Firmenerbe Dr. Andrea Zagato über seinen Plan: »Zagato hat in fast 100 Jahren knapp 400 verschiedene Automodelle entworfen und gebaut – sehr bekannte und einige weniger bekannte. Und nicht alle haben überlebt. So haben wir uns vor ein paar Jahren entschieden, für die Entwicklung der Marke wichtige Modelle unter bestimmten Voraussetzungen neu aufzulegen. Wir nennen das eine Sanction II.«
Innen und außen ist das Coupé eine reine Zagato-Kreation. Außer den Instrumenten ist nichts von der Serie übernommen.
Andrea Zagato nennt ein paar Bedingungen für eine solche Kleinserie: »Es müssen wichtige Modelle sein, die Weichen für die Designentwicklung unserer Marke gestellt haben.«
Und da spielt auch die Marke Porsche eine große Rolle. Ein kurzer Rückblick: Noch bevor die Zusammenarbeit mit Abarth Anfang der 60er Jahre zum Bau von 20 Porsche 356 Abarth Zagato GTL Coupés führte, begann die Verbindung zwischen Mailand und Stuttgart mit einer ganz besonderen Bestellung eines damaligen Porsche-Werksfahrers, des Franzosen Claude Storez. Der Sohn eines französischen Malers galt in Frankreich Mitte der 50er Jahre als einer der talentiertesten Fahrer und bestellte im Sommer 1958 einen neuen Porsche 356 A Speedster mit Carrera-GT-Motor. Nach Werksunterlagen wurde Fahrgestellnummer 84907 (mit Motornummer 91009) am 13. Mai 1958 ohne Innenausstattung und mit unlackierter Karosserie als produziert registriert, der Motoreinbau folgte am 20. Mai 1958. Anschließend wurde das unfertige Fahrzeug nach Mailand zu Zagato für den Aufbau der Sonderkarosserie geschickt. Im August kam 84907 noch einmal für letzte technische Überprüfungen ins Werk nach Stuttgart zurück, dann erfolgte die Auslieferung. Doch der kleine Wagen brachte dem Besitzer kein Glück: Im Februar 1959 erlitt der Franzose einen tödlichen Unfall bei der Routes-du-Nord-Rallye in Reims, bei dem der Zagato Speedster unwiederbringlich zerstört wurde.
Zagato ist eindeutig: »Es müssen bedeutende Modelle sein, und es darf kein Exemplar überlebt haben.«
Dieser Porsche 356 Carrera Speedster Zagato, der Anfang der Zusammenarbeit mit Porsche, erschien Andrea Zagato 2012 als ein würdiger Kandidat für den Nachbau einer Kleinserie von neun Fahrzeugen. Von Fotos wurde mit Hilfe des CAD-Verfahrens ein »Mathematical Master« erstellt. »Es war sofort klar, wie unterschiedlich der Speedster gegenüber den Porsche-Serienmodellen war. Er war sehr viel niedriger, die Front flacher, am Heck hatte er zur Stabilisierung kleine Heckflossen«, so Zagato. Ein einzelnes Foto erlaubte es den Mailänder Spezialisten, die außergewöhnlichen Türscharniere nachzumessen. Nicht ohne Stolz erklärt Zagato: »Porsche hat uns bei unseren Recherchen zum Speedster unterstützt und uns ein Gratulationsschreiben geschickt.« Die Kleinserie ist komplett ausverkauft. Bei unserem Besuch in Rho treffen wir auf zwei Speedster, die noch zu letzten Arbeiten im Werk sind. Was wir aber sehen wollen, ist der Prototyp einer neuen »Sanction II«, einer geschlossenen Version des Porsche 356 Carrera Zagato. Andrea Zagato erzählt: »Während unserer Recherchen zum Speedster sind wir in unseren eigenen Unterlagen auf ein paar Zeichnungen einer geschlossenen Version gestoßen, von der wir aber ansonsten nur sehr wenig wissen. Dieses Coupé ist sehr wichtig, stellt es doch das Bindeglied zwischen Storez’ Speedster und dem späteren Porsche 356 Abarth GTL Coupé dar.«
Die Zeichnungen des Coupés scannten die Mailänder Fachleute in den Computer und legten das gleiche Raster an wie bei den anderen Modellen. Nach einer aufwendigen Computerberechnung wurde ein Meisterbock mit CNC-Maschinen gefräst, auf dem die Karosseriespezialisten von Hand die Karosserie aus leichtem Aluminium gedengelt haben. Und nun wartet das Ergebnis auf uns. Firmenchef Zagato bittet uns hinter die Tür mit der Aufschrift »Warning – no entry«. Wir sehen zum ersten Mal das neue Porsche 356 Carrera Coupé Zagato mit unseren eigenen Augen. Es ist beinahe wie bei einem Neufahrzeugdebüt. Unter dem Auto liegen noch die Mechaniker und bringen letzte Dinge an. Nicht nur wir sehen heute als weltweit erstes Magazin dieses Auto, sondern für den Nachmittag haben sich auch zwei potenzielle Kunden für dieses wunderbare Relikt aus einer besseren Zeit angemeldet. »Wir bauen auch hier neun Fahrzeuge«, sagt Andrea. »Und fast alle sind verkauft. Aber eben nur fast.«
Der Preis? Darüber sollte man eigentlich nicht reden. Doch Andrea Zagato macht es in aller italienischer Gelassenheit.
Das komplett in Silber gehaltene Coupé wirkt selbstbewusst und überzeugend. Es ist deutlich schlanker und auch »optisch leichter« als das zugrunde liegende Serienmodell. »Die Front lag meinem Vater Elio besonders am Herzen. Das beim 356er Serienmodell ziemlich aufrecht im Kofferraum stehende Reserverad musste beim Coupé Zagato liegend untergebracht werden, um einen besonders niedrige Vorderbau zu schaffen.« Die rundliche Front dominieren die nur leicht hervorragenden Kotflügel mit aerodynamisch integrierten Frontscheinwerfern und darunter liegenden Frischlufteinlässen. Die Scheinwerfer sind in ihren Plexiglashutzen leicht zurückgesetzt, was sie stilistisch interessanter macht.
In der Seitenansicht verfügt das Coupé wie auch der Speedster über eine verführerische und prononcierte Schulterlinie, die bis zum hinteren Ende der Türen leicht abfällt, um dann in einem großen Bogen die hinteren Räder zu umschließen. Die Fensterflächen sind länger und niedriger, das hintere Fenster mit seinem kecken Unterschwung spiegelt den Beginn der hinteren Kotflügellinie wider. Das Heck fällt beinahe wie ein amerikanisches Fastback in einer geschwungenen Rundung des Künstlers zum Heckabschluss ohne Stoßfänger ab. Zwei getrennte Belüftungsgrills der steiler stehenden Motorabdeckung lassen klar die Porsche-Wurzeln erkennen, der serienmäßige 1,5-Liter-Carrera-Motor atmet hier über ein zentral angeordnetes Auspuffrohr aus. Einzig die uninspiriert wirkenden viereckigen Heckleuchten lassen erkennen, das beim Original auf vorhandenes Material zurückgegriffen wurde, hier könnte man sich heute vielleicht eine stimmigere Lösung vorstellen. Der Innenraum ist im 356-Stil spartanisch, aber durch seine Reduktion auf das Wesentliche auch besonders ansprechend. Hinter dem Dreispeichenholzlenkrad von Nardi präsentieren sich im Armaturenbrett ganz aus Metall drei große Rundinstrumente mit der klassischen grünen Beschriftung. Links ein Kombiinstrument mit Tank- und Öltemperaturanzeige, daneben der Tacho und ganz rechts der Drehzahlmesser. Gestartet wird mit einem rechts vom Fahrer in Armaturenbrettmitte platzierten Schlüssel.
Bleibt nur noch die unangenehme Frage nach den Kosten, die Andrea Zagato italienisch-gelassen beantwortet: »Für einen 356 B von 1959 als Basis muss ein Kunde heute schon mit rund 100.000 Euro rechnen. Der Preis für einen Umbau zum Coupé Zagato liegt dann natürlich gänzlich an den Wünschen des Kunden, aber gemessen am Zeitaufwand muss man mit rund 300.000 Euro rechnen.« Eine Wertsteigerung dürfte gewiss sein.