HERBERT AUSTWER WAR DER SCHÖPFER?

Matthias Kriegel

 · 26.10.2026

Herbert Austs Entwurf von 1951 (oben) für einen 356-Prospekt ist für seinen Sohn Joachim der Beweis: Sein Vater ist Urheber des heutigen Porsche-Schriftzugs | Privat, Unternehmensarchiv
Porsche AG
Im Sommer 2023 entdeckt Joachim Aust ein Schriftstück, das den Grafikdesigner Erich Strenger als einen der Urheber des Porsche-Schriftzugs ausweist. Doch Aust ist überzeugt: Das war sein Vater. Seine Recherche führt ihn zu unbekannten Dokumenten – Zeugnisse, die der Porsche-Geschichte eine andere Wendung hätten geben können.

„Jetzt reicht’s!“

Es ist dieser Gedanke, der den Anfang bildet für die Recherchereise des Dr. Joachim Aust, die bis an die Anfänge der Marke Porsche zurückreicht. Eine Recherche, die bisher Ungesehenes hervorbringt. Und der eine Frage zugrunde liegt: Wer ist der Urheber des Porsche-Schriftzugs, wie wir ihn heute kennen? Es ist ein Sommertag im Jahr 2023, Joachim Aust sitzt auf seiner Terrasse im baden-württembergischen Bad Dürrheim und blättert durch die Tageszeitung Neckarquelle. Ein Beileger fällt ihm in die Hand – Anlass ist das 75-jährige Jubiläum der Sportwagenmarke Porsche. Ein Artikel trägt die Überschrift: „Die Porsche-Schriftarten – Zeitlose grafische Dynamik.“ Im Zentrum steht das Corporate Design des Herstellers. Als Aust zur Passage über die Entstehung des Porsche-Schriftzugs kommt, wird er stutzig: Der Grafikdesigner Erich Strenger sei „maßgeblich am Entwurf des zeitlosen Porsche-Schriftzugs beteiligt“ gewesen, heißt es dort. Aust denkt: „Das war doch eigentlich mein Vater.“ Aber was führt ihn zu der Annahme? „Ganz einfach“, sagt der 78-Jährige mit einem freundlichen Blick, dann in bestimmtem Ton: „Weil in meinem Büro der Originalentwurf meines Vaters hängt.“ Sein Vater, das ist Herbert Aust, geboren 1919, war Anfang der 1950er-Jahre bei der Tübinger Grafikagentur Gebr. Metz beschäftigt – und dort auch im Auftrag von Porsche tätig. Bislang ging Joachim Aust davon aus, auch der Schriftzug gehöre zum Werk seines Vaters. Nun will er es genau wissen: Er durchforstet das Privatarchiv des Seniors, befragt seine Geschwister, verbringt Stunden mit Recherchen im Internet. Und was er zutage fördert, ist ein Stück verborgene Porsche-Geschichte.

Ein Originalentwurf als Beweis

Zweifellos: Erich Strenger war von 1951 bis in die 1980er-Jahre für Porsche tätig und prägte die grafische DNA der Marke wie kaum ein Zweiter. Doch gehörte auch der Schriftzug zu seinem Werk? Selbst die Meldung, die Aust gelesen hat, spricht nur von einer „Beteiligung“. In Joachim Austs Büro hängt allerdings heute noch der „wichtigste Beleg, der Originalentwurf des Schriftzugs, wie wir ihn heute kennen.“ Man sieht die Silhouette eines 356, darunter der Schriftzug „Porsche“. Die Verwandtschaft zur heutigen Form ist unverkennbar. „Im 356-Prospekt für die erste IAA in Frankfurt 1951 wurde exakt das Design dieses Originalentwurfs über meinem Schreibtisch übernommen, und der Auftrag dazu ergab sich aus einem Porsche-Schreiben vom 18.1.1951 mit der Fristsetzung ‚spätestens zur IAA im April‘.“

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Dieser Entwurf ist nur eines von zahlreichen Dokumenten aus dem Nachlass von Herbert Aust, die PORSCHE KLASSIK vorliegen: Schriftwechsel, Rechnungen, Entwürfe – sie belegen sein Wirken für Porsche. Darunter eine Auftragsbestätigung aus dem Januar 1951 sowie ein Schreiben von Porsche an die Gebr. Metz zum Namenszug „Porsche“ für Zeitungsanzeigen: „Der Klischee-Entwurf ‚Porsche‘ mit Namenszug ‚Porsche‘ findet in der vorgelegten Form unseren Beifall (…). Wir bitten, diesen Auftrag sofort zu erledigen.“

Nachforschungen im Archiv

Es ist ein Fall, in dem Nuancen darüber entscheiden könnten, ob Herbert Aust posthum als Schöpfer des Porsche-Schriftzugs anerkannt wird. Um Gewissheit zu erlangen, reist Joachim Aust nach Stuttgart- Zuffenhausen, ins Unternehmensarchiv von Porsche. Auch Frank Jung, Leiter des Archivs und der Sammlungen, hatte sich im Vorfeld mit der Thematik befasst – schließlich schien hier eine Korrektur der Firmengeschichte möglich. „Herr Jung hatte unter anderem Weihnachtskarten gefunden, die mein Vater bei Metz in Tübingen gestaltet hatte, auch der 356-Prospekt war noch im Archiv“, sagt Aust. „Das Problem war: Der Porsche-Schriftzug auf dem Entwurf sei aufgeklebt – und es ließe sich nicht nachweisen, wann das geschah. Tatsächlich bekräftigte aber ein Drucker im Nachgang, dass das damals durchaus gängige Praxis war.“

„Wir können so etwas nur verifizieren, wenn die Faktenlage zu 100 Prozent klar ist“, erklärt Frank Jung. „In diesem Fall fehlten uns die Dokumente, die das zweifelsfrei belegen. Allerdings lassen sich im Gegensatz zum aufgeklebten Schriftzug an der Grafik des Wagens Änderungen von Hand erkennen, was deutlicher für eine eigene schöpferische Leistung spricht. Außerdem liegen uns Unterlagen zum Porsche Typ 7 vor, die schon in den 1930-Jahren einen Schriftzug zeigen, der ebenfalls eine Verwandtschaft zu allen nach- folgenden Varianten aufweist.“ (Mehr zur Arbeitsweise des Unternehmensarchivs im Interview mit Frank Jung ab S. 54). Ähnliches gilt für technische Zeichnungen aus dem Jahr 1948 und auch für den Schriftzug des 356 „Nr. 1“ Roadster. „Dementsprechend könnte man auch beim Entwurf von 1951 von einer Überarbeitung der Vorentwürfe sprechen“, so Jung. Anpassungen im Laufe der Jahre sind ohnehin üblich. So engagierte Porsche 1990 den Grafikdesigner und Typografen Kurt Weidemann, der die Porsche-Schrift behutsam optimierte, damit sie sich vor allem auf bewegten Objekten besser lesen lässt. Doch Weidemann veränderte nicht den Charakter der Schrift – er entwickelte ihn weiter. Eine Evolution.

Sind die Nuancen entscheidend?

Joachim Aust sieht das anders. Er sieht die Nuancen. „Beim 356 ‚Nr. 1‘ Roadster etwa ist das ‚O‘ noch rund. Im Entwurf meines Vaters aber ist es aufgeweitet, so wie wir es auch heute kennen“, sagt er. „Es ist offensichtlich, dass er selbst schon im Januar 1951 mit einer eher rundlichen und einer eher kantigen Ausgestaltung der Buchstaben gespielt hat.“ Ein Punkt für Joachim Aust: Bei genauerem Hinsehen wirken auch die Lettern in den Dokumenten aus den 1930er- und 1940er-Jahren tatsächlich runder. Doch beweist das, dass Herbert Aust der Urheber des modernen Schriftzugs war? „Ich bin mir sicher“, sagt Joachim Aust. „Es gibt sogar eine Rechnung, auf der meine Mutter handschriftlich den Geldeingang vermerkt hat. Der Auftrag wurde also erfüllt.“

„Natürlich wären auch wir daran interessiert, hier eine klare Antwort zu finden“, sagt Frank Jung. „Wir finden es immer spannend, neue Geschichten zu erfahren und die Personen dahinter kennenzulernen zu dürfen. So auch die Geschichte von Herrn Aust, der die grafische Erscheinung von Porsche in Einladungen, Anzeigen und Prospekten in der frühen Zeit von Porsche in Stuttgart sicherlich deutlich beeinflusst hat.“ Bislang formuliert das Unternehmensarchiv zum Porsche-Schriftzug jedoch nach wie vor folgende Botschaft: Erich Strenger war maßgeblich an der Entstehung beteiligt. „Sollte Herr Aust im Nachlass seines Vaters noch Dokumente finden, die sein Anliegen zweifelsfrei belegen, würden wir diesen Punkt selbstverständlich korrigieren.“

ÜBER JAHR ZEHNTE HAT SICH DER PORSCHE-SCHRIFTZUG IMMER WIEDER LEICHT VER ÄNDERT. DOCH DIE PORSCHE-DNA WURDE IMMER GEWAHRT

Joachim Aust blickt mit gemischten Gefühlen auf die Sachlage. Was sich objektiv nach heutigem Stand festhalten lässt: Von den Skizzen der 1930er- über Austs Entwürfe der 1950er- bis zu Weidemanns Überarbeitung in den 1990er-Jahren wurde der Porsche-Schriftzug immer wieder modifiziert. Und vieles spricht dafür, dass auch Herbert Aust seine Finger im Spiel hatte. Doch ganz gleich, welchen Schriftzug man betrachtet – stets ist auch eine Verwandtschaft zu erkennen: die Porsche-DNA als kleinster gemeinsamer Nenner.

Verborgene Entwürfe

Doch es kam noch etwas anderes ans Licht während der Recherchereise von Joachim Aust. Dokumente, die unter Umständen das Corporate Design von Porsche stärker verändert hätten als ein Schriftzug. Die Rede ist von Entwürfen, die Herbert Aust 1951 für ein Preisausschreiben des Domnick Verlags anfertigte. In einem Schreiben von Ottomar Domnick an Herbert Aust heißt es: „Der Porsche-Preis (…) ist nur an die Akademien der großen Städte ausgeschrieben worden. Es steht Ihnen jedoch frei, sich außer Konkurrenz an diesem Wettbewerb zu beteiligen. (...) Es besteht die Möglichkeit, dass auf außer Konkurrenz eingegangene Arbeiten zurückgegriffen werden muss, wenn von den Akademien kein für die Firma Porsche geeignetes Zeichen eingesandt wurde.“

DIESE FÜNF ENTWÜRFE FÜR FIRMENZEICHEN FAND JOACHIM AUST IM ARCHIV SEINES VATERS. SIE HÄTTEN DAS CORPORATE DESIGN VON PORSCHE ÄNDERN KÖNNEN

Fünf Entwürfe entstanden. Ganz genau lässt sich nicht mehr rekonstruieren, wie viele der Domnick Verlag schließlich vorgelegt bekam. „Aus allen Einsendungen ist zwar ein Gewinner ermittelt worden, letztlich ist aber keiner der Entwürfe von Porsche genutzt worden“, sagt Frank Jung. „Mit dem Domnick Preis war aber das Bewusstsein bei Porsche für ein Logo beziehungsweise Wappen neben dem Schriftzug geweckt.“ Erst 1952 entstand nach der Skizze von Franz Xaver Reimspieß das heutige Porsche-Wappen. Doch diese Episode zeigt abermals, dass sich Herbert Aust aus den verschiedensten Perspektiven grafisch mit Porsche auseinandergesetzt hatte. Und noch etwas fällt bei genauer Studie der Entwürfe ins Auge: Zwei von den Entwürfen sind mit Schriftzügen versehen, wie wir sie auch vom 356 „Nr. 1“ Roadster und älteren Dokumenten kennen – mit eher rundlichen Lettern. Aber zwei weitere zeigen den Schriftzug, wie er auch auf dem Originalentwurf des 356-Prospekts in Dr. Joachim Austs Büro hängt. „Die Dokumente belegen, dass mein Vater seine verschiedenen Entwürfe und grafischen Möglichkeiten intensiv mit Porsche diskutiert hat“, sagt Joachim Aust. „Die Entwürfe für den Domnick-Wettbewerb sind dafür gute Beispiele.“

Joachim Aust geht es nicht darum, Ansprüche geltend zu machen oder Forderungen zu stellen. Für ihn ist es – kurz gesagt – eine Herzensangelegenheit. So bleibt abzuwarten, was sich in der Causa Porsche-Schriftzug noch ergibt. Eines ist sicher: Joachim Aust bleibt dran. Und somit auch PORSCHE KLASSIK.

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