Eine Fahrt nach Arrode im Kreis Gütersloh auf den Spuren Peter August Böckstiegels, des westfälischen Expressionisten, vielseitig in seinem Werk, Maler, Bildhauer, Grafiker. Wie PAB die Landschaft, das einfache Leben der Bauern und die vielen Details in der Natur wahrnahm, wie dieses erdverbundene Leben ihm zu einem Quell der Inspiration wurde, aus dem er reich schöpfte, lässt sich an diesem Ort wunderbar erleben.
Die Fahrt zum Peter-August-Böckstiegel-Haus, dem Geburtshaus des vielseitigen Künstlers, führt durch den Ortskern Werthers. Den Wegweisern des Hauses folgend, passiere ich malerische schmale Gassen, mit kleinen Läden und Gastronomie, schöne, gepflegte Häuser,
die Luft ist erfüllt von Spatzengezwitscher. Urlaubsatmosphäre kommt auf, und während der 356 sich wendig durch die Straßen bewegt, steigt die Erwartung, das markante Haus bald zu erblicken. Hinter grünen Hügeln findet sich der erste Hinweis auf den Böckstiegel-Pfad, den Besucher einladend, dem Werk des Künstlers näherzukommen, der hier den Großteil seines Lebens verbrachte. Seinen Eindrücken und Blicken zu folgen, die nach Jahrzehnten nahezu unverändert nachempfunden werden können. Zur Linken erscheint nun das bezaubernde Haus. In kraftvollem Ziegelrot hebt es sich von der grünen Umgebung deutlich ab, die blauen Flügeltüren und zwei gelbe Klappstühle setzen leuchtende Akzente, die den Betrachter auf den ersten Blick erfreuen. Dieses Haus, eine bauliche Verbindung aus Kotten und Atelier, von Peter August Böckstiegel im Laufe seines Lebens zu einem Gesamtkunstwerk gestaltet, lädt augenblicklich ein, näher zu kommen, zu erkunden, was es mit den fröhlichen Farben auf sich hat, und einen Moment zu verweilen.
Im komplementären Grün erlaube ich mir, unter einem der Sprossenfenster zu halten, und frage mich währenddessen, was PAB wohl von unserem 356 Cabriolet SC gehalten hätte. Weite Strecken musste der Künstler in seiner Jugend zurücklegen, um seine Ausbildung verwirklichen zu können. »Wie oft habe ich mit meinem Vater am frühen morgen das besäte Feld eingeeggt. Die Sonne stand blutrot am Himmel, die reine klare Morgenluft tief in die Brust einatmend, der Lerche Lied begleitete uns Schritt um Schritt, Feld auf und ab, unsere Körper dampften. Eine kräftige Nahrung, dazu die herrlich frisch gemolkene Milchsuppe und Schwarzbrot als Stärkung, und fort ging es zur Kunstgewerbeschule nach Bielefeld. Saß dann um 6 Uhr früh in der Schule allein vor meiner gestellten Arbeit, 10 Uhr abends wieder in Arrode«, erinnert sich PAB am Ende seines Lebens.
Ein Blick auf die Karte verrät, dass es knapp 27 Kilometer Fußweg bedeutete, die Kunstgewerbeschule in Bielefeld, die er in den Jahren 1907 bis 1913 besuchte, zu erreichen.
Ungewöhnlich für diese Zeit und seine Herkunft folgte er zielstrebig einem Lebensweg, zu dem er sich schon in seinen Kindertagen berufen fühlte: »In der Einsamkeit von Arrode, ein Landstrich am Teutoburger Walde, entstanden meine ersten Zeichen- und Malversuche als kleiner Bauernjunge. Die große Natur in all ihren Wechselwirkungen: Sonne, Wind, Regen und Schnee, entzündeten die innere Triebkraft, die suchenden Augen, die drängende Seele zur brennenden Flamme.« So formulierte Böckstiegel in der pathetischen Sprache des Expressionismus seine enge Bindung an Arrode. Schon als Schüler zeichnete er Feld, Wald, Tier und Mensch, Geschichten aus dem Alten Testament wie Josef und seine Brüder, den Turmbau zu Babel oder den Zug durchs Rote Meer und half den Eltern bei der Feldarbeit.
»Herrlich war es, wenn die Nachbarbauern mit dem Dreschflügel zum Dreschen kamen. Die Spätherbst- und Wintersonne leuchtete in die offene Deele, wo im goldenen Glanze die Garben ausgebreitet wurden.« Peter August Böckstiegel
Die Eltern, insbesondere seine Mutter, unterstützen ihren Sohn in seinem künstlerischen Schaffen nach Kräften, und das Werk Böckstiegels zeugt in vielen Arbeiten und Aufzeichnungen von der liebevollen Dankbarkeit, die er für seine Eltern empfand.
Vieles gibt es in dem Geburtshaus Böckstiegels zu entdecken, der hier seine Wurzeln kraftvoll spürte. Hier verbrachte er auch weiterhin die Sommermonate, nachdem er 1913 Westfalen verlassen hatte, um sein Studium an der Kunstakademie in Dresden fortzusetzen. In Dresden fand er nicht mehr den erhofften Geist der »Brücke«-Maler vor, und auch die Akademie konnte wenig Anregendes bieten. »Alles war Schulmeisterei, ohne eine lebendige Geisteswelt«, kommentierte Böckstiegel später. Doch begegnete er Conrad Felixmüller, der ein wichtiger Lebensbegleiter und – später – sein Schwager wurde. David Riedel, künstlerischer Leiter des Hauses erklärt: »Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg verbrachte Böckstiegel zwischen Dresden und Westfalen, war als freischaffender Künstler in den 1920er-Jahren ein äußerst umtriebiger Vermittler seines Schaffens und auf vielen Ausstellungen in ganz Deutschland präsent. Erst der Beginn der NS-Diktatur schränkte sein Schaffen ein, knapp 100 Werke von ihm wurden im Zuge der Aktion ›Entartete Kunst‹ aus deutschen Museen geraubt, die allermeisten davon gelten bis heute als verschollen.«
In bunten Lettern schmückt das Lebensmotto des Künstlers das Haus: »Was wahr ist klar, denn nur der Klare sieht das Wahre.«
Nach 1945, der Zerstörung seines Dresdner Ateliers und des Hauptteils seiner Werke, zog PAB ganz nach Arrode, wo er sich mit neuen Techniken – Mosaiken und Glasmalerei – befasste. Zudem schuf er, wie schon zuvor, aus heimatverbundenen Materialien, wie der Ziegelerde, »heimatbodenschwere Menschenantlitze«. Zum Peter-August-Böckstiegel-Haus gehören nicht nur die Werke Böckstiegels, sondern auch die private Sammlung des Künstlers: August Gaul, Georg Kolbe, Ernst Barlach, Wilhelm Lehmbruck, Edvard Munch und Werke seines Schwagers Conrad Felixmüller. Neben dem Geburtshaus wächst seit dem Frühjahr 2016 ein moderner Museumsbau, der im kommenden Jahr eröffnet wird.
David Riedel arbeitet auf Hochtouren an den geplanten Ausstellungen der kommenden Jahre und erläutert: »Diese sollen dem Museum ein eigenes Profil geben: Der Blick soll immer wieder auf Böckstiegel, jedoch auch auf Zeitgenossen, Freunde und Vorbilder gerichtet werden, auf die Spuren der Avantgarde in Westfalen und auf die großen Vertreter des deutschen Expressionismus. So kann das Ensemble von altem Künstlerhaus und neuem Museumsbau in Zukunft das Werk Böckstiegels erhalten, zeigen und unter musealen Bedingungen an Kinder und Erwachsene vermitteln.« Nach diesem wunderbaren Besuch verlassen der 356 und ich diese eindrucksvolle Welt der Farben in Richtung Hügellandschaft, und das wogende Grün, das die Straßen säumt, leuchtet so wunderbar im Abendlicht, dass ich noch einmal am Wegesrand halten muss, um die malerische Landschaft und ihr Farbenspiel zu verinnerlichen. Ganz im Sinne Böckstiegels.