Das wichtigste Jubiläum
25.12.2010 14:08
Hans Herrmann über seinen Sieg im Jahr 1970 in Le Mans - Teil 4
Die Liste der Freunde, die er auf der Rennstrecke verloren hatte, war zu lang geworden: „Wenn ich in meine Biografie schaue, das ist schlimm, wie viele Kollegen nicht mehr am Leben sind“. Für Hans Herrmann war 1970 die erste Saison im Porsche 917. „Vorher haben wir alle die Hände abweisend hingehalten. Gerhard Mitter sagte, das ist kein Auto, sondern ein Geschwür. Es machte, was es wollte, mal untersteuerte es, mal übersteuerte es. Das war schon auf der Nordschleife im Bereich Hatzenbach eine Katastrophe, wo man recht langsam war. Deshalb haben wir auch nie vermutet. dass es ein aerodynamisches Problem sein könnte. Dabei hatten wir uns auf den Wagen gefreut, und darauf, dass wir einen starken Motor bekommen. Sonst hatten wir nur auf den bergigen Strecken Chancen mit dem 3-Liter-908.“
1970 sei für ihn das schwerste Le-Mans-Rennen gewesen, allein durch die Witterung. „Wir mussten oft Reifenwechsel vornehmen und uns immer wieder dem Wetter anpassen.“ Die Geschwindigkeitsunterschiede hätten eine ungeheure Konzentration erfordert. „Im Training haben wir bis zu 382 km/h erreicht, die Langsamen waren mit Tempo 280 unterwegs. „Und nun stellen sie sich vor, es ist Nacht, man sieht nur die Lichter und konnte in der Gischt sonst nichts erkennen. Zudem waren wir damals nur zwei Fahrer, wir haben auf Pritschen im Bus geschlafen und oft nur eineinhalb Stunden Pause gehabt.“
Es habe überhaupt keinen Sinn gemacht, am Start vorne zu stehen, nach den ersten vier Stunden hätte es angefangen wichtig zu werden, die anderen hätten sich inzwischen zerrissen. Als er wusste, wo er stand, habe er begonnen, Druck zu machen. Ob ihm das Wetter einen Vorteil brachte? „Es gibt viele, die im Regen nicht gut sind, wenn man selber nicht schlecht ist, hat man einen Vorteil. Aber jeder Rennfahrer fährt lieber im Trockenen.“ 16 Fahrzeuge kamen 1970 ins Ziel, nur sieben wurden gewertet.
Begegnung am Nürburgring
1960 trat Hans Herrmann beim 1000-Kilometer-Rennen am Nürburgring an. Auf seinem Wagen stand die Startnummer 23. Das fiel einer jungen Frau auf, die durch das Fahrerlager ging. Denn “23”, das war auch ihr Alter. Sie hieß Magdalena und wurde zwei Jahre später die Ehefrau von Hans Herrmann. Heute sind sie seit über 48 Jahren glücklich verheiratet. 1965 wurde Hans Herrmann Vater, 1969 zum zweiten Mal - und die Familie und die immer stärker werdende Kommerzialisierung des Rennsports ließen ihn schon länger an Rücktritt denken.
Als er sich im Juni 1970 vor dem Haus von seiner Frau verabschiedete und ins Auto stieg, fragte sie ihn, ob er aufhört, wenn er diesmal Le Mans gewinnt. Hans Herrmann gab seiner Frau sein Wort, bei einem Sieg den Helm an den Nagel zu hängen. So wurde das Rennen in Le Mans mit dem Porsche 917 und der Startnummer 23 im Jahr 1970 nicht nur zum wichtigsten Rennen in der Geschichte der Firma Porsche - sondern auch zum Abschied von Hans Herrmann aus dem aktiven Rennsport. Er stieg danach mitten in der Saison aus. So gesehen, ist das wichtigste Jubiläum in diesem Jahr nicht der Sieg in Le Mans, sondern der Tag, an dem Hans Herrmann seine Frau kennenlernte.
Mit diesem vierten Teil endet unsere kleine Serie mit Hans Herrmann zum Le-Mans-Jubiläumsjahr.

