PORSCHE 356 HARDTOP COUPÉ - DAS SAHNESTÜCK

Jürgen Pander

 · 06.10.2026

Der Großvater inmitten seiner Enkel – das Foto entstand im Porsche Zentrum Bremen. Auch zwischen den  fabrikneuen Modellen macht das
356 B Hardtop Coupé von 1962 eine prima Figur.
Foto: Thorsten Doerk
In der Historie des Porsche 356 nimmt das Hardtop Coupé eine Sonderrolle ein. Lediglich 1747 Exemplare wurden in den Jahren 1961 und 1962 gebaut, ein Auto davon ist seit wenigen Monaten wieder fahrbereit. Hier ist seine abenteuerliche Geschichte.

So richtig erklären konnte sich das keiner in Zuffenhausen. Warum ließ Anfang der Sechzigerjahre die Nachfrage nach der Cabriovariante des Porsche 356 nach? Und zwar deutlich. Anstatt nach den Ursachen zu forschen, was an der Situation nichts geändert hätte, reagierten die Verantwortlichen pragmatisch. Im Karosseriewerk Karmann in Osnabrück, wo bis dahin bereits Cabriolets der Baureihe 356 B gefertigt wurden, entstanden fortan zwei Modelle: eben das Cabriolet und als neue Variante das sogenannte Hardtop Coupé, auch als „Notchback“ bekannt. Der Clou des Autos war die Kombination der Cabriolet-Rohkarosserie mit dem Hardtop aus Stahl, das in diesem Fall fest mit dem Fahrzeugkörper verschweißt wurde.

Die neue Modellvariante löste zwar den Absatzstau bei den offenen 356ern auf, doch ein Überflieger wurde auch dieses Auto nicht. Jedenfalls nicht, was die Stückzahlen betrifft. Lediglich 1747 Exemplare, manche Quellen sprechen von rund 2200, wurden produziert. Der kleine Buckel an der Heckpartie, sozusagen ein Stufenheck wider Willen, der das Hardtop Coupé auf den ersten Blick von allen anderen 356ern unterscheidet, gefiel nicht allen. Für andere wiederum macht genau dieser kleine Knick in der Optik den Reiz dieses Wagens aus.

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„Ich mag es, wenn Autos eine Persönlichkeit ausstrahlen, und das tut das 356 Hardtop Coupé ohne jeden Zweifel“, sagt zum Beispiel Jan Adams. Der 46-Jährige aus Berne an der Weser, zwischen Bremen und Oldenburg gelegen, Gründer der auf Porsche- und VW-Käfer-Modelle spezialisierten Werkstatt Retrotec, ist in der Szene kein Unbekannter. Vor allem aber hat er jüngst eines der sehr seltenen Hardtop Coupés auf höchst abenteuerliche Weise ergattert und anschließend wieder fahrtüchtig gemacht. Inzwischen steht der Oldie, gut 64 Jahre nach seiner Erstauslieferung, in bestem und vor allem noch nahezu originalem Zustand in der Fachwerkgarage eines befreundeten Sammlers in Niedersachsen. Das schattige Idyll – alter Baumbestand, gepflasterter Hof, reetgedeckte Gebäude – passt einerseits prima zum gediegenen Sportwagen mit dem Boxerherzen, andererseits auch wieder gar nicht. Denn die Story, wie das Auto hierher gelangte, war nach den Worten von Adams „eigentlich unglaublich, ein richtiger Krimi“.

ABTRANSPORT SOFORT, NUR BARZAHLUNG MÖGLICH

Der Krimi begann vor knapp einem Jahr mit einer Veröffentlichung des Amtsgerichts Büdingen in der Zeitschrift „Motor Klassik“. Dort wurde eine Räumungsgutversteigerung in Glauburg im hessischen Wetteraukreis angekündigt. Am Tag der Versteigerung, es war der 31. Oktober 2025, ein Freitag, so hieß es weiter, könnten die Fahrzeuge, die unter den Hammer kommen sollten, „ab 9.30 Uhr in Augenschein genommen werden“. Für 10 Uhr war der Beginn der Versteigerung angesetzt. Und ein paar Bedingungen gab es auch noch: Der Abtransport der ersteigerten Wagen müsse noch am gleichen Tag erfolgen, und zwar in Eigenregie der neuen Besitzer, die aufgefordert wurden: „Entsprechende Transportmöglichkeiten und technische Hilfsmittel sind zu dem Termin mitzubringen.“ Was der Anzeigentext auch noch erwähnte: „Fahrzeugpapiere sind keine vorhanden.“ Und außerdem: „Nur Barzahlung möglich.“

OFFENSICHTLICH FALSCHE ANGABEN

Das klang schon mal bizarr und exzentrisch. „Aber so richtig seltsam wurde es“, erinnert sich Jan Adams, „als ich mir die Liste mit den Autos, die versteigert werden sollten, genauer angeschaut habe.“ Insgesamt 13 Modelle waren aufgelistet: drei Opel, drei Mercedes-Benz, ein BMW, ein Simca, zwei Aero (ein tschechischer Automobilhersteller) und drei Porsche. „Als letztes Modell war ein ‚Porsche C Hardtop-Coupé, Baujahr zw. 1963–1965‘ aufgeführt. Ich wusste gleich, dass diese Angaben nicht stimmen konnten. Und ich wusste, dass ich mir diese Veranstaltung auf keinen Fall entgehen lassen würde, weil mich exakt dieses Auto brennend interessierte“, sagt Adams.

Der 31. Oktober war ein feuchtkühler Herbsttag in Glauburg. Adams hat mit dem Handy ein paar Videos aufgenommen, gleich früh am Morgen, nachdem er vor Ort angekommen war. Auf den Bildern sieht man sehr viele Menschen in wattierten Jacken, die sich vor einer etwas heruntergekommen wirkenden Halle außerhalb von Glauburg drängen. Außerdem gibt es Szenen – Jan Adams hatte es da schon geschafft, sich in die Halle zu drängen – die zeigen, dass da eingestaubte Autoklassiker dicht an dicht nebeneinander aufgereiht an der hinteren Hallenwand stehen. Opel Olympia, Mercedes Pagode, BMW 326 und auch der Porsche, auf den es Adams abgesehen hatte.

„Ich habe das Auto sofort abgescannt“, erinnert sich Adams. Er prüfte die Fahrgestell- und Motornummer; er begutachtete den Lack, der unter einer dicken Staubschicht hier und da Flecken zeigte, vermutlich verursacht durch eine Folie, mit der das Auto abgedeckt war. Aus den Reifen war die Luft raus, logisch. Während der kurzen, aber intensiven Begutachtung wurde allmählich klar, um was für ein Auto es sich tatsächlich handelte: einen Porsche 356 B 1600 Super 90 Hardtop Coupé aus dem Baujahr 1962.

JAHRZEHNTELANG SICH SELBST ÜBERLASSEN

Der Wagen war, wie alle anderen Autos in der Halle auch, seit Jahrzehnten nicht mehr bewegt worden. Das hier war die Autosammlung eines inzwischen hochbetagten Mannes, der seine Schätze vor vielen Jahren hier abgestellt und sich selbst überlassen hatte. Nun jedoch hatte der Besitzer der Halle offenbar andere Pläne mit seiner Immobilie, hatte dem Autosammler den Mietvertrag gekündigt, doch der Mann wusste einfach nicht, wohin mit den Fahrzeugen. Damit kam das Amtsgericht ins Spiel, und in der Folge wurden die Autoklassiker zum Räumungsgut, das jetzt versteigert werden sollte.

Punkt 10 Uhr begann die Auktion. Eine Frau stieg auf einen Gartenstuhl und rief das erste Los auf, es folgten nach und nach Gebote aus dem dicht gedrängt stehenden Publikum. Als zehntes Fahrzeug an diesem denkwürdigen Vormittag am Rande von Glauberg kam das Porsche Hardtop Coupé unter den Hammer. Für Adams ging es um alles oder nichts. Er rief seine Gebote, die Konkurrenten stiegen nach und nach aus, Adams ging noch einmal deutlich höher – und erhielt den Zuschlag.

PREIS SOLL GEHEIM BLEIBEN

Wie viel Bargeld in dem braunen Umschlag steckte, den er schließlich auf den Tisch der Auktionatorin legte, möchte Adams nicht sagen. „Es war viel Geld, für kein anderes Auto der Versteigerung wurde eine höhere Summe gezahlt. Aber es war ein superfairer Preis“, erklärt er. Um einen ungefähren Richtwert zu haben: Im Internet wird ab und an eines der wenigen Porsche 356 Hardtop Coupés in gutem Zustand zu Preisen ab etwa 100.000 Euro angeboten. Wobei das Auto, um das es hier geht, vermutlich wertvoller ist, denn es handelt sich um ein tatsächlich außergewöhnliches Exemplar eines ohnehin schon seltenen Fahrzeugs.

Die Spur des Wagens lässt sich zurückverfolgen bis zum 5. Januar 1962. An diesem Tag wurde bei Porsche die Fahrzeugkarte ausgestellt. Als Karosseriefarbe ist „elfenbein 6204“ eingetragen, als Polsterung „K’leder rot“, als Sonderausstattung vermerkt sind „1 Außenspiegel, 1 Becker-Radio, 2 Lautsprecher, 1 Antenne“. Und was man noch erfährt auf diesem Dokument: Das Auto wurde über den dänischen Porsche-Händler Skandinavisk Motor in Kopenhagen an W.F. Bethard ausgeliefert, wohnhaft im Küstenstädtchen La Jolla im US-Staat Kalifornien. Dort im Süden, nahe der Grenze zu Mexiko, hatte Mister Bethard damals, in den Sechzigerjahren, gewiss viel Spaß mit seinem schicken Sportwagen made in Germany. Genaueres ist jedoch nicht bekannt. Bis auf die Tatsache, dass die Zulassung des Autos im Januar 1989 ablief. Das lässt sich am kalifornischen Kennzeichen ablesen, das auch in Glauburg noch im Auto lag und das links oben den roten Aufkleber „JAN“ trug (rot war im Jahr 1989 die Vignettenfarbe in Kalifornien).

NAME AUF DEM NUMMERNSCHILD

„Dieses ‚JAN‘“, sagt Jan Adams, „habe ich als zusätzlichen Wink interpretiert. Wenn sogar auf dem Nummernschild mein Name steht, dann sollte es wohl so sein, dass der Wagen irgendwann bei mir landet.“ Dazwischen allerdings, also zwischen 1989, dem Jahr, als das Hardtop Coupé wieder zurück nach Deutschland kam und in einer Halle im Hessischen verschwand, und dem Tag, als Jan Adams den Wagen ersteigerte, lagen 36 Jahre.

„Man muss sich das mal vorstellen! Fast ein halbes Menschenleben lang wurde das Auto nicht bewegt“, sagt Adams. Mit Hilfe eines Freundes und dessen Abschleppwagen wurde der Porsche 356, dessen Reifen vorher vorsichtig wieder Luft erhalten hatten, aus der Halle bugsiert. Dann auf einen Trailer. Und dann nach Berne, in die Werkstatt der Firma Retrotec, mit der sich Jan Adams 2019 selbständig gemacht hatte.

MOTOR ZERLEGT UND WIEDER ZUSAMMENGESETZT

Das Auto war damit wieder in kundige Hände gelangt. Und Adams’ Hände hatten einmal mehr eine neue Herausforderung. Denn er hatte sich in den Kopf gesetzt, den Wagen, der sich für eine derart lange Standzeit in einem außergewöhnlich guten Zustand befand, bei der Bremen Classic Motorshow zu zeigen, die für Ende Januar terminiert war. Anders gesagt: Es gab eine Menge zu tun. Der Lack wurde gereinigt. Der Motor wurde zerlegt, gesäubert und wieder zusammengesetzt. Neue Schläuche und Dichtungen wurden eingesetzt, der Unterboden wurde eisgestrahlt und natürlich sämtliche Öle und Flüssigkeiten erneuert. Die nötigen Eingriffe blieben überschaubar: Ein neuer Tank musste eingebaut werden, weil der alte undicht war. Und der Boden des Batteriekastens war durchgerostet, deshalb wurde ein neuer eingesetzt. „Allerdings an den alten Schweißpunkten“, wie Adams betont. Er liebt die Originalität. Weshalb auch im Innenraum, der lediglich einmal gründlich gereinigt werden musste, keinerlei Veränderungen vorgenommen wurden.

Am 29. Januar, einen Tag vor Beginn der Classic Motorshow, rollte das 356 Hardtop Coupé in die Bremer Messehallen. Es war die erste Fahrt aus eigener Kraft seit sehr langer Zeit. Und es sind inzwischen etliche weitere Kilometer hinzugekommen. Jan Adams berichtet, dass sich der Wagen ausgesprochen spritzig und dynamisch bewegen lässt. „Fahrerisch könnte das Auto auch ein Modell aus den Neunzigerjahren sein“, erklärt er, und schränkt dann ein wenig ein: „Jedenfalls merkt man in keiner Sekunde, dass dieser Wagen tatsächlich schon 64 Jahre auf dem Buckel hat.“ Und zwar auf einem ganz besonderen Buckel. Mit einer kleinen Welle zwischen Dachaufbau und Karosserie, die den Charme des Autos so außergewöhnlich macht.

​Erschienen in Ausgabe 6-2026

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